Wo die Basis in ihrer Typik zu suchen ist

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Nach allem, was wir über das Düsseldorfer Prüfungsverfahren wissen, gehören die beiden emeritierten Berliner Erziehungswissenschaftler Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth nicht dem Promotionsausschuss an, und sie sind aus Düsseldorf offenbar auch nicht um ihre Expertise gebeten worden. Doch man ist ja gerne vorsorglich zur Stelle und jederzeit behilflich für den Fall, dass den Kollegen am Rhein die Sache über den Kopf wächst oder dass sie nicht wissen, in welche Windrichtung sie diesen Kopf zu drehen haben. Ganz und gar uneigennützig ist ein solches Engagement. Einzig der edlen Verpflichtung ist es geschuldet, der Wahrheit in der Wissenschaft zum Siege zu verhelfen, und ganz gewiss gab es dazu keinerlei Anstoss von sonst irgendwem oder von sonst irgendwoher.Und so geschah es, dass in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24. Mai 2012 ein grundsolides fachliches Gutachten zur Causa Schavan erschien. Der Düsseldorfer Promotionsausschuss hätte sich dieses engagierte Votum der Pädagogikprofessoren Benner und Tenorth nur zu Eigen machen müssen – und die Causa Schavan hätte bereits ein sehr rheinisches Ende nehmen können.

„Zitierfehler, aber kein Plagiat“ lautet in dankenswerter Deutlichkeit die Überschrift, und der fett gedruckte Vorspann unterstreicht erst einmal:

Ein computergestützter Textvergleich reicht nicht, um die Eigenständigkeit einer Dissertation zu beurteilen, auch nicht bei Ministerin Schavan.

Damit ist dann schon mal klar, dass die Arbeitsweise von VroniPlag, schavanplag und Co. (also alles, worauf sich die Plagiatsvorwürfe gegen die Ministerin bis zu diesem Zeitpunkt stützen) nicht viel taugt. Zwar haben Plagiate

in der letzten Zeit eine gewisse Prominenz errungen, zu Rücktritten von Ministern, zum Entzug von Doktorgraden und zur Ausdifferenzierung von eigenen Praktiken und Spezialistenrollen geführt

womit offenbar die entwickelten Praktiken und die Rollenspiele der Plagiatsrechercheure gemeint sind. Und so sind auch die

Techniken des Textvergleichs […] EDV-basiert erheblich raffinierter geworden, juristische Reputation kann man offenbar auch in diesem Bereich publikumswirksam erwerben.

Aber wenngleich das Autoren-Duo nun behaupten will, dass  dies für die öffentliche Plagiatsdebatte eine nützliche Sache sei – uns ist doch nicht entgangen, welche Schäbigkeit hier am Werke ist. Raffinesse, wo es schlicht um Klarheit gehen müsste, und das Schielen auf das Publikum, wo allein die Sache im Vordergrund stehen sollte – ach Ihr armseligen Plagiatejäger, uns macht Ihr doch so leicht nichts vor.

Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth selbst freilich haben davon – liebenswert weltfremde Gelehrte, die sie nun einmal sind – gar nichts bemerkt. Sie sind schon weitergeeilt und stellen soeben höchst Grundsätzliches fest. Aufgemerkt nun: Das Zitieren ist ja überhaupt nur ein Teilaspekt guter wissenschaftlicher Praxis, also soooo wichtig nun auch wieder nicht. Und

gute wissenschaftliche Praxis […] kann in ihren Praktiken nur disziplinspezifisch diskutiert werden.

Wir können nun natürlich nicht sagen, wie es sich mit der guten wissenschaftlichen Praxis im Allgemeinen so verhält. Aber wenn es um ihre Praktiken geht, dann kann diese Praxis keinesfalls anders als disziplinspezifisch diskutiert werden. Und das ist auch gut so. Wenn es sich nämlich um die Praktiken der Praxis dreht, dann haben sich an einer solchen Diskussion nur, sagen wir mal zum Beispiel: Erziehungswissenschaftler zu beteiligen, denn nur die kennen ja die disziplinspezifischen Praktiken der guten wissenschaftlichen Praxis.

Und so werden wohl nur sie dann auch die entscheidende Frage beantworten können. Denn

die entscheidende Frage, ob eine Dissertation zum Erkenntnisfortschritt beigetragen hat, ist allein technisch, durch Textvergleich, nicht zu lösen.

Das also ist bei der Überprüfung eines Plagiatsverdachts die entscheidende Frage: Ob die Arbeit zum Erkenntnisfortschritt beigetragen hat. Und irgendwie wird sich eine solch entscheidende Frage ja wohl in jedem Fall beantworten lassen – aber nie allein technisch, also durch Textvergleich. Und hier hätten Herr Benner und Herr Tenorth vielleicht noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen können, dass damit jetzt keineswegs etwa nur ein computergestützter Textvergleich gemeint ist, sondern auch ein lesebrillengestützter oder bleistiftgestützter oder gänzlich stützfreier Textvergleich. Aber sonst ist dieses Gutachten schon recht gut und verständlich geschrieben.

Die Dissertation von Annette Schavan ist ein gutes Beispiel dafür, wie unmöglich es ist, einen Plagiatsverdacht durch Textvergleich zu klären. Denn es zeigt sich,

dass die Verletzung von Zitierregeln eine Dissertation nicht hinreichend bewertet.

Damit ist nun aber nicht etwa gemeint, dass eine massive Verletzung von Zitierregeln eine Dissertation als nicht hinreichend bewerten lässt, auch wenn es im ersten Moment vielleicht so klingt. Sondern gemeint ist, dass es bei der Überprüfung eines Plagiatsverdachts nicht um die Überprüfung der Frage geht, ob die Dissertation Plagiate enthält (was man ja irgendwie doch unter Zugrundelegung von Zitierregeln tun könnte), sondern um eine hinreichende Bewertung der Dissertation, und dafür, soviel ist ja mal klar, dafür reicht die Verletzung von Zitierregeln nicht hin.

Inzwischen geht es in erster Linie nicht mehr um disziplinspezifische Aspekte, sondern vor allem um gattungsspezifische. Gattungen gibt es nämlich mehrere. Gerade in den Geisteswissenschaften, und zwar

literaturbasierte Studien, archiv- oder quellenbasierte Arbeiten, interpretatorische Analysen und anderes.

Diese Gattungen sind streng von einander zu unterscheiden und demzufolge auch mit ganz unterschiedlichen, gattungsspezifischen Maßstäben zu messen, und da ist ja klar, dass sowas nur möglich ist, wenn man die spezifischen Praktiken der disziplinspezifischen Praxis aus dem Effeff kennt. Denn wer seine Arbeit auf Archive basiert, oder wahlweise auch auf Quellen, der geht natürlich ganz anders vor als jemand, der zum Beispiel eine Analyse vorlegt, vielleicht sogar eine interpretatorische. Und an all diejenigen, welche anderes machen, mögen wir gar nicht erst denken. Hui, was das alles sein könnte! Anderes!

Als Doktorvater in der Erziehungswissenschaft muss man aber wirklich allerhand in der Birne haben. Vertraut mit allen Meeren, wie man so sagt.

Diese gattungsspezifischen Unterschiede in der Praxis führen praktischerweise

offenbar auch zu unterschiedlichen Risiken, sich Plagiatsvorwürfe einzuhandeln, wie die Arbeit von Frau Schavan belegt.

Da sind der Herr Benner und der Herr Tenorth jetzt aber selbst ein wenig überrascht davon, was ihre eingehende Untersuchung der Materie soeben ergeben zu haben scheint: Das Risiko, sich Plagiatsvorwürfe einzuhandeln, scheint unterschiedlich zu sein. Offenbar. Aber doch ja, wirklich, es ist so: Die Arbeit von Frau Schavan belegt es.

Damit wir uns hier nicht missverstehen: Es sind nur Plagiatsvorwürfe, die man sich einhandelt. Wir reden hier nicht etwa von einem gattungs- und disziplinspezifisch oder praxispraktikbedingt erhöhten Risiko tatsächlicher Plagiate, denn das würde die Arbeit von Frau Schavan gerade nicht belegen. Also eigentlich geht es hier um das Risiko, missverstanden zu werden. 

Ist also alles nur ein Missverständnis, alles in Ordnung mit der Dissertation der Ministerin? Nein, das sagen Benner und Tenorth frei heraus, und da kennen sie keine falsche Rücksicht: Auf 50 bis 60 der 350 Seiten finden sich Passagen,

in denen sich die Verfasserin wortnah und zuweilen auch wörtlich fremder Texte bedient, ohne dies eindeutig auszuweisen.

Das ist natürlich nicht besonders schön, das muss schon kritisch vermerkt werden. Aber kritisch ist es nicht, denn es handelt sich doch um

die bekannten Praktiken

und bekannt sind sie natürlich, jedenfalls in der Erziehungswissenschaft, weil sie so allgemein üblich sind und somit für praktizierte Praxis in der Gattungsdisziplin gelten dürfen. Also in Ordnung. Ganz bestimmt sogar in Ordnung. Niemand müsste das besser wissen als die Plagiatsrechercheure. Denn eigentlich liegt doch offen zutage, auf welche Texte sich die Verfasserin jeweils stützt, welcher Texte sie sich bedient:

Den Weg zu diesen Texten wies den Rechercheuren in der Regel die veröffentlichte Dissertation selbst, die ihre Quellen nicht verschweigt, sondern ausführlich auf sie verweist.

Also in der veröffentlichten Dissertation steht’s ja doch drin, mit allen Verweisen, ausführlich! In der veröffentlichten!

Eine Riesensauerei ist das. Die nicht veröffentlichte Fassung mag ja noch ihre Mängel gehabt haben, aber in der veröffentlichten Dissertation verweist sie dann auf ihre Quellen! Sogar ausführlich! Welch ein erbärmliches Spiel treiben eigentlich diese Plagiatsjäger, wenn sie einfach in die Quellenangaben der Druckfassung schauen, um Frau Schavan Plagiate in einer vorläufigen Version nachweisen zu können, die gar nicht veröffentlicht worden ist? Pfui Spinne!

Tatsächlich könnte man sich die Verweise auf die Quellen in der veröffentlichten Dissertation offenbar deutlicher und ausführlicher kaum wünschen. Vor allem

die extensive Literaturliste bei Frau Schavan […] zeigt an, wo die Basis zu suchen ist.

Und würde man eine Auflistung der Texte, auf welche sich die Arbeit mit ihren 350 Seiten stützt, etwa nicht genau hier vermuten: In der Literaturliste? Ja, hier kann man diese Basis dann suchen, so viel steht mal fest.

Aber bis zu diesen letzten Seiten, bis zur extensiven Literaturliste, muss man sich gar nicht hindurchblättern, wenn man erfahren will, worauf die Dissertation fußt und an wen sie sich anlehnt. Dies zeigen Benner und Tenorth auf schlagende Weise am Beispiel des Moraltheologen Franz Böckle, bei dem – so der Vorwurf der Plagiatsjäger – Schavan plagiiert haben soll. Hat sie auf Böckle vielleicht nicht verwiesen? Oh doch:

Die Referenz auf Böckle weist die Dissertation bereits im Vorwort aus. Hier bedankt sich die Autorin, weil sie von seiner „moraltheologischen Prinzipienlehre“ stark profitiert habe. Böckle bildet offenbar einen wichtigen Hintergrund ihrer eigenen Reflexion, von ihm hat sie ihre Kant-Lesart (entsprechend ist Böckle der nicht zitierte Kant-Interpret), und ihm verdankt sich das Kapitel über die christliche Ethik. Man erkennt den akademischen Lehrer und kann gar nicht überrascht sein, dass er so intensiv die Argumente der Verfasserin bestimmt

Jawohl: Wo andere Promovenden erst mal ihrer Zimmerpalme für treue Freundschaft in der langen Zeit des Doktorierens danken und die Oma in Quakenbrück lieb grüßen, da weist Annette Schavan schon erste Referenzen aus. Und so kann man gar nicht überrascht sein, dass sich dem akademischen Lehrer dann gleich ganze Kapitel verdanken. Da sind kleinliche Zitatnachweise für Kant-Interpretationen freilich obsolet.

Dann wäre da noch die Sache mit der Typik. Die soll ja auch noch wichtig sein: Die Typik, und an der kann man nicht vorbei, sagen Benner und Tenorth, und das ist ihnen ganz wichtig. Man muss die Dissertation als Ganze und in ihrer Typik anschauen. 

An sich kannten wir diesen Begriff ja nicht. Aber war da nicht was – so mit Umwelt irgendwie?

Typik … Vielleicht im Zusammenhang mit Photovoltaik? Nein, eher nicht. Aber irgendwie mit Umwelt.

Ach ja! Natürlich! Norbert Röttgen. Also doch Umwelt. Norbert Röttgen hat nämlich auch eine Dissertation verfasst:

Röttgen, Norbert:
Die Argumentation des Europäischen Gerichtshofes. Typik, Methodik, Kritik. Bonn: Univ. Diss., 2001, 213 S.

Vielleicht kennen die sich ja. Aber egal. Die Typik in der Gänze jedenfalls geht bei Annette Schavan so, dass die Arbeit mit einer Explikation des Verstehenshorizonts beginnt, worauf dann zweitens die Darstellung von ganz vielen Theorien über das Gewissen folgt, und dann kommen drittens ihre eigenen Thesen.

Die spezifische Leistung der Autorin findet man also jenseits der Rekapitulation der Literatur […] erst im ersten und im dritten Teil; hier wäre der geistige Diebstahl dramatisch.

Also die spezifische Leistung der Autorin findet man erst im ersten Teil, vorher nicht, und im dritten Teil auch, aber ansonsten ist diese Dissertation unter gar keinen Umständen eine spezifische Leistung der Autorin, wobei dieses „ansonsten“ die Seiten 59 bis 253 umfasst. Insofern ist die Typik tatsächlich von entscheidender Wichtigkeit für die Plagiatsprüfung, denn es sind meistens diese ganz unspezifischen 200 Seiten, wo unsauber zitiert worden ist. Da ist der geistige Diebstahl aber nicht dramatisch.

Ich finde, wir kommen jetzt mal zum Schluss. Und da stellt sich natürlich die Frage, wie denn die Frage lauten soll, auf die man am Ende einer Plagiatsprüfung gern eine Antwort bekäme. Die Frage lautet so, sagen Benner und Tenorth:

Kann man vor diesem Hintergrund sagen, mit dieser Dissertation sei nichts als ein Plagiat abgeliefert worden?

Das ist die Frage, auf die sie dann antworten wollen. Ihre Antwort auf die Frage, ob die Dissertation ein Plagiat und nichts weiter als ein Plagiat sei, in ihrer Gänze und als Typik, diese Antwort also geben sie natürlich erst nach reiflichem Abwägen und nicht ohne dem Düsseldorfer Promotionsausschuss erst einmal den Vortritt gelassen zu haben. Und das ist wirklich ein feiner Zug von Herrn Benner und von Herrn Tenorth:

Letztlich entscheidet das der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass die Arbeit kein Plagiat darstellt […]. Öffentlich geäußerte Meinungen wie die, es handele sich bei der Arbeit um geistigen „Diebstahl“, darum sei der verliehene Doktortitel möglichst rasch abzuerkennen, halten einer Überprüfung nicht stand.

Das ist uns jetzt klar. Und dem Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf, der das letztlich entscheidet, dem dürfte das nun wohl auch klar sein.

Also hat die Überschrift nicht zuviel versprochen: Kein Plagiat, nur Zitierfehler. Und auch deren Zahl ist recht gering – ja, bei Licht betrachtet sind es sogar

weniger, als man bei dieser Gattung befürchten muss

Das ist doch sehr schön, im Ergebnis.

Und wir wollen jetzt wirklich nicht nochmal davon anfangen, wie es sich mit diesen Gattungen denn nun verhält und zu welcher Gattung die Dissertation der Ministerin gehört – literaturbasierte Studie, archiv- oder quellenbasierte Arbeit, interpretatorische Analyse oder anderes?

Wirklich nicht.

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Eine Antwort zu “Wo die Basis in ihrer Typik zu suchen ist

  1. Zur Frage der „veröffentlichten Dissertation“ findet sich ein hübscher Hinweis in diesem Interview mit Wolfgang Frühwald, da äußert der Fragesteller:

    Frau Schavan weist immer darauf hin, dass es gar nicht die letzte Fassung ist, die da in diesem Gutachten, also es ist gar nicht die schlussendliche Arbeit gewesen, die bewertet wurde. Da sei etwas durchgesteckt worden, was nie eigentlich eine Dissertation, also es war eine Vorstudie dieser Dissertation.

    Wie schade, dass dieser Punkt in der öffentlichen Diskussion so vollkommen untergegangen ist.