Die Wissenschaft selbst

schnierl
Als braver Abonnent der Süddeutschen Zeitung hat man neuerdings einiges auszuhalten. Ganz arg war’s zum Beispiel am 14. Juni 2012. „Plagiate in der Wissenschaft: Unwürdiges Spektakel“ lautet der Titel des Gastbeitrags, und damit hätte man ja sofort einverstanden sein können. Leutl’n, seid’s halt g’scheit und schreibt’s ned ab, des is doch a Schand‘ – doch nein, so ist es wohl nicht gemeint. Wirklich nicht. Sondern:

Guttenplag und kein Ende: Immer neue Plagiatsvorwürfe gegen Inhaber von Doktortiteln haben ein Klima des Verdachts und der Bedrohung erzeugt. Das macht eine Klarstellung durch die Wissenschaft selbst notwendig

steht da gleich zu Anfang ordentlich fett gedruckt.

Oho! Ein Klima! Des Verdachts! Der Bedrohung gar! in dem Inhaber von Doktortiteln zagen und zittern müssen, dass es einen freilich barmt. Immer neue Plagiatsvorwürfe – a solchene Schand‘ is des!

Eine „Klarstellung“ ist da wohl unbedingt angebracht. Das übernimmt dann auch niemand anderes als „die Wissenschaft selbst“. Ja öha! d’Wissenschaft selbst. Ja geh‘ zua.

Bevor die Wissenschaft selbst jetzt richtig loslegt mit ihrer Klarstellung in Zeiten der Klimabedrohung, muss sie aber erst mal ordentlich ihre Epauletten und Silbertressen richten und die Schnurrbartenden ganz nach oben zwirbeln, und das geht so:

Die Verfasser des folgenden Beitrags sind: Wolfgang Frühwald (Germanist, München), Gerhart von Graevenitz (Germanist, Konstanz), Ludger Honnefelder (Philosoph, Bonn und Berlin), Reimar Lüst (Physiker, Hamburg), Christoph Markschies (Theologe, Berlin), Ernst Theodor Rietschel (Chemiker, Berlin), Ernst-Ludwig Winnacker (Biochemiker, München und Straßburg), Rüdiger Wolfrum (Rechtswissenschaftler, Hamburg und Heidelberg). Die Autoren sind allesamt erfahrene Hochschullehrer und waren oder sind leitende Funktionäre deutscher wie internationaler Wissenschafts-Organisationen. Einige haben als Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewirkt, als Präsident des Europäischen Forschungsrats, als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, als Vorsitzender des Wissenschaftsrats, der Leibniz-Gemeinschaft oder der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Mehrere Unterzeichner haben Universitäten und Rektorenkonferenzen geleitet. Insbesondere haben sich alle Autoren fachlich und in Gremien intensiv mit ethischen Fragen der Wissenschaft beschäftigt.

Man möcht‘ vor lauter Demut schier darniedersinken vor der Wissenschaft selbst. Und es mag an dieser Benommenheit liegen, die wir Niederen in Gegenwart solch höherer Wesenheiten ja so oft und gern verspüren, dass man erst so etwa zwei, drei Absätze später merkt: Hoppla – es hat ja wohl richtig angefangen inzwischen mit diesem Gastbeitrag, also auch inhaltlich jetzt, und ich hab‘ ja schon zwei, drei Absätze gelesen – aber was war das noch gleich? Nochmal zurück:

Begriffe wie der vom “Abschreiben” greifen zu kurz. Auch bei einer juristischen Betrachtung des “Plagiats” als eines Verstoßes gegen das Recht am geistigen Eigentum Dritter oder als Handlung in Täuschungsabsicht wird nur die Außensicht dessen in den Blick genommen, was in den Wissenschaften als “Plagiat” bezeichnet wird.

Wie gut, dass die Wissenschaft selbst weiß, was da jetzt Sache ist:

Das Verbot des Plagiats umfasst in der Wissenschaft weit mehr

sagt sie. Also noch strenger! Das ist schon ein ganz klein wenig verwirrend jetzt, wegen des Guttenplags vom Anfang, womit kein Ende war, und wodurch doch ein Klima des Verdachts und der Bedrohung … Meint die Wissenschaft selbst vielleicht, dass das gar nicht so schlecht ist, dieses Klima des Verdachts und der Bedrohung? Pädagogisch wertvoll vielleicht? Nötig sogar?

Das ist noch nicht ganz klar. Erst mal erfahren wir vielmehr, wie sehr viel mehr das Plagiatsverbot in der Wissenschaft umfasst:

Das Verbot des Plagiats […] dient dazu, das Ziel der Wissenschaft und damit die Wissenschaftlichkeit von Wissenschaft sicherzustellen. Ziel der Wissenschaft als Forschung aber ist Erkenntnisfortschritt.

Das klingt immerhin noch so, als ob man es verstehen können könnte. Nur ist es eigenartig, wie sich dann im Folgenden die Sache mit dem „Abschreiben“ von selbst erledigt und wie sich das „weit mehr“, welches das Plagiatsverbot in der Wissenschaft demgegenüber doch umfassen soll, als umfassender Drahtverhau gegen unbefugtes Betreten des Geländes entpuppt. „Weit mehr“ als an der Feststellung eventueller Plagiate scheint die Wissenschaft selbst nämlich daran interessiert zu sein, dass niemand als sie selbst über Plagiate in der Wissenschaft befindet:

Die Kriterien des Umgangs mit Quellen und Texten, Gedanken und Argumenten werden […] dadurch zu verbindlichen Normen wissenschaftlichen Verhaltens, dass sich die Wissenschaft selbst an die von diesen Kriterien grundgelegten Methoden bindet.

Hm – „von diesen Kriterien grundgelegte Methoden“ – also mit Verlaub, das hört sich irgendwie tiefergelegt an. Und müsste es in diesem Fall nicht eigentlich richtig heißen, „dass sich die Wissenschaft selbst selbst …“?

Immer noch diese Benommenheit. Und die wird nicht geringer über die nächsten Absätze hinweg. Dicht wallen die Schwaden um den Drahtverhau, und man weiß gar nicht so recht, von woher die Stimme der Wissenschaft selbst durch diese nebulöse Szene tönt und wohin der Sinn ihrer Worte strebt. Nur eines ist gewiss: Kein Zutritt, Eltern haften für ihre Kinder, und hinschauen soll man möglichst auch nicht.

Nur der Wissenschaft selbst – genauer: den einzelnen Fachwissenschaften – steht es also zu, die Einhaltung der gerade erst verbindlich gewordenen Normen zu überprüfen. Irgendwelche freilaufenden Plagiatsrechercheure haben da nichts verloren. Freilich mögen digitale Möglichkeiten des Textvergleichs mitunter nützlich sein – aber sie sind

nicht ausreichend für die Antwort auf die Frage, ob der betreffende Beitrag die Neuartigkeit des vorgetragenen Gedankens und seinen Bezug auf den jeweiligen Stand der Forschung hinlänglich einsichtig und überprüfbar macht.

Vom Abschreiben, das verboten sei, war hier wirklich schon lang nicht mehr die Rede. Stattdessen ist

eine komplexe Reihe von Umständen zu prüfen

die derart komplex zu sein scheint, dass sich jede Einmischung Unberufener eigentlich von selbst verbieten müsste. Und die Wissenschaft selbst ist ja auch wirklich eifrig bemüht – weltweit sogar ist sie damit intensiv befasst! – für Sauberkeit in ihrem Laden zu sorgen. So recht Konkretes ist freilich momentan über diese weltweit intensive Befasstheit und ihre ersten Resultate wohl noch nicht mitzuteilen.

Was sollen aber auch die Einzelheiten, wo doch das Ganze just in diesem Augenblick schon wieder zu scheitern droht! Denn hiervon ist uns, leider, nun zu künden: Unheil dräut. Ist es die schiere Zahl, die unerhörte Rafinesse ruchloser Plagiatoren? Sind es gleichgültige oder verkalkte Doktorväter und Doktormütter, von denen solcherlei Gefahr ausgeht? Die Unwägbarkeiten der Beurteilung verschachtelter Paraphrasen? Auswirkungen des Waldsterbens auf die Entwicklung der Druckkosten für Dissertationen? 

Nichts davon. Es sind die freilaufenden Plagiatsrechercheure, die sich so leicht nicht abhalten lassen von ihrem verantwortungslosen Tun: Von ihnen droht höchste Gefahr. Denn es wird die redliche Absicht der Wissenschaft selbst, diese

wichtige Intention […] konterkariert, wenn die Methode digitaler Textvergleichung für etwas eingesetzt wird, was mit einer kriteriengeleiteten Auseinandersetzung mit Plagiatsvorwürfen nichts zu tun hat. Wir beobachten mit Sorge, dass in der letzten Zeit durch nach Belieben gesetzte Standards wissenschaftlichen Arbeitens sowie durch nachträgliche Anwendung erst später entwickelter Kriterien ein Klima des Verdachts und der Bedrohung entsteht, in dem Vertrauen durch scheinbare Transparenz ersetzt wird, junge Menschen bei der Herstellung ihrer Qualifikationsarbeiten in Verwirrung geraten und das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit beschädigt wird.

Ja, das war zu befürchten. Daran wird’s scheitern. Mit Sorge beobachten wir das: Keine Kriterien, kein Sinn für die Historie in der letzten Zeit – gerade so, als ob wir vor 32 Jahren nicht noch im mittleren wissenschaftlichen Neolithikum gelebt hätten! Keiner kennt mehr seinen Platz. Und da wundern wir uns dann, wenn junge Menschen bei der Abfassung ihrer Qualifikationsarbeiten in Verwirrung geraten. A weng damisch san s‘ scho, de junga Leit heitzutag. Wisst Ihr überhaupt, Ihr Plagiatsrechercheure und Ihr Klimatechniker des Verdachts und der Bedrohung, wie furchtbar leicht junge Menschen bei der Abfassung ihrer Qualifikationsarbeiten in Verwirrung geraten?

Ich finde, die Wissenschaft selbst sollte sich das mit ihrem eifrigen Bemühen weltweit nochmal intensiv überlegen. Denn was wird aus dem Vertrauen, wenn selbst die Wissenschaft selbst (oder nicht selbst?) versucht,

Mechanismen und Strukturen zu etablieren, um die Integrität wissenschaftlichen Verhaltens sicherzustellen, Fehlverhalten frühzeitig zu erfassen, zu bewerten und mit Sanktionen zu belegen

? Klingt das vielleicht nach Vertrauen? Nein – hier läuft die Wissenschaft selbst Gefahr, noch mehr verwirrte junge Menschen hervorzubringen.

So. Glei‘ homma’s g’schafft. Hinauf in noch beträchtlichere Höhe, doch das ist dann auch das Finale:

Eine Praxis, die die notwendige sachliche Überprüfung verdächtigter Arbeiten behindert und lediglich behauptete Verfehlungen durch ständige Wiederholung fixiert, ist ein Spektakel, das einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig ist.

Genau. Die aufgeklärte Gesellschaft musste noch her, man hatte sie ja schon vermisst. Eine aufgeklärt-gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist hier dringlich in Angriff zu nehmen: Haltet fern all die Unberufenen, Unbefugten, die sich erdreisten, selbst zur Aufklärung zu schreiten! Wehret einer Entwicklung, in deren Folge Vertrauen ersetzt wird durch scheinbare Transparenz!

Denn das war ja immer schon die Maxime der Aufklärung: Vertrauen. In vorliegendem Fall am besten zur Anwendung zu bringen in seiner gesellschaftlich handlichsten Form: Vertrauen in die Autorität der Berufenen. Respektive in die berufenen Autoritäten. Kurz gesagt: Respekt!

Homma’s jetzat?

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P.S.: Warum ich jetzt gerade auf „32 Jahre“ gekommen bin, ist mir ein völliges Rätsel. Wieso ausgerechnet „32 Jahre“?

P.P.S.: Der Anatol Stefanowitsch hat sich selbst zu diesem Gastbeitrag der Wissenschaft selbst sehr scharf geäußert.

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