Hütchenspiele, Teil 7: Ab in die Grube

Was war das doch für eine Aufregung hier in den letzten Tagen! Die angebliche „Simone G.“ in Wahrheit eine littauische Hochstaplerin in operativem Einsatz an der Universität Kassel … enttarnt durch Promotionsberater Professor Dr. Mathias G. Schroeder, den sie wohl aus enttäuschter Verliebtheit so übel verfolgt hatte … nun selbst vor der Staatsanwaltschaft Kassel auf der Flucht und vermutlich im tiefsten Littauen nahe einer Sandgrube zu suchen … Oder schon in derselben? Wie war das alles nervenaufreibend! – Und über all dieser Anspannung hätten wir den Abspann fast vergessen. Denn die Hütchenspiele müssen ja noch ordentlich abgewickelt werden.

„Simone G.“ hat Fersengeld gegeben und uns einen unaufgeräumten Schreibtisch, drei Apfelbutzen der Sorte „Goldparmäne“ und einen Freifahrtschein für die Pioniereisenbahn Košice hinterlassen. Der ist 1984 abgelaufen. Dennoch vielleicht ein Hinweis auf das Fluchtfahrzeug? – Wir müssen uns hier nun aber ganz auf den Abschluss der Hütchenspiele konzentrieren. Die Notizen sind ungeordnet, unleserlich und zeugen von der wachsenden Besessenheit, mit der „Simone“ immer weiteren Verquickungen in der Szene nachjagte. Das Badezimmer ist nicht betretbar, denn hier hat sie versucht, ihre Hirngespinste in einem raumfüllenden Modell nachzubilden. An den Wänden, am Spiegel, am Vorhang eine Unzahl von Zetteln mit unsinnigen Aufschriften wie „Afum Monh“, „Prof. Kl. Oestr./IPE Paris!!!!“, „Fuller Apsley“, „Kerkr.“, „EURAKA Königst“, „Girne“, „MinR Claus Walter Sekt VI (Prof Brat!)“ usw., die durch ein Gewirr von Wollfäden regellos und undurchdringlich verbunden sind. Eine Broschüre der Gesellschaft für österreichisch-zypriotische Freundschaft mit zahllosen Unterstreichungen und dem handschriftlichen Vermerk Όλοι οι ρεμπέτες του ντουνιά in littauischer Sprache fand sich im trocken gefallenen Aquarium. Der Wandkalender ist dicht bedeckt mit täglichen, manchmal stündlichen Eintragungen zum vermuteten Aufenthaltsort von Professor Schroeder: „London“, „Liechtenst.“, „Hambg. vermutl. Rothenb.chauss.“, „Ffm/London“, „Liechtenst.“ usw. – eine fortlaufende Dokumentation des Wahns.

Ein prall und wüst gefüllter Ordner mit der Aufschrift „Allensbach Hochschule“: völlig unbrauchbar. Haltlose Spekulation, krude Verdächtigung. Dabei liegt alles so klar zutage: Diese Hochschule in Konstanz am Bodensee gehört seit 2015 der European Education Group der Eheleute Keppler. In der Schweiz sind die Eheleute Keppler schon seit 2008 als Promotionsexperten tätig. Von Konstanz aus sind Promotionen nun an einer Universität in Nordzypern möglich. Diese Universität ist in Nordzypern staatlich anerkannt, und Nordzypern ist nicht nur von der Türkei, sondern auch von der Allensbach Hochschule staatlich anerkannt. Letzte Zweifel über die Verhältnisse beseitigt ein Grundsatzreferat des Präsidenten des Verwaltungsrates der European Education Group. Er referiert zum Thema: „Titelhandel in Europa/Titelhandel auf Abwegen?“ – Nein, man muss wohl keine Sorge haben, dass der Titelhandel hier auf Abwege geraten könnte. Es handelt sich um eine staatlich anerkannte Hochschule im allgemein anerkannten Lande Baden-Württemberg. Im Herbst 2016 wurde Dr. Sonja Keppler vom Ruf auf eine Professur an dieser Hochschule der Eheleute Keppler ereilt, an der Timo Keppler Kanzler ist. Auch das verdient Anerkennung, und „Simone G.“ hat sich erneut total verrannt.

Dann ist da ein Ordner mit der Aufschrift „Söhne des Vaso“. Fast leer. Ein sorgsam gezeichneter Stammbaum, eine Genealogie der edlen Geschlechter der Vasojevići, allesamt den Lenden jenes Urvaters in den Bergen Montenegros entsprossen: Vaso zeugte den Rajo, und den Novak, und den Mioman, und Rajo zeugte den Đuro, und Đuro zeugte offenbar den Miloš, und ein wenig später wurde dann auch Slobodan Milošević gezeugt, der das Serbentum zu neuer Größe und zu sehr viel Ruhm führte. Und Mioman zeugte auch, und wenig später wurde dann Professor Milija Zečević gezeugt, und dann zeugte Professor Milija Zečević die European University in Belgrad. Und auch Novak zeugte, aber die Einzelheiten spielen hier keine Rolle. Überhaupt wurde sehr viel gezeugt, wodurch die Vasojevići ungeheuer zahlreich wurden, aber sie wissen bis heute noch alle ganz genau, welchen Lenden sie im Einzelnen entsprossen sind. Denn die Söhne des Vaso aus den Schwarzen Bergen sind Serben von stolzester und edelster Serbität. Die serbsten aller Serben aber sind die Zečevići, weshalb sie dem großen Slobodan Milošević in besonderer Liebe verbunden sind. Und als Slobodan Milošević im Jahre 1965 mit Mirjana Marković jenen schicksalhaften Bund für’s Leben schloss, da war Miodrag Zečević ihr Trauzeuge. Und später halfen Milija Zečević und sein Bruder Miodrag dem großen Slobodan Milošević ein wenig dabei, die unnütz herumliegenden Güter und Gelder im Land in Sicherheit zu bringen und nützlicher Verwendung zuzuführen. Und Miodrag wurde deshalb in Paris ein wenig verhaftet, und Milija und Miodrag wurden deshalb von der Europäischen Union ein wenig zu unerwünschten Personen erklärt. Aber das war nur eine Episode. An der European University mehren Prof. Dr. Milija Zečević und Prof. Dr. Miodrag Zečević und Prof. Dr. Radoje Zečević und Dozent Dr. Saša Zečević und Prof. Dr. Leposava Zečević und Prof. Dr. Slobodan Zečević und Prof. Dr. Olgica Zečević-Stanojević und Prof. Dr. Tomislav Zečević den Ruhm der serbischen Wissenschaft und die Zahl der Promotionsurkunden, die Univ.-Prof. DDr. Peter Linnert in Wien an die zahlende Kundschaft seines Studienzentrums Hohe Warte ausgeben darf. Am wohlsten aber fühlt sich Prof. Dr. Milija Zečević, wenn er in den Bergen Montenegros öffentlich davon künden kann, aus welchen Lenden er im Speziellen entsprossen ist, und was man dem Serbentum und den Vasojevići ansonsten noch verdankt. Und als 2006 in der Republik Montenegro um die Loslösung von Serbien gestritten wurde, da sammelten sich alle getreuen Serben einmal mehr um Prof. Dr. Milija Zečević, und er hielt flammende Reden über das Blut der Serben und über die Köpfe einiger anderer Leute und sprach ausführlich von den Lenden, aber es half nichts, denn trotz all der Zeugungen gab es in Montenegro nicht genug Vasojevići.

Man kann nur darüber rätseln, was „Simone“ mit diesem Ordner beweisen wollte.

Ein Schnellhefter, Aufschrift: „Meine extrem erfolgreiche Familie“. Inhalt: Zwei Bögen Kohlepapier mit Gebrauchsspuren. Eine Faltschachtel, beschriftet: „Amity University London“. Einziger Inhalt: Ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1994, von Herrn Ashok Chauhan und der Treuhand-Filiale in der Berliner Schneeglöckchenstraße handelnd.

Ein weiterer Ordner: „Olymp“, jedoch keinerlei Informationen zur griechischen Bergwelt enthaltend. Stattdessen überwiegend Kopien hoher und höchster akademischer Auszeichnungen einer erlesenen Gruppe erlauchter Persönlichkeiten, die den außerordentlich seltenen Vorzug genießen, der Aufnahme in die European Academy of Science teilhaftig geworden zu sein. Dieser engste Kreis der europäischen Wissenschaftselite ist in der schönen Stadt Wien unter derselben Adresse zu finden und unter derselben Telefonnummer zu erreichen wie die Sales Manager Academy und das Studienzentrum Hohe Warte von Konsul Univ.-Prof. Dr. rer. pol. Dr. habil. Dr. h.c. mult. Peter Linnert. Präsident der European Academy of Science ist Prof. Dr. Milija Zečević. Unter den 15 Mitgliedern dieses exklusiven Zirkels: Prof. Eduard Evreinov PhD, Grand PhD, Grand Master of the World Order Science-Education-Culture und Begründer der World Information Distributed University. Ferner: Univ.-Prof. DDr. Peter Linnert. Ferner: Prof. Dr. Ludvik Toplak, früherer Rektor der Universität Maribor und von 2002 bis 2006 Botschafter Sloweniens beim Heiligen Stuhl. Ferner: Seine Exzellenz Dr. Ranko Vujačić, Träger der Ehrendoktorwürde der European University des Milija Zečević und seit 2016 Botschafter von Montenegro in Deutschland. Ferner: Seine Exzellenz Prof. Dr. Alfonso Roldán Moré, Gründer der Albert Schweitzer International University in Genf und Öffentlicher Professor an der Universität Oradea in Rumänien, sowie Beatriz Estébanez Gastón PhD, Generalsekretärin der ebenfalls in Genf ansässigen International Commission on Distance Education und Vizepräsidentin der London Diplomatic Academy. An dieser Stelle in den Aktenordner eingeheftet: Ein kompliziertes Diagramm der von den genannten Einrichtungen vergebenen Diplome und Auszeichnungen, stark an das Badezimmer erinnernd. Der Werbeprospekt eines spanischen Instituts für Schönheitsoperationen mit dem handschriftlichen Vermerk „More/Esteb. Gast. = Real Madrid!!“

Der Gedanke an „Simone G.“ in ihrer littauischen Grube weckt inzwischen doch fast ein wenig Mitleid in uns.

Wir kommen nun rasch zu den letzten Dingen. Ein schmaler Aktenordner mit der rätselhaften Aufschrift „Geweyg.“. Der Inhalt bezieht sich auf die vielfältigen Bemühungen von Univ.-Prof. DDr. Peter Linnert, Gründer und Rektor der Goethe Uni Bratislava, die Erkenntnisse der Wissenschaft zum Wohle der Menschheit unmittelbar anzuwenden. Denn Prof. Linnert begnügt sich nicht damit, den Menschen zu akademischen Weihen und schmucken Urkunden zu verhelfen. Gemeinsam mit Ekkehard Zahn, seinem bewährten Mitstreiter aus alten Hamburger Tagen, sorgt er dafür, dass man sich mit verschiedenen Pillen und Säften versorgen kann, die aber keine Medikamente sind, sondern Mittel zur Nahrungsergänzung. Von diesen Mitteln darf man sich die schönsten Wirkungen erhoffen. Auch schön und ebenfalls das Ergebnis langjähriger wissenschaftlicher Forschungen sind die besonderen Crystal Diamanten, die man im Hause des Prof. Linnert unter der Firma „In aeternum“ erstehen kann. Diese besonderen Crystal Diamanten werden jeweils paarweise abgegeben, denn nach dem Ableben eines lieben Mitmenschen wird ein Exemplar dem Verschiedenen mitgegeben, und das zweite Exemplar kommt auf den Kaminsims oder den Teetisch oder sonstwohin. Auf diese Weise entsteht eine starke und in jeder Hinsicht vorteilhafte Verbindung zwischen den Verstorbenen und den Lebenden. Die Diamanten sind mit speziellen Identifikationsnummern versehen. Die Identifikationsnummern sind aus einem geheimen Codex der Forschung entstanden, weshalb faktisch ausgeschlossen ist, dass man als Lebender mit dem falschen Verstorbenen verbunden wird. Oder als Verstorbener mit den falschen Lebenden. Hierbei sind auch speziell angelegte Himmelsbilder von Nutzen.

Ob „Simone G.“ nun wohl Hoffnung daraus schöpft, dass die Wissenschaft der Menschheit mit neu angelegten Himmelsbildern hilft? Ob sie wohl innerlich Abbitte leistet bei Prof. Linnert? Ob sie im Sand nun nach Kristallen sucht?

Denn wir alle hoffen doch, auch wenn es in die Grube geht: Es sei noch lange nicht Schluss.

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2 Antworten zu “Hütchenspiele, Teil 7: Ab in die Grube

  1. Bei „In Aeternum“ steht aber nirgendwo ein Hinweis auf Linnert, sondern ein völlig anderer Namen ist als verantwortlich angegeben. Daraus, das die Firmen die gleiche Adresse haben, wird „im Haus des Prof. Linnert“ gemacht. Es ist die bewährte Masche von Blogschreiberlingen, die sonst nichts hinkriegen.

    [Kommentator Geblubber hat recht. Wir verwenden so viel Zeit auf unsere Nachforschungen, dass wir sonst nichts hinkriegen. Das ist die bewährte Masche der Blogschreiberlinge. – Die Crystal Diamanten (nur echt mit echtem Echtheitszertifikat!) wurden über die „Manuel Ertl Service Beratungs- und Importges. mbh“ angeboten. Im Handelsregister wurde diese Gesellschaft Anfang 2014 eingetragen, als Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter erscheint: DDr. Peter Linnert. -red.]

  2. Schönes Rätselstück. Zum Hinweis auf „Real“ Madrid:
    Vor einigen Jahren wurde der Schlankheitsguru Grethe Støa Birketvedt dabei erwischt, sich mit einer falschen Professur von der Albert-Schweizer-Universität geschmückt zu haben. Norwegische Journalisten haben damals schon herausgefunden, dass hinter dieser angeblichen Universität in Genf ein Schönheitssalon in Madrid steckt.

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