Schavan an der Autobahn: Von öffentlicher Verantwortung und der Würde des Kompromisses

autobahnkirche1An der A 5 zwischen Rastatt-Süd und Baden-Baden findet der Autofahrer eine dieser segensreichen Einrichtungen, an denen er rasten, tanken, zu Burger King und auf Klo kann. Und wenn dies alles nicht Segen genug ist, kann man hier auch die Autobahnkirche St. Christophorus aufsuchen, die an eine etwas zu flach geratene Grabpyramide mit Zugbrücke erinnert. Drum herum gibt es imposante Skulpturen und drinnen ringsum farbige Glasfenster und sehr viel bedeutungsvolle sonstige Kunst. Die Autobahnkirche St. Christophorus verströmt aus jeder Pore ihres Betons und mit jedem Schimmer ihrer edlen Hölzer die entschlossene katholische Modernitätsbereitschaft der Zeit um 1980. Da kann Annette Schavan nicht weit sein.

Die Autobahnkirche lässt zwar keinen Zweifel daran, dass sie dem katholischen Glauben anhängt, aber an diesem Sonntagmorgen sind es nicht nur Katholiken, die hier zur Messe mit anschließendem Vortrag strömen. Und auch die katholische Geistlichkeit sieht es heute mit den Konfessionen nicht so eng: Es ist doch etwas mehr als nur die übliche Autobahnökumene, wenn der Freiburger Erzbischof Stephan Burger verkündet, dass „das geistige Fundament unserer Kultur“ im „jüdisch-christlichen Glauben“ wurzelt. Alle sind gefordert, „jede und jeder an seinem Ort und in seinem Lebensumfeld“, dieses geistige Wurzelfundament „zu schützen und zu achten“, sagt der Herr Erzbischof.

schieflageReligionshistorisch ist der jüdisch-christliche Glaube wohl neueren Datums. Womöglich ist er sogar so neu, dass den Christen-Juden das freudige Ereignis ihrer Eingemeindung durch die Juden-Christen noch gar nicht mitgeteilt werden konnte. Wie in diesen Tagen zu vernehmen war, haben selbst unter den Kollegen des Berliner Theologen Professor Markschies noch nicht alle vom Juden-Christentum gehört. Dieser jüdisch-christliche Glaube dürfte jedenfalls kaum älter sein als die vielen Moscheen, die man auf einer Autobahnfahrt von Castrop-Rauxel nach Baden-Baden zu sehen bekommt: Allesamt unmittelbar an der Autobahn gelegen, aber nicht eine einzige Autobahnmoschee darunter. Auch an diesen Orten im Lebensumfeld der autobahnnahen Industriebrachen ist offenbar jede und jeder gefordert, den jüdisch-christlichen Glauben als Fundament unserer Kultur zu schützen und zu achten. Und auch die Dissidenten, die Diffusen und die Glaubenslosen, die es im Lande geben soll, sind offenbar gefordert. Denn der Katholizismus jüdisch-christlichen Glaubens ist eine weitherzige Angelegenheit.

schavana5Ihre Exzellenz Dr. h.c. Annette Schavan sitzt neben dem Herrn Erzbischof und leuchtet nun schon geraume Zeit blau und irgendwie hoheitsvoll zu den versammelten Gläubigen herüber. Dann hebt sie an und spricht: „Gott hat uns auf den Menschen verpflichtet“ lautet der Titel ihres Pastoralreferats, das von „Christen in öffentlicher Verantwortung“ handelt. Das Thema berge Konfliktpotenzial, behauptet sie, vor allem in der Politik. Denn schon der jungen Annette Schavan war einst bedeutet worden, dass sie sich entscheiden müsse zwischen politischem Engagement und persönlicher Frömmigkeit. Doch sie konnte beides. Es ist „die Würde des Kompromisses“, die solches möglich macht, sagt Schavan. Denn diese Würde bedeutet keineswegs einen Verrat an der Wahrheit.

Das war etwa in der Stammzellen-Debatte unter Beweis zu stellen. Oder auch in der Kopftuch-Debatte des Jahres 1998, wie wir uns erinnern. Von der Würde des Kompromisses, die keineswegs einen Verrat an der Wahrheit bedeutet, ließe sich in diesem Fall in etwa so erzählen: Dass der damaligen Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg, Annette Schavan, diese Kopftuch-Debatte eigentlich sehr ungelegen kam. Dass es durchaus nicht ihre Absicht gewesen war, der muslimischen Lehramtsanwärterin Fereshta Ludin, die auch im Unterricht ihr Kopftuch tragen wollte, deshalb die Einstellung zu verweigern. Denn die Ministerin wusste, dass ein Kopftuch-Verbot im bekenntnisneutralen Staat unweigerlich auch zu einer Diskussion über Kruzifix und Nonnenhabit in den Schulräumen führen musste. Dann aber geriet sie unter massiven Druck aus Kreisen der CDU-Fraktion im Landtag, deren stellvertretender Vorsitzender Hermann Seimetz ihr mit der Entfernung aus dem Ministeramt drohte, falls sie auf ihrer Position beharren sollte. Daraufhin entdeckte Schavan umgehend die Würde des Kompromisses in der Kompromisslosigkeit, und Ludin wurde nicht eingestellt. Ab sofort waren Kopftücher in baden-württembergischen Klassenzimmern keinesfalls mehr zu dulden, Kruzifix und Nonnenhabit dagegen natürlich nach wie vor sehr wohl.

habitIm Landtag wußte Schavan ihre kurzfristig aktualisierte Position in dieser Frage wie stets mit ebenso wohlgesetzten wie grundsätzlichen Worten zu vertreten: Die Kopftuch-Frage fand sie nun ungemein bedeutsam wegen des friedlichen Miteinanders der Religionen, das von allen Beteiligten die Bereitschaft zu Konzessionen, Diskretion und Toleranz gegenüber anderen verlange. Offenbar zählten aber vor allem Muslime zu diesen Beteiligten, von denen etwas verlangt wurde. Keine Beteiligten waren dagegen beispielsweise Nonnen im Schuldienst. Bei deren Tracht, erklärte Schavan allen Ernstes, handle es sich nämlich keineswegs um das Abzeichen einer religiösen Orientierung. Das Habit der Nonnen, befand Schavan, sei lediglich eine Berufskleidung.

Eigentlich muss man nur die Geschichte der Kopftuch-Debatte kennen, um das System Schavan zu begreifen. Dieses System ist in zweifellos gottgefälliger Weise ganz und gar auf den Menschen verpflichtet, und es ist sehr viel Würde drin. Christen in der Politik sei nichts Menschliches fremd, doziert soeben der bläulich erleuchtete Mensch, dem die Verpflichtung dieses Systems gilt. Es gehe darum, kreative Lösungen für alle möglichen Probleme zu finden, sich immer etwas einfallen zu lassen und Netzwerke zu bilden. In all diesen Disziplinen hat es Annette Schavan seit ihren Schul- und Studienjahren zu hoher Meisterschaft gebracht und dabei stets die Würde des Kompromisses gewahrt, wodurch sich fromme Denkungsart und politisches Streben stets miteinander vereinbaren ließen.

Das Christentum sei eine „Einladung zur Wirklichkeit“, sagt Schavan nun. Warum auch nicht. Jedenfalls laufen, wenn man ihr folgt, Christentum und Politik eigentlich auf dasselbe hinaus. „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit“, pflegt sie seit Jahren derart regelmäßig zu verkünden, dass sie in gewissen Berliner Kreisen längst als die Urheberin dieser Sentenz gilt. Der Satz stammte einmal von Kurt Schumacher, doch das ist lange her. Heute dürfen wir getrost sein, dass er Papst Franziskus zuzuschreiben ist. Und tatsächlich: Die Wirklichkeit ist wichtiger als irgendwelche Ideen, hat Papst Franziskus gesagt, sagt Annette Schavan. Und wenn Politiker kein Gehör und keine Gefolgschaft mehr finden bei den Menschen draußen im Lande, dann liegt das daran, dass diese Politiker in einer Welt der Ideen leben, statt der Einladung des Christentums zur Wirklichkeit zu folgen.

Dann spricht Annette Schavan von der Notwendigkeit, eine neue Kultur des Scheiterns zu etablieren. Es sei eine „zutiefst christliche Frage“, wie mit den Gescheiterten in der Gesellschaft umgegangen werde. Der Zusammenhang mit dem Thema des Vortrags, „Christen in öffentlicher Verantwortung“, ergibt sich aber wohl nicht aus einem Scheitern der Annette Schavan. Denn diese Christin in öffentlicher Verantwortung ist nicht gescheitert. Auch in schwerer Zeit hat sie stets die Würde des Kompromisses gewahrt, die keinen Verrat an der Wahrheit bedeutet. Und in der Gesellschaft ist mit ihr so umgegangen worden, dass sie jetzt Botschafterin der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl ist und offiziell „Ihre Exzellenz“ heißt.

In dieser Woche ist Ihre Exzellenz wieder in Rom. Sie wird da unter anderem am Campo Santo eine Ausstellung eröffnen, die großformatige Porträtfotos deutscher berufstätiger Frauen zeigt. Diese Frauen stecken allesamt in einer wenig kleidsamen Montur, aber sie haben trotzdem alle mächtig Spaß bei der Arbeit, sie lachen allesamt und zeigen dabei reichlich Gebiss. Es muss eine Riesengaudi sein, im Kloster Untermarchtal Nonne zu sein. Verschiedenenonnen Porträts anderer Berufskleidungsträgerinnen, die nicht diese unbändige Freude bei der Berufsausübung zeigten, konnten bei der Auswahl der Bilder für diese Ausstellung leider nicht berücksichtigt werden. “Göttlich” heißt die Exposition, solange sie in Untermarchtal, am Campo Santo oder in anderen vatikanischen Exklaven gezeigt wird. An etwaigen weiteren Stationen in den armseligen Gefilden der Bekenntnisneutralität wäre bei der Titelwahl allerdings die Würde des Kompromisses zu wahren. Hier hieße diese Ausstellung dann wohl: “Beruflich”.

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Eine Antwort zu “Schavan an der Autobahn: Von öffentlicher Verantwortung und der Würde des Kompromisses

  1. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2004 wollte Schavan immer noch nicht wahrhaben, dass ein Verbot von religiöser Kleidung in den Schulen auch für Nonnen im Habit gelten musste. Ausgerechnet der von ihr ständig im Mund geführte Ernst-Wolfgang Böckenförde fuhr ihr damals in die Parade und meinte, Schavan „sollte sich mal über den Ritus der Einkleidung informieren, wenn die Ordensschwestern ihre Gelübde ablegen und ihren Ordenshabit überreicht bekommen, als Zeichen dafür, dass sie ihr Leben in besonderer Weise Gott widmen.“ („Der Spiegel“ im Oktober 2004)

    Für die „promovierte Theologin“, frühere Cusanus-Leiterin, Vizechefin des ZdK usw. war das schon extrem peinlich.

    [Ergänzt: Hier der Spiegel-Artikel vom Oktober 2004]

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