Kleinfundstück des Tages: Das Plagiat zum Plagiat

Zugegeben, das Kleinfundstück des Tages liegt schon etliche Tage bei uns ‚rum. Gefunden haben wir es schon im Mai. Nett ist es aber immer noch, und wir zeigen es jetzt um so lieber her, als es uns die Gelegenheit zu einer Würdigung der erheblichen Verdienste von Herrn Joachim Frank in der Sparte „Wissenschaftsjournalismus“ gibt. Das hatten wir nämlich bisher versäumt.

Gefunden wurde das gute Stück auf http://www.kath.de. Es handelt sich da um ein „Unabhängiges katholisches Nachrichtenportal“, auf dem am 8. Februar 2013 – noch hatte Annette Schavan ihren Rücktritt nicht erklärt – die Konsequenzen der Düsseldorfer Entscheidung im Plagiatsverfahren der Ministerin zu kommentieren waren. Das übernahm das kath.de-Redaktionsmitglied Andrea Kronisch. Und man kann wohl mit Überzeugung sagen, dass sie sich dieser Aufgabe auf eine dem Gegenstand vollkommen angemessene Art und Weise entledigt hat.

„Die Causa Schavan: Steht die Politik oder die Wissenschaft im Mittelpunkt?“  ist der Beitrag betitelt, und falls sich Andrea Kronisch diese Frage tatsächlich selbst ausgedacht haben sollte, dann hätte sie somit zu diesem Beitrag, unter dem ihr Name steht, schon mal einen eigenen Beitrag geleistet. Und um es gleich zu sagen: Auch die Zwischenüberschriften, die wir im Folgenden weglassen, hat sie womöglich selbst verfasst.

Nehmen wir uns aber zunächst den Kommentar vor, den Joachim Frank am 6. Februar unter dem Titel „Fall Annette Schavan: Amt oder Würden“ in der Mitteldeutschen Zeitung platzierte:

Die Universität Düsseldorf hat sich schwer getan – und es sich doch leicht gemacht. Vorsätzliche Täuschung will der Rat der Philosophischen Fakultät in Annette Schavans Dissertation erkannt haben. Darum hat er der Ministerin ihren Doktortitel entzogen und ist damit am Ende genau da gelandet, wo sich schon das Erstgutachten der Universität positioniert hatte. Dieses sollte die Arbeit zwar lediglich einem Fakten-Check unterziehen, schloss aber das Urteil gleich an. Allein dieses Verfahren, in dem Ermittler und Richter ein und derselbe sind, hätte eine zweite unabhängige Expertise zur Folge haben müssen.

So ein Gutachter muss also einen Fakten-Check vornehmen, darf aber keinesfalls seine Einschätzung der Sachlage mitteilen. Sonst wäre das ja ein Gutachtervotum. Anders natürlich bei einer Stellungnahme, wie sie zum Beispiel Ludger Honnefelder abgegeben hat. Ihn hat Joachim Frank erst am Vortag ausführlich zu Wort kommen lassen [1] und nichts zu beanstanden gefunden, denn Herr Honnefelder hatte seine Stellungnahme von jeglichem Fakten-Check in vorbildlicher Weise freigehalten.

Da all dies für den kritischen Beobachter so offensichtlich ist, kann es nicht überraschen, dass Andrea Kronisch zu einer vergleichbaren Darstellung der Düsseldorfer Abgründe kommt:

Ob Annette Schavan nach dem Entzug ihres Doktortitels von ihrem Amt als Bundesbildungsministerin zurücktreten muss, wird derzeit in den Medien intensiv diskutiert. Vorsätzliche Täuschung hatte der Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf am vergangenen Dienstag in Annette Schavans Dissertation erkannt und entzog der Ministerin ihren Titel. Das Universitätsgremium übernimmt mit dieser Entscheidung die Einschätzung des Erstgutachtens der Universität. Dieses Gutachten indes sollte eigentlich einer Darstellung der Fakten dienen, schloss aber am Ende das Urteil gleich an. Allein dieses Verfahren, in dem Ermittler und Richter ein und derselbe sind, hätte eine zweite unabhängige und externe Expertise zur Folge haben müssen.

Eine gewisse harmonische Übereinstimmung im Farbenspiel ist unverkennbar. Weiter geht es bei Joachim Frank:

Doch diese Mühe mochten sich die Universitätsvertreter nicht mehr machen – wohl wissend, dass Schavan gegen ihre Entscheidung klagen wird. Damit haben sie ihre Verantwortung an die Justiz delegiert. Das ist ein fahrlässiger Umgang mit der Autonomie der Wissenschaft. Schavans Fall wird jetzt der Logik von Verwaltungsrechtlern unterworfen, die schon bisher andere Parameter an die strittige Arbeit angelegt haben als Vertreter ihres eigenen Fachs, der Pädagogik. Für Schavan macht das den Gang vor Gericht zu einer heiklen Angelegenheit. Notwendig ist er trotzdem.

Es ist eine bemerkenswerte journalistische Blutgrätsche, die der Chefkorrespondent der Mediengruppe DuMont hier hingelegt hat. Man darf hierin wohl den vorläufigen Höhepunkt seiner Begleitung der Plagiatsaffäre Schavan [2, 3] erblicken: Eine Entscheidung, die für die Betroffene unangenehm ausfällt, ist Verrat an der Wissenschaft. Denn nun kann Schavan den Rechtsweg beschreiten. Den Gerichten aber darf man keine Mitsprache zugestehen, wo es allein um die Wissenschaft zu gehen hat.

Auch Andrea Kronisch sieht das so. Und sie formuliert es auch so. Es muss wohl eine Art Seelenverwandtschaft sein:

Doch die Vertreter der Universität Düsseldorf waren nicht bereit, sich dieser Mühe zu unterziehen – wissend, dass Schavan gegen die Entscheidung klagen wird. Die Universität hat somit ihre Verantwortung an die Justiz delegiert. Ohne Frage ist dieses Agieren ein äußerst fahrlässiger und fragwürdiger Umgang mit dem höchsten Gut der Wissenschaft, nämlich der Autonomie. Obwohl die Hochschulen sonst so entschieden um diesen Grundpfeiler kämpfen, wird die Causa Schavan nunmehr der Logik von Verwaltungsrechtlern unterworfen. Die Juristen hatten schon bisher völlig andere Parameter an die strittige Dissertation angelegt als Vertreter des Promotionsfaches, der Erziehungswissenschaft. Für Annette Schavan wird daher der Gang vor das Gericht zu einer heiklen Angelegenheit. Notwendig ist dieser Schritt trotzdem.

Joachim Frank meinte nun allerdings, dass Schavan nach dem Entzug des Doktorgrades vom Ministeramt zurücktreten solle:

Wenn Schavan partout in Amt und Würden zugleich bleiben will, läuft sie Gefahr, beides zu verlieren.

Hier endet die Seelenverwandtschaft, denn dieser Meinung ist Andrea Kronisch wohl ganz und gar nicht. Hier trennen sich die Wege, Kronisch orientiert sich ab sofort anderweitig. In der NRZ vom 6. Februar 2013 kommentierte Jens Jessen die Situation der plagiatsjagdgeplagten „Politiker auf dünnem Eis“:

Keine Frage: Annette Schavan muss und wird von ihrem Amt als Bildungsministerin zurücktreten. Ihr Ruf in der akademischen Welt ist beschädigt – ganz gleich, was am Ende der juristischen Auseinandersetzung steht; die sie, ganz nebenbei, gegen eine ihr von Amts wegen unterstellte Institution führt.

Wie gesagt: Kronisch ist wohl nicht der Meinung, dass ein Rücktritt unausweichlich oder auch nur angezeigt wäre. Doch erkennt auch sie:

Der Ruf Schavans in der akademischen Welt indes ist beschädigt – ganz gleich, was am Ende der nunmehr anstehenden juristischen Auseinandersetzung steht, die die Bundesministerin übrigens gegen eine ihr von Amts wegen unterstellte Institution führt.

Andrea Kronisch fährt fort:

Offen bleibt die Frage, ob es politische oder wissenschaftliche Motive sind, die letztlich in den Diskussionen und Entscheidungen der nächsten Zeit im Vordergrund stehen werden. Annette Schavan sieht auch ohne Doktortitel vorläufig keinen Anlass, von ihrem Amt als Ministerin zurückzutreten. Dabei kann sie sich derzeit noch auf Rückhalt aus den eigenen Reihen verlassen, auch wenn dieser inzwischen nicht mehr ganz so vollmundig klingt wie noch vor einigen Wochen.

Auch mit dieser Einschätzung steht Andrea Kronisch nicht allein. So war schon am 6. Februar auf dem Internet-Portal kischuni.de („Bildung, Beruf & Karriere“) zu lesen:

Sind es politische oder wissenschaftliche Motive, die bei den Diskussionen der kommenden Tage im Vordergrund stehen werden? Annette Schavan sieht auch ohne Doktortitel vorläufig keinen Anlass, ihr Amt als Bildungsministerin zur Verfügung zu stellen. Dabei kann sie sich derzeit noch auf Rückhalt aus den eigenen Reihen verlassen, auch wenn dieser sich nicht mehr ganz so vollmundig anhört wie noch vor einigen Wochen.

Bei Kronisch lesen wir weiter:

Der anstehende Bundestagswahlkampf und die hohen moralischen Ansprüche, die Schavan selber seinerzeit in der Causa Guttenberg formuliert hatte, lassen vermuten, dass die CDU und CSU in den nächsten Tagen oder Wochen von ihr abrücken. Selbst ihre Chefin und enge Vertraute, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist letztlich auch in solch heiklen Personalfragen berechnend und letztlich Pragmatikerin.

So sah das zwei Tage zuvor bereits auch Jens Jessen in der NRZ:

Der anstehende Wahlkampf und die hohen moralischen Ansprüche, die Schavan in der Causa Guttenberg formuliert hat, werden ihr Übriges tun, damit CDU und CSU in den nächsten Tagen oder Wochen von ihr abrückenselbst ihre Chefin und enge Vertraute, Kanzlerin Merkel, die auch in solch heiklen Personalfragen Pragmatikerin ist.

Weiter meinte Jessen:

Doch es kommt nicht von ungefähr, dass selbst die politische Konkurrenz sich sehr zurückhält. Schavan hat einen passablen Job gemacht, gilt als integer. Guttenbergsche Arroganz und Borniertheit sind ihr wesensfremd.

Bei aller Ähnlichkeit setzt Kronisch hier deutlich eigene Akzente. Und dass Schavan einen lediglich „passablen Job“ gemacht habe, findet sie wohl keinesfalls:

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die politische Konkurrenz und die Medien – anders als seinerzeit in der Causa Guttenberg – mit Rücktrittsforderungen und Häme bisher eher zurückhalten. Annette Schavan wird von vielen Seiten fachliche Kompetenz bescheinigt, sie gilt als integer. Arroganz und Selbstgefälligkeit im Stile Guttenbergs waren und sind ihr fremd.

Kronisch fährt fort:

 Auch sind die Plagiatsvorwürfe selber in keiner Weise vergleichbar. Hatte Guttenberg seitenlang dumm-dreist abgeschrieben, was ein eindeutiges Fehlverhalten darstellt, geht es in der Dissertation Schavans um die Zitierweise von Paraphrasierungen, die zwar diskussionswürdig ist, aber – zumindest in gewissem Umfang – keineswegs einem offenkundigen Fehlverhalten gleichzustellen ist.

Hier befindet sich die kath.de-Redakteurin in schönster Übereinstimmung mit einem führenden Vertreter der Wissenschaft selbst, dem Schavan-Springteufelchen Ernst-Ludwig Winnacker, der schon am 15. Oktober 2012 in der Süddeutschen Zeitung klarstellte:

Guttenberg hat seitenweise abgeschrieben, 96 Prozent. Das ist ein Plagiat. Bei Schavan ist das, soweit ich mir die Sache im Netz anschauen konnte, was ganz anderes, da geht es um Paraphrasierungen. Die Zitierweise in Paraphrasierungen kann aber kein Fehlverhalten sein, weil sie eine Ermessensfrage ist. [4]

An dieser Stelle springen wir noch einmal zurück zu Jens Jessen, der in der NRZ vom 6. Februar 2013 meinte:

Ihr Fall zeigt aber vor allem, auf welch dünnem Eis sich Politiker mittlerweile bewegen. Nahezu jeder Fehltritt hat größtmögliches Erregungspotenzial; dreißig Jahre zurückliegende Verfehlungen können Amt und Karriere kosten.

Das findet nun auch Andrea Kronisch:

Die aktuelle Plagiatsaffäre zeigt trotz aller Zurückhaltung der Medien dennoch, auf welch dünnem Eis sich Politiker mittlerweile bewegen. Nahezu jeder – auch noch so kleine – Fehltritt eines Politikers (oder auch Kirchenvertreters) hat im Zeitalter der modernen Medien größtmögliches Erregungspotenzial. Vielleicht täte es grundsätzlich gut, hier die Tugend des Maßhaltens neu zu bedenken.

Ja, ein paar Tugenden wären manchmal ganz angebracht, das kann man ruhig mal bedenken. In diesem bedenklichen Augenblick kann man freilich noch nicht wissen, wie die Sache für die Ministerin Schavan enden wird, doch mit ihrem Kommentar muss Andrea Kronisch nun allmählich mal ein Ende finden. Das tut sie so:

Prophetische Gaben sind nicht erforderlich, um zu prognostizieren, dass der Druck auf Annette Schavan, ihre Partei und Bundeskanzlerin Merkel in den nächsten Tagen und Wochen weiter steigt. Die vordergründige angestachelte Lust an der Sensation darf indes nicht den Blick darauf verstellen, dass hier nicht nur eine einzelne Person, sondern auch die Kriterien für die Wertschätzung von Forschung und Lehre und wissenschaftlichem Arbeiten auf dem Prüfstand stehen.

Auf dem Internet-Portal kischuni.de war am 6. Februar zu lesen:

Man braucht kein Prophet zu sein, um zu prognostizieren, dass der Druck auf die Ministerin und ihre Partei in den kommenden Tagen weiter steigen wird. Die vordergründige Lust an der Sensation darf nicht den Blick darauf verstellen, dass hier nicht nur eine einzelne Person, sondern die Kriterien für die Wertschätzung von Studium und wissenschaftlichem Arbeiten auf dem Prüfstand stehen.

Da müssen wir sagen, und wir sagen es ohne Zögern: Die Kronisch’sche Version ist die deutlich bessere. „Vordergründige angestachelte Lust an der Sensation“, das macht die Sache vollends klar. Wie auch überhaupt der Mehrwehrt nicht zu unterschätzen ist, den man durch das Einbringen von allerlei sprachlichem Füllmaterial erzielen kann. Der Kommentar von Andrea Kronisch ist auch in dieser Hinsicht beispielhaft. Und diese beispielhafte redaktionelle Hervorbringung zur aktuellen Plagiatsdiskussion wollen wir nun in der Grafik nochmals betrachten und bestaunen.

absatz

Zu Joachim Frank ist im übrigen zu sagen, dass er Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte studierte, das Päpstliche Collegium Germanicum et Hungaricum zu Rom besuchte und mehrere Jahre als Priester im Bistum Münster kirchlichen Dienst versah, bevor er Journalist wurde. Sein nach wie vor ausgeprägtes kirchenpolitisches Engagement hat in den vergangenen Jahren immer wieder dazu geführt, dass sich seine Wege auch mit denen von Annette Schavan kreuzten: Im Bundesministerium für Bildung und Forschung waren beide ebenso gemeinsam anzutreffen wie in der Katholischen Akademie in Berlin oder an anderen Stätten frommen geistig-politischen Wirkens.

Nicht nur dem Katholizismus, sondern zugleich dem Dienst an der Wissenschaft verpflichtet ist auch Andrea Kronisch. Wenn sie nicht gerade für unabhängige katholische Nachrichtenportale aktuelle Plagiatsfälle kommentieren muss, ist sie an der Universität Münster tätig. In der zentralen Studienberatung.

Und Beratungsbedarf gibt es ja jede Menge.

absatz

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2 Antworten zu “Kleinfundstück des Tages: Das Plagiat zum Plagiat

  1. Es ist frappierend. Gerade hat eine Kommentatorin in meinem Blog zu erklären versucht, warum die Rufe, in Norbert Lammerts Dissertation gebe es keine Plagiate, so laut sind:

    „Zudem lebt ein ganzer Berufsstand der Journalisten davon, fremde Ideen zitationsfrei zu übernehmen und durch lexikalische Spielchen als eigene gedankliche Errungenschaft zu präsentieren.“[1]

    Es gibt wohl keine bessere Illustration dieses Umstandes als diese Analyse.

  2. In der Tat, der hier präsentierte und schön aufgearbeitete Fund ist vielleicht für sich gesehen nur eine Kleinfundstelle. Und doch zugleich auch viel mehr: die Illustration dessen, warum sich viele Journalisten derart schwer mit dem einfachen Konzept des Plagiats tun. Weil sie selbst zutiefst darin verstrickt sind.

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