Grundlagen der Plagiatsphrasenforschung, Teil 1: Die richtigen Umgangsformen

Nachdem der Rat der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf am 22. Januar 2013 beschlossen hatte, ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktorgrades einzuleiten, erklärte die Ministerin, der Wissenschaft auch diesen großen Dienst noch erweisen zu wollen: An ihrer eigenen Person, im eigenen Fall und im eigenen Verfahren wollte Annette Schavan höchst notwendige Grundlagenforschung betreiben lassen. Denn die Ministerin hatte feststellen können, dass sich die Debatte „inzwischen“ vom haltlosen Vorwurf der Täuschung ab- und Grundsätzlichem zugewandt habe. Da hatte es nun schon so viele Plagiatsverfahren im Lande gegeben, und so viele hatten ihren Doktorgrad bereits verloren: der Freiherr zu Guttenberg, Frau Mathiopoulos, Frau Koch-Mehrin, von all den Unbekannten gar nicht zu reden – und jetzt erst, ausgerechnet im Fall der Bundesministerin für Bildung und Forschung höchstselbst, war aufgefallen: Wir wissen ja gar nicht, wovon wir reden, wenn wir von Plagiaten reden! Da musste wohl noch mal ganz von vorne angefangen werden:

Ab wann spricht man in der Wissenschaft von einem Plagiat? Und das halte ich für eine ganz wichtige Frage, gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin. So schmerzhaft diese Geschichte jetzt für mich ist: Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis. Darauf hat ja auch die Hochschulrektorenkonferenz schon hingewiesen. [1]

An der Sicherstellung eines wissensgerechten Umgangs mit Plagiatsvorwürfen im Düsseldorfer Fakultätsrat wollte Schavan gerne hilfreich mitwirken. Das war sie der Wissenschaft schuldig. Wenn da ein gemeinsames Verständnis entstehen könnte, wäre das im Ergebnis sicher gut. In den vergangenen Monaten hatte sie

mit zahlreichen Fachwissenschaftlern gesprochen und damit die Frage verbunden: Liege ich richtig, wenn ich sage, meine Arbeit ist kein Plagiat? […] Diese vielen Gespräche und Diskussionen haben mich in dieser Überzeugung bestärkt. […] In dem eröffneten Verfahren steckt die Chance, den wissenschaftlichen Disput zu führen und dazu externe Fachgutachter einzuladen. [1]

Solche zum Beispiel, mit denen die Ministerin gesprochen hatte.

Doch der Düsseldorfer Fakultätsrat ließ die Chance zum wissenschaftlichen Disput mit externen Fachgutachtern ungenutzt. Auch mit solchen, die ihre Fachgutachten schon sehr frühzeitig und sehr extern abgegeben hatten: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. Mai 2012 etwa, [2] oder auch in der ZEIT vom 17. Oktober 2012. [3] Und so gab es kein gemeinsames Verständnis. Es blieb in Düsseldorf bei der schon erledigt geglaubten „Wild-West-Version“ des Rohrbacher-Gutachtens: Vorsätzliche und systematische Täuschung sei Schavan anzulasten, befand am Ende auch der Fakultätsrat. Irgendwelche Grundlagenforschung wurde hier offenbar nicht für nötig gehalten.

Großforschungsauftrag der Wissenschaftsspitzen

Beim Fakultätsrat hatte die Mahnung der Ministerin, dass jetzt erst einmal die Zeit für die Klärung von ganz Grundsätzlichem gekommen sei, bevor überhaupt wieder von Plagiaten geredet werden könne, leider keine Resonanz gefunden. Doch andernorts war sie sehr wohl gehört worden. Nicht nur mit der Hochschulrektorenkonferenz hatte sich Schavan hier einig gewusst. Die Fragen waren ganz, ganz grundsätzlich, und entsprechend Großes kündigte sich alsbald an in der deutschen Wissenschaftslandschaft.

Es war – welch Zufall – ein altgedienter Weggefährte der inzwischen aus dem Amt gehetzten Ministerin, der die Dinge in die Hand nahm: Der Berliner evangelische Theologe und einstige Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies. [4, 5, 6] Dieser kompromisslose Streiter für die Einhaltung „der höchsten methodischen wie inhaltlichen Standards“ in der Wissenschaft hatte frühzeitig festgestellt:

Es entspreche nicht guter wissenschaftlicher Arbeit, wenn „wörtliche Zitate nicht ausgewiesen sind“, Autoren sich also mit fremden Federn schmücken. „Ein solcher Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer ist an einer Universität schlechterdings nicht akzeptabel“, so die Rüge des Präsidenten. [7]

Genau genommen war dies allerdings nicht frühzeitig, sondern vorzeitlich gewesen, nämlich bevor es um Schavan ging. Nun jedoch waren die Voraussetzungen und Notwendigkeiten heutiger Gewissensbildung irgendwie ganz andere. Unmittelbar nach der Düsseldorfer Entscheidung, am 7. Februar 2013, bekundete Markschies, dass er selbst die Arbeit der Ministerin „mehrfach gelesen“ habe und – anders als etwa im Fall zu Guttenberg – „keinen Anlass zum Entzug des Doktorgrades“ erkennen könne:

Ein vergleichbarer Grad von wissenschaftlichem Fehlverhalten, der die Aberkennung der Promotion im Falle von Annette Schavan rechtfertigen würde, liegt bei ihrer Dissertation „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ definitiv nicht vor. Der zweite Teil ihrer Dissertation ist eine originelle wissenschaftliche Leistung, die Gewissensbildung und Wertevermittlung im Schulunterricht zum Thema hat. [8]

Für eine solche Feststellung hatte es allerdings der mehrfachen Lektüre durch den Plagiatsfachmann bedurft. Als Laie hätte man dagegen Stein und Bein geschworen, dass gerade der zweite Teil der Doktorarbeit ganz besonders unoriginell sei und lediglich „Theorien über das Gewissen“ referiere, und dass im übrigen von Gewissensbildung und Wertevermittlung im Schulunterricht in der gesamten Arbeit nirgendwo (und zwar ganz genau an keiner Stelle) mit auch nur einem einzigen Wort die Rede sei.

Da war man dann erleichtert, zu erfahren, dass solche Experten wie Markschies und seinesgleichen sich der Plagiatsfrage noch einmal wissenschaftlich in aller Gründlichkeit und ganz im Sinne der Schavan’schen Mahnung annehmen würden. Und es war – welch Zufall – Joachim Frank, schavanös als journalistischer Blutgrätscher bereits bestens bewährt, [9, 10, 11] der schon am 22. Februar 2013 die frohe Kunde vom „groß angelegten Forschungsprojekt“ über „Zitat und Paraphrase“ verbreiten durfte. In diesem staunenswert rasch konzipierten, organisierten und finanzierten Großprojekt würden nun für zweieinhalb Jahre nicht weniger als 25 Forscher an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zusammenwirken, um überhaupt erst einmal Ordnung in die Plagiatsfrage zu bringen. Markschies stellte unter anderem die überraschende Forderung auf, dass zunächst zwischen Zitat und Paraphrase unterschieden werden müsse. Auch sonst gab es allenthalben Ungeklärtes, Verunsicherndes. Ein verschreckter Joachim Frank, in Gedanken noch ganz bei Annette Schavan, fragte:

Kann man dann einer einzelnen Arbeit überhaupt gerecht werden, bevor die Ergebnisse Ihrer Forschung vorliegen? [12]

Das kann man natürlich nicht.

Zumindest fehlen wichtige Instrumente für ein Gesamturteil, [12]

stellte Markschies fest. Das sollte auch dem Verwaltungsgericht Düsseldorf zu denken geben, bei dem Schavans Anwälte zwei Tage zuvor ihre Klageschrift eingereicht hatten. Doch fürchtete Joachim Frank, die Ergebnisse der Berlin-Brandenburgischen Großforschung kämen „für Annette Schavan höchstwahrscheinlich zu spät“. Der Leiter des Forschungsvorhabens sah dies ganz abgeklärt, vom streng wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus:

So ist das bei Langzeitprojekten. Sie können nicht am Wohl und Wehe von Individuen ausgerichtet sein, sondern am Erkenntnisgewinn für das große Ganze. [12]

Zweieinhalb Jahre lang werden 25 Gelehrte in der eigens eingerichteten Abteilung für Zitatsparaforschungsphrasen alles gründlich zerforschen

Am Erkenntnisgewinn für das große Ganze ausgerichtet sind ab sofort 25 „Wissenschaftler aus dem In- und Ausland“. Genannt werden neben Markschies der Tübinger Literaturwissenschaftler Georg Braungart, der frühere Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter Gaehtgens, und

der US-Historiker Anthony Grafton (Princeton University), der bereits in den 1990er Jahren ein Buch über die „tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote“ veröffentlicht hat. [12]

Die deutsche Fußnote wird sich auf besondere Wertschätzung seitens dieser Forschergruppe wohl keine übertriebenen Hoffnungen machen dürfen.

Inzwischen erweist es sich als schwierig, Genaueres über dieses so wichtige Grundlagengroßprojekt in Erfahrung zu bringen. Weitere öffentliche Verlautbarungen hat es nicht gegeben. Auf der Homepage der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wird das Vorhaben „Zitat und Paraphrase“ bis heute nicht angezeigt. Als sicher darf jedoch gelten, dass es sich nicht um die Arbeitsform eines „Akademievorhabens“, sondern um eine „Interdisziplinäre Arbeitsgruppe“ (IAG) handelt, die sich im Mai konstituiert hat. Bei dieser Gelegenheit referierte der Zürcher Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn, Autor einer viel gelobten Literaturgeschichte des Plagiats. Theisohn war in der Causa Schavan mit Wortmeldungen wie dieser hervorgetreten:

Tausche ich die Wortkombinationen, über die Frau Schavans Arbeit der Plagiatssoftware ins Netz ging, durch andere aus, ist wieder alles in Ordnung. Was hat sich dann an der Arbeit substantiell verändert? Gar nichts. Es ist das Ende der Geisteswissenschaft, wenn für ihre Außenwahrnehmung nur noch entscheidend ist, ob richtig paraphrasiert wurde. [13]

In der IAG „Zitat und Paraphrase“ ist ihm nun offenbar eine tragende Rolle zugedacht. Bei der Tagung des Wissenschaftsrats über „Wissenschaft in der Verantwortung“ („Gute wissenschaftliche Praxis und Qualitätssicherung in der Promotion“), die am 23. Juli 2013 praktischerweise in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft abgehalten wurde, [14] durfte er den einzigen Vortrag der Veranstaltung halten und nutzte die Gelegenheit zu einer Polemik gegen die Düsseldorfer Entscheidung.

Theisohn wurde 2004 in Tübingen promoviert und war dort einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Akademischer Rat am Deutschen Seminar tätig. Mit dem Tübinger Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literatur, Georg Braungart, verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit. In der IAG „Zitat und Paraphrase“ ist Georg Braungart dem Vernehmen nach neben Markschies federführend. Nebenher ist Braungart – welch Zufall – Leiter des Cusanuswerks, des Begabtenförderungswerks der katholischen Kirche in Deutschland, dem dermaleinst auch schon Annette Schavan und Ludger Honnefelder [15] vorstanden. Auch Braungart geht es einzig und allein um den Erkenntnisgewinn für das große Ganze, und nicht etwa um Personen. Im Interesse eines wissensgerechten Umgangs mit den irritierenden Nachrichten aus der Welt der Wissenschaft referierte er daher auch am 20. Juni 2013 vor dem Rotary Club Reutlingen-Tübingen-Süd. Thema seines Vortrags:

Denk ich an Düsseldorf in der Nacht … Der Umgang mit Annette Schavan und die Folgen für die Geisteswissenschaften [16]

Man wird wohl zu dem Schluss kommen müssen, dass die Aufgabe der Berlin-Brandenburgischen Grundgroßlagenforscher über die Zitat- und Paraphrasenforschung noch weit hinausreicht: Es geht darum, den Untergang der Geisteswissenschaften zu verhindern. Die sind nämlich am Ende, wenn es in der Außenwahrnehmung nur noch auf’s richtige Paraphrasieren ankommt.

Und wenn mit Annette Schavan so umgegangen wird.

absatz

Fortsetzung und Schluss

10 Antworten zu “Grundlagen der Plagiatsphrasenforschung, Teil 1: Die richtigen Umgangsformen

  1. Und ich dachte, dass der Erkenntnisgewinn beim Löschen von Nebelkerzen bereits endgültig wäre. Da kommt nun dieses Schawahn-Netzwerk daher und schafft es, die Wissenschaft ausgiebig zu beschäftigen. Aber hoffentlich in einem Sinne, den dieses Netzwerk nicht so beabsichtigt: selbst zum Gegenstand der wissenschaftlichen Erkenntnis zu werden.

  2. Jens von Hammerstein-Equord: Korrelationen von Stellungnahmen zum Plagiatsfall Schavan und Geldmitteln aus dem BMBF. Eine netzwerktheoretische Untersuchung zur Bewusstseinsformung mit Schwerpunkt auf der Allianz der Wissenschaftsorganisationen und dem Cusanuswerk. VS, Wiesbaden 2014 (in Vorbereitung).

    • Gegen diese üble Matrixelnummer ist bereits im Namen meiner Mandantin, der wiss. Sauberkeitsstandarten-Allianz SAUSTALL, eine einstweilige Verfügung beantragt. Es ist davon auszugehen, dass es auch in diesem Fall trotz der Druckerzeugung zu einer Auslieferung nicht kommen wird.

  3. Wie ironisch ist es, dass ein aussichtsreiches Großforschungsprojekt zur Hymnologie begründungslos gestrichen werden musste, während andernorts 25 Forscher über Jahre die Begriffe Zitat, Paraphrase und Plagiat in eine angenehme Beziehung zueinander setzen wollen?
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/forschungsfoerderung-drei-jahre-nervenkrieg-und-eine-niederlage-12310995.html

    • Danke für den wertvollen Hinweis. Wie unsere Recherchen ergeben haben, handelt es sich tatsächlich um dieses hymnologische Großforschungsprojekt. Es wurde nur geringfügig reorientiert („Anwendungsbezogene Hymnologie“) und um eine Pilotphase erweitert, um an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt werden zu können. In der gerade laufenden Pilotphase werden durch entsprechende Begriffsbeziehungsgestaltung die Voraussetzungen für die Arbeit im Hauptteil geschaffen.

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