„Wir, ein Autor dieser Zeilen“

schnierl
Am 17. Oktober 2012, nur zwei Tage nach den ersten Berichten über das Düsseldorfer Gutachten,  erschien in der ZEIT online ein Gegengutachten, als dessen Verfasser der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth gemeinsam mit seinem (gleichfalls emeritierten) Zürcher Fachkollegen Helmut Fend zeichnet.

Die rasche Reaktion der beiden Wissenschaftler mag zunächst verblüffen. Wir wollen hier nicht darüber spekulieren, ob und in welchem Umfang und seit wann ihnen das Gutachten tatsächlich vorgelegen hat, und auch darüber nicht, wer es ihnen zugänglich gemacht haben mag. In der Tat haben sich die beiden Gegengutachter ja nicht erst seit gestern, sondern längst schon gründlich mit der Sache befasst:

Wir, ein Autor dieser Zeilen und ein “betroffener” in der Dissertation zitierter Autor, haben uns im Sommer im Blick auf die Plagiatsvorwürfe schon einmal geäußert, zwar Zitierfehler und handwerkliche Fehler gefunden, aber weder den Plagiatsvorwurf akzeptiert noch gar eine “leitende Täuschungsabsicht” konstatiert.

Das lässt allerdings erst einmal stutzen: Gemessen daran, dass insgesamt und alles in allem 2 (zwei) Autoren für diesen Artikel verantwortlich zeichnen, nämlich 1.) Heinz-Elmar Tenorth und 2.) Helmut Fend, ist das denn doch eine recht unübersichtliche Angelegenheit. Hätte man nicht einfach schreiben können: „Wir haben uns im Sommer schon mal zur Sache geäußert. Übrigens ist einer von uns persönlich ‚betroffen‘ als Autor, der in der Dissertation nicht ordentlich zitiert wurde“?

Wahrscheinlich gibt ja der Beitrag der beiden Autoren vom Sommer näheren Aufschluss. Wie gut, dass wir die ganzen alten Zeitungen „erst mal noch aufbewahrt“ haben. Und tatsächlich, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. Mai finden wir den fraglichen Beitrag, ein Gutachten zum Fall Schavan unter der dankenswert unzweideutigen Überschrift: „Zitierfehler, aber kein Plagiat“. Und wirklich stellt das Autoren-Duo auch hier schon fest …

Doch haaaalt! Verwirrung!

Denn – wie kann es sein? – nicht Heinz-Elmar Tenorth und Helmut Fend sind als Verfasser benannt, sondern neben Tenorth, ja sogar noch vor diesem, firmiert sein Berliner Fachkollege Dietrich Benner.  Von Helmut Fend hier keine Spur.

Solche Unklarheiten mögen wir nicht. Also wird gegrübelt: Im Mai geben Benner und Tenorth gemeinsam öffentlich ihre Expertise ab, und im Oktober erscheint ein Folgegutachten, das ausdrücklich als Fortsetzung dieser früheren Expertise vorgestellt wird, doch Benner –

Was wurde aus Dietrich Benner? Wo ward er seit Mai zuletzt gesehen? Wo ist er abgeblieben? Geht es ihm gut?

Sorgenvoll machen wir uns auf die Suche – und stellen erleichtert fest, dass es ihm in Sachen Schavan seither keineswegs die Sprache verschlagen hat. Mitnichten: Gerade in jenen Tagen nach den ersten Berichten über das Düsseldorfer Gutachten trieb es ihn erneut in die Öffentlichkeit. Ein erstes Interview wurde im NDR am 15. Oktober gesendet, ein zweites Interview am 17. Oktober. Inzwischen hatte Benner offenbar ersten Einblick in das Gutachten nehmen können, und wenig später mag er es eingehender studiert haben. Das Gegengutachten, das am 17. Oktober in der ZEIT online erschien, ist jedenfalls ganz offensichtlich von Benner und Tenorth gemeinsam mit Fend abgefasst worden.

Unmittelbar vor der Veröffentlichung muss Benner dann jedoch zurückgezuckt sein.

Denn in Wahrheit hatten sich ja nicht „ein Autor dieser Zeilen und ein ‚betroffener‘ in der Dissertation zitierter Autor […] schon einmal geäußert“. Es waren vielmehr zwei Autoren gewesen, nämlich Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth, die sich im Sommer geäußert hatten, und ein dritter – Helmut Fend – sprang ihnen nun bei. So oder so ähnlich wird die Textvorlage für den Beitrag in der ZEIT formuliert haben – doch Fend sprang bei, und Benner sprang ab.

Das war allerdings eine unvorhergesehene Komplikation, und textlich so leicht wohl nicht mehr richtig hinzukriegen auf die Schnelle.

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