Maßvolles Vordenken als Gebot der akademischen Stunde

Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. mult. Hein-Schmöke Pufogel, stellv. Vors. der wissenschaftlichen Sauberkeitsstandarten-Allianz (SAUSTALL)

Mit Erleichterung und dankbarer Genugtuung darf die Wissenschaftsgemeinde zur Kenntnis nehmen, dass es noch Männer gibt, die dem Treiben der namenlosen Spötter und Jäger im Inter-Netz den Boden zu entziehen und den Ehrenschild der universitas litterarum von allen Flecken zu säubern gesonnen sind. Wir dürfen hoffen, dass manche Laschheit und Bedenklichkeit in dem Kampf, der in diesem unserem geistigen Vaterlande geführt wird, nun der Vergangenheit angehört. Zu dieser Hoffnung berechtigen uns mancherlei Zeichen, insonders aber die Worte des neuen Ombutzmannes der deutschen Wissenschaft.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. curr. führt sich der wackere Stephan Rixen mit einer Würdigung seines Vorgängers in diesem Amte ein und versteht es dabei auf treffliche Weise, mit seinen Lobesworten für Wolfgang Löwer zugleich deutlich zu machen, wie sehr er sich von diesem doch unterscheidet. Denn was war Löwer? Ein wenig geschmeidiger, oft missvergnügt sich gebender, dann wieder zu gänzlich verfehlter Heiterkeit und Gelassenheit neigender Einzelgänger unter uns, der sich in entscheidender Stunde ebenso unfähig wie unwillig zeigte, in den fest schon geschlossenen Marschreihen der Kohorte den Platz einzunehmen, der ihm zugedacht war. Für das Feld der großen Politik zeigte er wenig Sinn und beklagenswerten Mangel an Respekt. Allem, was seiner Juristerei fremd war, war er abhold. Geistvoll und kundig, gewiss – aber was für ein Geist war das, und welche Kunde gab er uns? Höchst unwillkommene. Sein Verhalten im so betrüblichen Falle der verehrlichen Frau Bundesministerin a.D. Prof. Dr. (s.s.ae.) Dr. h.c. Annette Schavan grenzte an Verrat an der Truppe. Man erspare mir eine nähere Recollection dieser immer noch schmerzlichen Geschehnisse.

Von Rixen ist solch fatale Neigung zu Disziplinlosigkeiten und mangelnder Loyalität nicht zu befürchten. Gleich zu Beginn seines Beitrages macht er dies deutlich, wenn er mit klaren Worten den Ursprung all unserer Plagen der jüngsten Vergangenheit benennt. Er liegt außerhalb des Feldes der Wissenschaft:

Was als strukturelle Koppelung von skandalanfälligem Politikbetrieb und skandalaffinem Medienbetrieb begann, wurde schnell zum Glaubwürdigkeitsproblem der gesamten Wissenschaft.

So muss die Wissenschaft nun beweisen, „wie ernst es ihr damit ist, wissenschaftliches Fehlverhalten zu unterbinden.“ Doch welcher Strategie ist hierbei zu folgen? Vorbildlich hat sich die hannöversche Medizinerakademie verhalten, welche sich im Falle der Ministerin des Heeres, der Marine und der Luftwaffe standhaft gegen das Geschrei der Menge zeigte und wegen der Fülle der Plagiate verschiedener Art auf Harmlosigkeit erkannte. Da

zeigten sich die Plagiatsjäger der einschlägigen Internettribunale enttäuscht, ihre Hoffnung auf rigorose Sanktionierung blieb unerfüllt. Wer aber jeden Plagiatsvorwurf mit der Forderung nach unbedingter Härte verbindet, betreibt, weil es offenbar so schön ist, Empörungsfolklore ohne wissenschaftspolitischen Mehrwert. Die Strategie der stufenlosen Strenge stärkt die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht, sie schwächt sie.

So ward zu Hannover der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ein großer Dienst erwiesen: Treffender als Ombutzmann Rixen hätte dies auch nicht die wissenschaftliche Sauberkeitsstandarten-Allianz (SAUSTALL) in Worte zu fassen vermocht.

Rixens Vorgänger im Amte hatte zuletzt bedenkliche Nähe zu den einschlägigen Tribunalen des Inter-Netzes gezeigt. Mit größter Besorgnis hat man bemerken müssen, wie sich Löwer vermehrt zu höchst schäd- und verwerflichen Bemerkungen hinreißen ließ und selbst die Berührung mit dem Plagiatsjäger Forniplagwitzki, einem besonders verrufenen Subject, nicht länger zu scheuen schien. Rixen dagegen ist ein genauer Kenner solcher Gestalten und ihres Unwesens. Er weiß, dass sie nur Wörter zählen, und hat stets davor gewarnt, sich diese Unsitte zu eigen zu machen.

Löwer habe sich „durch ebenso konsequentes wie maßvolles Vordenken“ ausgezeichnet, schreibt Rixen. Doch ist dem Manne dadurch ja nur noch ein letztes Mal der Spiegel vorgehalten, der ihm zeigt, wie er hätte sein sollen: Denn maßvoll war er in seinem Vordenken ja eben nicht, sondern maßlos in seiner Konsequenz der Wissenschaftsjuristerei. Er kannte nicht zuht unde mâze, sondern allein die triuwe, und auch diese nur dem älteren Sinne nach.

Dass dieser Amtswechsel nun auch den ersehnten Zeitenwechsel verheißt, zeigt schließlich ein Blick nach Bayreuth. Von seiner alma mater kennt Rixen die segensreichen Einrichtungen, welche allerorten an den Universitäten dem bisherigen Unwesen einer Fakultätsherrlichkeit Schranken setzen sollten. Zu Bayreuth ward nach gewissen betrüblichen Vorkommnissen umfassende Vorkehr gegen jegliche Bemäkelung des Verfahrens getroffen, mit dem künftig Doktortitel überprüft werden sollten:

An der Bayreuther Universität ist nach der Guttenberg-Affäre ein klarer Vorrang der zentralen Untersuchungskommission geregelt worden. Dort sitzen Fachvertreter aus allen Wissenschaftsfeldern, nicht nur die Leute der eigenen Fakultät. Außerdem sind externe Wissenschaftler anderer Universitäten vertreten. Ausländische Gutachter werden frühzeitig einbezogen. Die Promotionskommissionen dürfen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, über die Entziehung des Doktortitels erst entscheiden, wenn die zentrale Untersuchungskommission eine interne Empfehlung abgegeben hat. [1]

Schärfer könnte der Kontrast zu den – leider! – auch öffentlich gewordenen Äußerungen seines Vorgängers kaum sein. Mit Grausen denkt man etwa an jene scharfe Erwiderung, mit der Löwer die überaus begrüßenswerten Feststellungen und Forderungen von Jürgen Zöllner und Peter Frankenberg zur notwendigen Bändigung und Umgestaltung dieser Verfahren nach Düsseldorf als unbegründet, falsch und nicht rechtskonform zurückwies – maßlos im konsequenten Vordenken und unziemlich gegenüber zwei Denkern, welche in der Wissenschaftspolitik zahlreiche hohe Ämter bekleidet haben. Als besonders unpassend durfte man dabei empfinden, dass Löwer ausgerechnet das Schandurteil des Verwaltungsgerichtes zu Düsseldorf als Beleg für das rechtmäßige Vorgehen einer Fakultät nannte. Auch sein Hinweis, dass in den prominenten Fällen entzogener Doktortitel das Verfahren der Fakultäten bislang vor Gericht noch stets bestätigt wurde und einzig der Bayreuther Casus gerichtlich niemals überprüft worden ist, musste schmerzen.

Doch ist diese Zeit nun vorbei. Die SAUSTALL begrüßt die Amtsübernahme durch Stephan Rixen und wünscht ihm und der Wissenschaft, dass es ihm in seinem verantwortungsvollen Amte an Kraft und Geschick im konsequent maßvollen Vordenken nicht fehlen wird. Mit seinem erfrischenden Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ihm der Auftakt bereits auf verheißungsvolle Weise gelungen.

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2 Antworten zu “Maßvolles Vordenken als Gebot der akademischen Stunde

  1. VielGlückdemOmbudsman

    Ich freue mich auf die Arbeit von Herrn Prof. Dr. Rixen. Mit dem FAZ-Artikel zeigt er Besonnenheit, Rationalität und gesunden Menschenverstand, also all die Dinge, an denen es den drolligen Plagiatsexpertendarstellern mangelt. Ich wünsche daher Herrn Prof. Dr. Rixen alles Gute.

    • Allein die strenge Zurückhaltung, welche sich Rixen in der Wortwahl auferlegt, zeigt doch die Selbstzucht in der Mäßigung des Vordenkens. Kein Wort hier von Guillotine, vom Blutrausch der Jakobiner, wie es dem trefflichen Winnacker in nur zu verständlicher Empörung einst entfuhr. Statt dessen ganz sachlich nur: Tribunal. Ja, das unterscheidet den rationalen Gelehrten von jenen obscuren Gestalten, die Sie „drollig“ nennen. Ich fürchte, so harmlos ist es nicht. Es sind erbärmliche Wichte, gewiss, doch sind sie auch gefährlich. Mein Adjunctus, welcher das Inter-Netz zu bedienen versteht, hat mir aus eigener Kenntnis berichtet, dass der genannte Forniplagwitzki sogar genaueste Inaugenscheinnahme der incriminirten Schriften nebst umständlich abwägender Erörterungen von der größten Gewissenhaftigkeit täuschend nachzuahmen versteht. In der ihm eigenen gewissenlosen Schläue scheut er selbst davor nicht zurück, den Vorwurf des Plagiates im einen oder anderen Falle nur in die Welt hinauszuschreien, um dann gerade keine unbedingte Härte zu fordern. Er tut dies, um uns geneigter zu stimmen, seinen perfiden Märlein Gehör zu schenken. Allein, so dumm sind wir nicht!

      Im Bezirke der Wissenschaft wird solch abgefeimter Tücke kein Erfolg beschieden sein. Hier zählt nur das Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Hannover lässt hoffen, dass wir auch jenseits des engeren Kreises der academia die Verständigen im Lande für uns gewinnen, wenn wir nur deutliche, einfache Worte finden: Diese bezaubernde junge Frau aus bestem Hause wollte gewiss nichts Unrechtes tun, sonst hätte sie es nicht auf so vielfältige Weise getan. Besonnenheit, Rationalität und gesunder Menschenverstand müssen uns sagen, dass auch der größte Lumpenhund entweder Kohlen oder Kirschen stehlen wird, aber niemals beides zur gleichen Zeit.

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