Gegendarstellung: Vom Nachdrücklichen und vom Selbstverständlichen


„Ach, liebe Gemeinde, ach ach.“
Christoph Markschies, Universitätspredigt
10. Februar 2013 in St. Marien, Berlin

In einem Kommentar zu unserem Beitrag über eine Freundschaft mit Kniff beschwert sich „Christoph Markschies“ über Verleumdungen seiner Person:

Nun reicht es mal langsam mit den Verleumdungen meiner Person: Ich habe selbstverständlich nicht auf einer Ehrung durch die BBAW für Frau Schavan “bestanden”, sondern im Gegenteil allen, die das wollten, davon abgeraten und weise dieses Gerücht mit allem Nachdruck zurück. Seit wann besteht eigentlich Wissenschaftsjournalismus aus Weitertratschen von Gerüchten?

Ist Kommentator „Christoph Markschies“ wirklich Christoph Markschies? Das können wir recht sicher annehmen. Auch technische Details im Hintergrund sprechen deutlich dafür. Ohnehin ist es im Zweifel richtig, einen solchen Kommentar zu veröffentlichen. Wenn jemand glaubt, sich gegen Verleumdungen seiner Person wehren zu müssen, soll man dem Raum geben. Als förmliche Gegendarstellung wäre eine solche Wortmeldung des Betroffenen in jedem Fall zu veröffentlichen, auch unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.

Wenn Christoph Markschies einem Bericht des „Tagesspiegel“ zufolge für eine Ehrung von Annette Schavan eingetreten sein soll, kann das jedoch allenfalls unzutreffend sein. Aber verleumderisch? Das würde nicht nur voraussetzen, dass der „Tagesspiegel“ um die Unwahrheit der aufgestellten Behauptung gewusst hat. Es würde auch voraussetzen, dass die im Bewusstsein der Unwahrheit aufgestellte Behauptung ehrverletzend ist. Und wenngleich die Ehrbegriffe heutzutage gewiss divers und schwankend sind: Das dürfte in diesem konkreten Fall wohl schwerlich zu vertreten sein.

Der Kommentar will sich allerdings offenbar nicht nur gegen diese eine Behauptung des „Tagesspiegel“ verwahren. Es sind offenbar zahlreiche Verleumdungen, denen Christoph Markschies fortwährend ausgesetzt ist. Und wir dürfen wohl vermuten, dass es hier nicht nur um den „Tagesspiegel“ geht, sondern auch um Causa Schavan. Das Ganze wird also wohl auf eine umfassende Gegendarstellung hinauslaufen. Eine solche umfassende Gegendarstellung würden wir selbstverständlich und mit allem Nachdruck und prominent platziert als besonderen Beitrag bringen. Zur besseren Vorbereitung haben wir hier schon mal eine Sammlung von Material angelegt, das bei der Ausarbeitung dieser Gegendarstellung unbedingt berücksichtigt werden sollte. Chronologisch nach Anlass geordnet:

14. Juni 2012
Nachdem Annette Schavan in Schwierigkeiten geraten ist, hat Christoph Markschies in der Süddeutschen Zeitung gemeinsam mit sieben weiteren Granden der Wissenschaft ein Manifest gegen das unwürdige Spektakel der Plagiatsjagd veröffentlicht: Plagiatsdokumentationen à la Schavanplag sind von Übel. Es ist der aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig, dass bei der Aufklärung alle mitmachen.
In der Folge wurde vielfach behauptet, dass mit diesem Manifest den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavan entgegengewirkt und Einfluss auf das Verfahren der Uni Düsseldorf genommen werden sollte.
Tenor der Gegendarstellung:
Es handelt sich keinesfalls um eine Parteinahme für Annette Schavan, deren Name gar nicht fällt. Reine theoretische Fingerübung zur Rettung des Abendlandes. Für den Inhalt notfalls Honnefelder verantwortlich machen. Hier bitte auch gleich die Behauptung am Rande des Christoph-Markschies-Interviews vom 7. Februar 2013 (s.u.) dementieren, wonach sich Christoph Markschies bereits mit diesem Manifest „zur causa Schavan“ geäußert hätte.

20. Januar 2013
Nach übereinstimmenden Berichten in der Welt am Sonntag und im Focus soll Christoph Markschies unmittelbar vor der Entscheidung der Uni Düsseldorf über die Einleitung des Verfahrens erklärt haben, „die Doktorarbeit gelesen und viele der Vorwürfe geprüft“ zu haben. Eine Täuschungsabsicht sei nicht zu erkennen.
Tenor der Gegendarstellung:
Freche Fälschungen. Leicht zu entlarven, da nachweislich keinerlei nähere Kenntnis der Doktorarbeit (s.u.).

7. Februar 2013
Unmittelbar nach dem Entzug des Doktorgrades wurde in einem Online-Medium des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik ein angebliches Interview mit Christoph Markschies zum Fall Annette Schavan veröffentlicht. Zitiert wird Christoph Markschies u.a. mit der Äußerung, bei zu Guttenberg habe es sich um „eindeutiges, schweres wissenschaftliches Fehlverhalten“ gehandelt, dagegen liege „ein vergleichbarer Grad von wissenschaftlichem Fehlverhalten, der die Aberkennung der Promotion im Falle von Annette Schavan rechtfertigen würde, … definitiv nicht vor. Der zweite Teil ihrer Dissertation ist eine originelle wissenschaftliche Leistung, die Gewissensbildung und Wertevermittlung im Schulunterricht zum Thema hat.“ Christoph Markschies soll laut diesem angeblichen Interview ferner behauptet haben, dies nach zweimaliger Lektüre der Arbeit sagen zu können.
Tenor der Gegendarstellung:
Scharfe Zurückweisung der völlig entstellenden Wiedergabe, besonders aber der frechen Unterstellung ein- oder mehrmaliger Lektüre. Kategorisches Bestreiten jeder näheren Kenntnis der Doktorarbeit. Beweisführung unproblematisch, da zweiter Teil der Arbeit besonders unoriginell und Schulunterricht nirgendwo Thema.

10. Februar 2013
Am Sonntag darauf hat Christoph Markschies im Berliner Universitätsgottesdienst zu St. Marien die Predigt gehalten und soll dabei von der Kanzel herab geäußert haben, die Verse des Evangelisten Lukas seien „keine mit Fußnoten und Nachweisen gespickte wissenschaftliche Diskussion“ und somit „nichts, was der Fakultätsrat der philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf als Promotionsleistung akzeptieren könnte.“
Tenor der Gegendarstellung:
Keinerlei polemische Absicht, sondern religionshistorisch fundierte Erläuterung der Frage, warum L. sein Evangelium im Ausland eingereicht hat.

22. Februar 2013
Wenig später wurde in verschiedenen Presseveröffentlichungen der DuMont-Mediengruppe die zu gründende IAG Zitat und Paraphrase vorgestellt, wobei regelmäßig deren Sprecher Christoph Markschies zitiert und zugleich ein aktueller Zusammenhang des geplanten Vorhabens mit dem Kampf von Annette Schavan um ihre wissenschaftliche Rehabilitation nahegelegt wurde. Diese Tendenz wurde auch durch ein Zitat aus dem Antrag auf Einrichtung der IAG unterstützt, wonach dringender Handlungsbedarf bestehe, weil die Plagiatsdebatte „erkennbar parteipolitisch grundiert“ sei.
Tenor der Gegendarstellung:
Veröffentlichungen durch unautorisierte Zusätze mit völlig verfälschter Aussage. Antrag auf Einrichtung der IAG von Braungart oder Joachim Frank verfasst (hier bitte NICHT Schavan), gar nicht selbst gelesen. Antragslyrik ohne Realitätsbezug.

nach Februar 2013
Der Antrag auf Einrichtung der IAG soll alsbald seinen Weg zu den Anwälten von Annette Schavan gefunden haben, die vor dem Verwaltungsgericht gegen die Uni Düsseldorf klagte. Die Anwälte hätten es nützlich gefunden, diesen Antrag zur Stützung ihrer Argumentation bei Gericht vorzulegen, behauptet der Abschlussbericht der Uni Düsseldorf.
Tenor der Gegendarstellung:
Solch frevelhafter Missbrauch hehren wissenschaftlichen Tuns wäre unweigerlich vor das Ehrengericht der BBAW gebracht und mit Blendung des Übeltäters bestraft worden, im Wiederholungsfall mit zweimaliger Lektüre der Doktorarbeit von Annette Schavan. BBAW jedoch in letzter Zeit nicht blendend tätig gewesen, Düsseldorfer Bericht also zweifellos unwahr.

19. März 2013
Zahlreiche Medienberichte wollten behaupten, dass Christoph Markschies selbstverständlich und mit allem Nachdruck für eine Ehrung von Annette Schavan eingetreten und bei der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises als Laudator aufgetreten sei.
Tenor der Gegendarstellung:
Die Laudatio stammt nicht von Christoph Markschies. Beweis: Laudatio auf den Internet-Seiten von Annette Schavan unter den Reden zu finden, also offenbar von Annette Schavan selbst verfasst.

23. Juli 2013
Nach Behauptungen, die zunächst in der Bloggerszene verbreitet wurden, sollte sich die von Christoph Markschies ins Leben gerufene und geleitete IAG Zitat und Paraphrase auf einer Tagung des Wissenschaftsrats durch einen Vortrag von Philipp Theisohn präsentiert haben, der sich als Schavan-Apologie und Attacke gegen die Uni Düsseldorf erwiesen habe.
Tenor der Gegendarstellung:
Theisohn-Vortrag wurde im Wissenschaftsrat durchgehend heftig beklatscht, außerdem selbstgemachter Schweizer Akzent, daher nicht zu verstehen gewesen.

nach Juli 2013
Auch der Vortragstext von Theisohn soll bei den Anwälten von Annette Schavan gelandet sein, angeblich ergänzt durch weitere zweckdienliche Hinweise – also durch zusätzliche Argumentationshilfe aus dem Zusammenhang der IAG-Arbeit: Erneut eine Behauptung des Abschlussberichts der Uni Düsseldorf.
Tenor der Gegendarstellung:
Erstens war das vertraulich.

Und zweitens reicht es nun mal langsam. Soweit also unsere Materialsammlung für die große, große Gegendarstellung. Am Ende kommen wir zurück auf die Worte unseres Predigers:

„Wie sind wir, liebe Gemeinde? Und wer sind wir? … Im Grunde kennen wir doch die Antwort, die wir, wenn wir ehrlich sind, auf diese Fragen geben müssen.“
Christoph Markschies, Universitätspredigt
10. Februar 2013 in St. Marien, Berlin

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13 Antworten zu “Gegendarstellung: Vom Nachdrücklichen und vom Selbstverständlichen

  1. In der Tat: Ich pflege im Unterschied zu anderen Menschen Beiträge, die ich selbst verfasse, auch mit meinem Namen zu zeichnen. Verleumdung habe ich dagegen weder dem Tagesspiegel noch dem Blog „Causa Schavan“ unterstellt, sondern dem oder der, die gerüchtehalber behauptet, ich hätte auf der Vergabe der Leibniz-Medaille der Akademie an die ehemalige Ministerin „bestanden“.

    Vielen herzlichen Dank für die nochmals erneuerte Zusammenstellung von Links zu einigen Texten, die ich geschrieben oder deren Veröffentlichung ich autorisiert habe. Hier kann nun jede und jeder (wie beispielsweise jüngst Dieter Simon) feststellen, was ich wie und wo wirklich gesagt habe und sich sein eigenes Urteil in der Sache bilden – wenigstens darüber besteht ja unter uns auch glücklicherweise Einigkeit. Nicht ganz einig sind wir uns offenbar über die Deutung der entsprechenden Texte. Trotz der freundlichen Vorarbeit: Eine schriftliche Gegendarstellung gegen die Auslegungen meiner Texte auf diesem Blog (die dann vermutlich ganz geringfügig von den Vorschlägen abweichen würde, die „Simone G.“ mir macht) würde ich für diesen Blog erst dann verfassen, wenn ich wüsste, mit wem ich es dabei eigentlich zu tun habe. Es gehört zu den Usancen der Wissenschaft, dass wir untereinander mit offenen Visier streiten und nicht im Schutz der Anonymität. Zu einem öffentlichen Gespräch über die causa Schavan bin ich mit den Autorinnen und Autoren, die sich leider hinter dem Pseudonym „Simone G.“ verstecken, jederzeit bereit – da können wir dann auch herzlich gern über die Auslegung meiner Texte diskutieren …

    P.S.: Die elektronische Wiedergabe des Interviews vom 23.2.2013 im Kölner Stadtanzeiger enthält tatsächlich, wie von „Simone G.“ vermutet, eine ‚völlig verfälschte Aussage‘: Statt „Mein eigener Lehrer Martin etwa, den ich tief bewundere,“ muss es richtig heißen: „Mein eigener Lehrer Martin Hengel“.

    • Jaja, lesen wird immer dann gefährlich wenn andere es können.

    • Hänschen Klein

      „Es gehört zu den Usancen der Wissenschaft, dass wir untereinander mit offenen Visier streiten und nicht im Schutz der Anonymität.“ – Dann sind also anonymisierte „Peer review“-Verfahren und ebenfalls namentlich nicht gekennzeichnete Gutachten zu Forschungsanträgen (die ich ver- und für dringend durch vollständige Offenheit zu ersetzend erachte!) keine „Usancen der Wissenschaft“? Wohl gar un- bis antiwissenschaftliches Vorgehen? Darf ich Sie so verstehen und zitieren? (Wobei…: Das wird mir angesichts Ihres beschädigten Images wohl kaum noch etwas nützen … schade.)

  2. Dem besonderen Hinweis von Herrn Markschies bin ich gefolgt und habe über die Links nachverfolgt, was er wie und wo wirklich gesagt hat. Jetzt frage ich mich, was er mit diesem Hinweis eigentlich bezwecken wollte.

    Angesehen habe ich mir auch, wie Herr Markschies gepredigt hat. Jemanden, der die Predigt ohne weiteres für die Verkündung von Sottisen gegen eine andere Universität missbraucht, würde ich in einer Studentengemeinde nur ungern auf der Kanzel sehen.

  3. „Chr. Markschies verkündet hier das Ende der Auseinandersetzung der ev. Theologie mit anonymen Quellen“.

  4. Wie ich mir die Fortsetzung in den nächsten Kommentaren wünsche:

    1. Es meldet sich Akademiepräsident Stock und beschwert sich über Markschies, weil der ein Eintreten für die Schavan-Ehrung als unmöglich hingestellt und damit ihn und Sauer in ein schlechtes Licht gerückt hat.

    2. Markschies kontert, dass er im Licht des Lukas-Evangeliums ganz anders ausgelegt werden muss.

    3. Sauer erklärt, dass er Stock um die Erlaubnis bittet, das Protokoll der Jury in „Causa Schavan“ zu veröffentlichen.

    4. Die Kanzlerin schreibt, dass eines der Jury-Mitglieder ihr volles Vertrauen hat.

    5. M. A. Rkschies fragt: Welches?

    6. M. A. Rkschies fragt nochmals: Welches??

    7. Stock antwortet Sauer, dass die Diskussion der Jury streng vertraulich behandelt werden muss.

    8. Sauer weist Stock darauf hin, dass Markschies schon geplaudert hat.

    9. Botschafterin Schavan äußert sich enttäuscht, dass Martin Hengel sie nicht unterstützt hat und dass sich jetzt auch sein Schüler Markschies von ihr abwendet.

    10. Markschies antwortet Schavan, dass er im Licht des Lukas-Evangeliums ganz anders ausgelegt werden muss.

    11. Der Koch der Botschaft beschwert sich, dass er sich drei Stunden vor den PC gesetzt hat, um die Markschies-Zitate anders verstehen zu können, was aber nichts gebracht hat.

    12. Schavan beschwert sich, dass ihr Koch ständig vor dem PC sitzt und dass sie sich deshalb ihre Spaghetti Carbonara mit Ei selbst kochen muss.

    13. Der Koch beschwert sich, dass er in der Botschaft essen muss.

    14. Minister Steinmeier erklärt die Diskussion für off-topic und lässt sie durch Regierungsbeschluss schließen.

    15. Die Kanzlerin schaltet sich noch mal ein und erklärt, dass sie die Doktorarbeit des Ministers zweimal gelesen hat.

  5. Heute hat Akademiepräsident Stock in Reaktion auf einen Tsp.-Artikel einen Brief an die BBAW-Mitglieder verschickt, um seinen Vorschlag einer Leibniz-Medaille für Schavan zu erklären. Seine Erklärung (nicht als Wissenschaftlerin, aber politisch hat Schavan so gewaltige Verdienste, kein Zusammenhang mit der Diskussion um die Doktorarbeit) ist im besten Fall politisch naiv.
    Verärgert ist Stock über den Vertraulichkeitsbruch. Dabei war die Angelegenheit schon seit Monaten kein völliges Geheimnis mehr. Ausgerechnet Stocks Amtsvorgänger Dieter Simon hat sie aber als erster öffentlich ausgeplaudert. Das hat Stock wohl nicht mitbekommen. Verplaudert hat sich dann ja auch sein Vize Markschies. Mannomann, BBAW.

    • Dr. Bernd Dammann

      Ich denke, umgekehrt wird eher ein Schuh daraus:
      Man ist schier fassungslos nach der Lektüre des Artikels im ‚Tagesspiegel‘ und des dort angehängten Briefes des amtierenden Präsidenten der BBAW Günter Stock. Wie abgrundtief naiv oder kaputt (bigott, korrupt, dement oder … ?) muss einer eigentlich sein, wenn er auch noch nach dem rechtskräftigen Urteil des VG Düsseldorf vom 20. März 2014, offenbar von jeglicher Kenntnis der Sachlage in der Causa Schavan ungetrübt und/oder unberührt, immer noch meinen zu können glaubte, die BBAW könne sich mit der in Lübeck ehrenpromovierten Frau Dr. h.c. Schavan als einer möglichen Trägerin der Leibniz-Medaille zugleich auch selbst schmücken und damit selbst mittelbar ehren und weiter aufwerten?

      Frau Dr. Anja Kühne (Tagesspiegel) und deren alter Ego, die „pseudonyme Anonyma Simone G.“ (D.S.), haben dankenswerter Weise öffentlich gemacht, worüber zunächst nur auf den Fluren der BBAW, dann aber auch außerhalb dieser heiligen Hallen schon seit längerem heftig getuschelt und gemunkelt wurde. Schon zuvor war Vorinformierten diese hochkochende Gerüchteküche zu heiß geworden. So trat der BBAW-Veteran Dieter Simon, der in dieser Angelegenheit von Anfang an über gesichertes Insiderwissen verfügt haben muss, schließlich in einer Art von Vorwärtsverteidigung die Flucht nach vorne an, um von sich, von anderen unbeteiligten Dritten, von zu Unrecht unter Verdacht gestellten „Schavanisten“ und vor allem von der BBAW als Ganzer drohenden und irreparablen Imageschaden abzuwenden, zumindest soweit wie nur möglich noch in Grenzen zu halten. In deutlichen und drastischen Worten distanzierte er sich von „Günter Stock, der doch, wie man weithin vernimmt, nicht unbeträchtliche Anstrengung unternahm, um die gerichtlich geschlagenen Wunden der Fremdschämerin zu heilen“ (Dieter Simon: Tagebucheintrag vom 21. Oktober 2014 „Freund Markschies“ – http://www.mops-block.de/ds-tagebuch/240-freund-markschies.html ). Simon löste damit eine „Lawine“ aus. Die Kettenreaktion derjenigen, die sich daraufhin zu Wort meldeten und dazu öffentlich äußerten („Simone G.“, A. Kühne, Chr. Markschies, G. Stock) zeigt, die Hütte steht längst in Flammen und brennt inzwischen lichterloh.

      Denn eingedenk der inhaltlichen Urteilsbegründung des VG Düsseldorf in der Causa Schavan offenbart die von ihm selbst beschriebene windige und rückblickend beschönigte Vorgehensweise des BBAW-Präsidenten Günter Stock in exemplarischer Weise einmal mehr das hochgradig gestörte Verhältnis der „Schavanisten“ und deren Sympathisanten zu unserem demokratischen Rechtsstaat. Ins Personalpolitische transformierte Konflikte in der altehrwürdigen Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, einer Vorgängereinrichtung der BBAW, waren auch damals schon Spiegel der verkommenen Zustände eines in Schieflage geratenen Verhältnisses von Wissenschaft und Politik.

      Auch die Netzwerker des ‚Politischen Katholizismus‘ in der akademischen Welt der Wissenschaften von heute fühlen sich unter dem Schutz des Art. 5 Abs. 3 GG und „unter Wahrung der Vertraulichkeit“ allemal legitimiert, sich ohne Unrechtsbewusstsein umstandslos über die inhaltliche Begründung eines rechtskräftigen Gerichtsurteils hinwegsetzen zu dürfen. Bereits ein solcher unbedarfter Versuch sollte für den Präsidenten einer Akademie der Wissenschaften Grund genug sein, sein Amt unverzüglich zur Verfügung zu stellen.

      • Touché.
        Doch wenn es so läuft wie in solchen Fällen üblich, dann wird der Hüttenbrand bald wieder im gemütlichen akademischen Herdfeuer verglimmen. Und Präsident Stock wird wie vorgesehen zum Ende seiner Amtszeit unter allgemeinster Lobrede verabschiedet werden. Und die Nachfolge wird wohl bestens geregelt sein.

  6. Lieselotte Holzheim

    Ich bin selber Alt-Cusaner und fühle mich von Frau Schavan & Co,. veräppelt. Wie kann es sein, dass jemand, der Leistung und Exzellenz in der Wissenschaft anderen predigt, dabei aber dagegen selbst verstößt und dann noch wegen Täuschung den Dr,. aberkannt bekommt, dann noch einen Botschafterposten beim Vatikan bekommt? Das wirft ein schlechtes Licht auf alle Cusaner, als wenn das alle irgendwelche Seilschaften wären oder daran teilhätten. Frau Scharlatan auch noch „rehabilitieren“ zu wollen zeigt doch nur, wie lächerlich deutsche Wissenschaftsorganisationen und ihre Funktionäre sind: Es geht im Ende nicht um die angebliche Leistung, sondern um Vitamin B!

  7. Nicht schlecht habe ich gestaunt, als ich zufällig über einen Beitrag von Herrn Markschies zur Plagiatsdiskussion von 2011 gestolpert bin.

    Die Reaktion der Studierenden auf den Fall Guttenberg beschreibt Herr Markschies so:

    „Obwohl dieser Generation in einem Maße Texte im Internet zur Verfügung stehen wie keiner zuvor und an die Stelle des mühsamen Exzerpierens aus Quellen nach der Phase des Kopierens einzelner Seiten nun das ‚copy and paste‘ von Sätzen wie Absätzen in die eigenen Dateien getreten ist, haben diese jungen Studierenden ein feines Gespür dafür, wo die rote Linie zum Betrug verläuft. Sie wissen, dass das Kopieren von Sätzen und Passagen ohne Nachweis geistiger Diebstahl ist, eine Todsünde im Bereich der Wissenschaft. Und sie haben ärgerlich bis zornig die Bagatellisierungsversuche höchster Politiker verfolgt, die nach dem mittelalterlichen Modell ‚the king’s two bodies‘ zwischen dem Doktoranden G. und dem Verteidigungsminister G. unterscheiden wollten, als ob Betrug nur die halbe Person betreffen würde.“

    Viele seiner Doktoranden hätten „das Manifest zum Thema“ unterschrieben und weiterverbreitet. Auch unter Kollegen würde der Fall heiß diskutiert. Man könnte aber nicht verlangen, dass ein Doktorvater die Arbeiten seiner Schüler mit Google prüft: „Denn eigentlich sollte in diesem Stadium der wissenschaftlichen Karriere jedem und jeder klar sein, welche Standards in der Wissenschaft gelten.“

    Weiter schreibt er: „Diese wenigen Eindrücke zeigen, dass man vom Standpunkt eines Wissenschaftlers über die Debatte nur glücklich sein kann: Es ist mit wünschenswerter Klarheit nun jedermann deutlich, dass Betrug in der Wissenschaft nicht folgenlos bleibt und geahndet wird. Ich persönlich bin auch deswegen besonders glücklich, weil ich als Präsident der Berliner Humboldt-Universität vor rund drei Jahren versucht habe, einem Plagiator meiner eigenen juristischen Fakultät das Handwerk zu legen und auf massiven Widerstand von seinen Kollegen traf, die aus falsch verstandener Solidarität ihren Freund schützen wollten und auf viel Hilflosigkeit in der Kommission, die zur Bearbeitung solcher Fälle eigentlich berufen ist.“

    (evangelisch.de, 2.3.2011)

    • Vielen Dank für diese aufschlussreichen Zitate und Paraphrasen. Die besondere Glücksempfindung des seinerzeitigen HU-Präsidenten hat sich ja dann schon im Mai 2012 spurlos verflüchtigt, weshalb er gemeinsam mit sieben weiteren Wissenschaftsgrößen ein pompös verblasenes Manifest gegen die Plagiatsjagd veröffentlichen musste. Denn inzwischen stand auch die Ministerin Schavan unter Plagiatsverdacht, und es herrschte „ein Klima des Verdachts und der Bedrohung“, weil „Vertrauen durch scheinbare Transparenz ersetzt“ wurde. Jetzt hatten auch diese jungen Studierenden kein feines Gespür mehr für den Verlauf roter Linien zum Betrug, sondern man musste sie davor schützen, dass sie wegen solcher Plagiatsvorwürfe „bei der Herstellung ihrer Qualifikationsarbeiten in Verwirrung geraten“.

      Die Causa Schavan war immer wieder auch ganz großes Verbalkino.

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