Hütchenspiele, Teil 1: Vorspiel an der Leine

Ihren bescheidenen Anfang nimmt diese Geschichte in Hannover, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Es wird bald äußerst international zugehen, und zur Bescheidenheit wird wenig Anlass gesehen. Denn unsere Helden bilden den engsten Zirkel der erlauchtesten und erleuchtetsten Geistesgrößen Europas. Und wenn man eine solche Geschichte recherchiert, dann geht man in Belgrad auf’s Klo, liest Zeitung in Thailand und legt sich in Madrid unter’s Messer. Nur Genf geht nicht, denn Genf hat nie existiert.
Angefangen aber hat alles im Weißen Haus.


Dem Geschäftsführer des Caritas-Verbandes Hannover, Andreas Schubert, ist ein kolossales Missgeschick widerfahren: Seine Doktorarbeit weist verblüffende Übereinstimmungen mit den Werken anderer Autoren auf. Schon bei der Danksagung beschränken sich Abweichungen von der ungenannten Vorlage im Wesentlichen darauf, dass die Ehefrau diesmal nicht Nicole heißt. [1]

Dr. Schubert hat zunächst erklärt, dass die in der Deutschen Nationalbibliothek hinterlegte und im VroniplagWiki unbarmherzig zerpflückte Arbeit nur eine irrtümlich verschickte „Frühfassung“ der Dissertationsschrift war. Einzig in der Bibliothek der altehrwürdigen Comenius-Universität zu Bratislava in der Slowakei, wo er im Juni 2009 seine akademischen Weihen empfing, ruhe ein wahres Exemplar. Nachdem wider Erwarten auch diese Spätfassung ausfindig gemacht, gesichtet und verglichen war, mit ungünstigem Ergebnis, wollte Dr. Schubert im heimischen Hannover eine dritte, nun aber wirklich richtige Version aufgefunden haben. [2] Die Sache ist derzeit in der Schwebe, wenngleich wohl eher bodennah.

Die Deutsche Nationalbibliothek hat den Zugriff auf das Werk inzwischen gesperrt. Wie Dr. Schubert erklärte, war die Sperrung aus rechtlichen Gründen erforderlich geworden: Weil seine Doktorarbeit, die sich mit der strategischen Steuerung von Krankenhäusern befasst, nämlich sensible Krankenhausdaten enthalte. Doch nun meldete sich unerwartet die TU Dresden und war sehr erbost, weil in dem Exemplar der DNB neben Bratislava fälschlich auch Elbflorenz als Promotionsort angegeben war. Unerhört! Mit diesem Machwerk hatte man in Dresden nichts zu tun. Dass die Sperrung tatsächlich auf eine Intervention der TU zurückgegangen sei, [3] scheint allerdings doch nicht zutreffend zu sein. [4]

Irritieren muss auch, dass das DNB-Exemplar auf dem Deckblatt dieser Doktorarbeit den Kriminologen und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke als Betreuer nennt. Maelicke hat weder in Bratislava noch in Dresden gelehrt, er leitet seit 2005 das Deutsche Institut für Sozialwirtschaft in Lüneburg.

Doch Dr. Schubert hat sich all das nicht einfach frei zusammenphantasiert. Er hat übel abgeschrieben, und seine Abwehrversuche waren hilflos und allzu offensichtlich unwahrhaftig, aber sein akademischer Werdegang ist in den verschiedenen Fassungen seiner Dissertation zwar wechselnd, insgesamt jedoch annähernd stimmig wiedergegeben. Reineweg scheinheilig ist dagegen die Empörung der TU Dresden.

Die Perle von Elbflorenz

In einer ersten Presseerklärung, die bald wieder von den Internet-Seiten des Caritas-Verbandes gelöscht wurde, hat Dr. Schubert in aller Offenheit den Weg beschrieben, auf dem ihm trotz fordernder Berufstätigkeit die Promotion ermöglicht wurde: Durch die Einschreibung im Akademischen Europa-Seminar, verantwortet vom Europäischen Institut für postgraduale Bildung (EIPOS) an der TU Dresden, das nach wenigen Blockveranstaltungen innerhalb von zwei, drei Jahren zur Promotion an der Comenius-Universität in Bratislava führte. Regulärer Kostenpunkt seinerzeit: 24.000 Euro, [5] wovon 10.000 Euro pauschal an die promovierende Universität abgeführt wurden. Das Angebot richtete sich ausdrücklich an Führungskräfte aus der Wirtschaft, und mit Professor Maelicke aus Lüneburg hatte EIPOS dem Kandidaten in der Tat einen äußerst rührigen Veteranen der Fort- und Weiterbildung von Führungskräften vermittelt. Bezahlt wurde die Qualifizierungsmaßnahme, wie es bei diesem Programm eher die Regel war, vom Arbeitgeber. Dr. Schubert fühlte sich gut betreut und würde den Weg über das AES in Dresden denn auch jederzeit wieder gehen.

An der Elbe weiß man heute nichts mehr vom Akademischen Europa-Seminar. Es darf diese finanziell einträgliche Konstruktion nie gegeben haben, mit der jahrelang Promotionen in Tschechien oder der Slowakei ermöglicht wurden, die man im eigenen Haus nicht vorgenommen hätte. Doch werden sich die Spuren dieses Geschäftszweigs nicht einfach dadurch aus der Welt schaffen lassen, dass man auf einen Plagiator schimpft, der auch Dresden auf das Titelblatt gesetzt hat. Ähnlich wie Dr. Schubert hielten es in diesem Punkt auch andere EIPOS-Kunden, denen eine ausschließlich tschechische oder slowakische Promotion denn doch zu wenig schien. So ließ etwa der heutige Sprecher der CDU-Mittelstandsvereinigung Brandenburg, Bernd Benser, ohne Weiteres die TU Dresden als Ort der Promotion auf das benserTitelblatt der Dissertationsschrift setzen, für die er 2007 in Bratislava den Doktorgrad bekommen hatte. Und auch in der Deutschen Nationalbibliothek kann es durchaus geschehen, dass eine über EIPOS vermittelte Auswärts-Promotion als reine Dresdner Angelegenheit verzeichnet wird, ganz ohne die TU Ostrava. [6]

Für irgendwelche Empfindlichkeiten besteht in Dresden jedoch wenig Anlass. EIPOS handelte keineswegs eigenmächtig oder auch nur fernab der Schaltzentralen der TU. So hatte im EIPOS-Präsidium stets auch der Kanzler der TU einen Sitz, und Rektor Hermann Kokenge gehörte bis zuletzt sogar dem Wissenschaftlichen Beirat des Akademischen Europa-Seminars an. Gerade dem 1999 begründeten AES galt besondere Wertschätzung. 2007, als sich Andreas Schubert in Dresdner Blockseminaren auf seine Promotion in Bratislava vorbereitete und Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) soeben in Ostrava den Doktorgrad errungen hatte, konnte EIPOS-Präsident Günter Hertel stolz erklären:

Wo TUD „drauf steht“, muss auch die Qualität der Wissenschaftlichen Hochschule „drin sein“. Mit unserem berufsbegleitenden Akademischen Europa-Seminar haben wir eine Perle entwickelt, welche die neueste Erklärung der European University Association zur Rolle von Promotionsprogrammen bereits erfüllt. Wir haben dabei in Dresden das Zentrum eines Netzwerks traditionsreicher Universitäten im mitteleuropäischen Raum gestaltet, aus dem wir nachhaltigen Mehrwert für unsere alma mater und unsere Weiterbildungskunden schöpfen wollen. [7]

Im Sinn des nachhaltigen Mehrwerts passte die Perle ihr Preisniveau dann auch noch einmal den inzwischen gestiegenen Kosten an, bevor im Jahre 2010, recht unvermittelt, dieser akademischen Wertschöpfung ein Ende gesetzt wurde. Zu sehr erinnerte das Geschäftsmodell an die heftig ins Gerede gekommenen gewerblichen Promotionsvermittler. Die TU Dresden zog kurzerhand die Reißleine. [8]

Tagesgäste

Andreas Schubert war da bereits promoviert. Auf Professor Maelicke hatte man bei der Verteidigung der Dissertationsschrift in Bratislava getrost verzichten können. Als Doktorvater des Kandidaten war hier kein geringerer als Professor Ľudomír Šlahor aufgetreten, damals seines Zeichens Prodekan für Wissenschaft und Forschung. Es scheint in jenen Jahren und bis heute an der Fakultät für Management stets mehr oder weniger dieselbe Kommission zusammengekommen zu sein, wenn wieder einmal ein Bezahlkandidat aus Deutschland oder Österreich zur Prüfung antrat: Fast ausnahmslos unter Mitwirkung von Šlahor, der sehr oft in der Funktion des Betreuers erschien.

Aber nicht nur an der altehrwürdigen Comenius-Universität gab es etwas zu tun. Ľudomír Šlahor, inzwischen Vizerektor für Internationale Angelegenheiten, war mit solchen Aufgaben und den paar Tagesgästen aus dem deutschsprachigen Raum keineswegs schon ausgelastet. Schließlich war der Hochschulstandort Bratislava mit Universitäten reich gesegnet.

Und so kann es gar nicht ausbleiben, dass wir Professor Šlahor in dieser Geschichte erneut begegnen werden. Doch zunächst beginnen wir noch einmal: Vor vierzig Jahren, unten am Fluss.

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6 Antworten zu “Hütchenspiele, Teil 1: Vorspiel an der Leine

  1. Weißer Hirsch

    AES-Werbematerial von 2004:

    „Das Akademische Europa-Seminar (AES) kombiniert eine europäisch geprägte wissenschaftliche Qualifikation von Fach- und Führungskräften mit einem Promotionsstudium. Im Mittelpunkt stehen dabei
    – die Erweiterung und Erneuerung des beruflichen Wissens und Könnens in Schwerpunktbereichen europäischer Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung,
    – die Mitwirkung an Beschäftigungssicherung von Fach- und Führungskräften und Erhöhung ihrer Einsatzchancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt,
    – die Förderung der West-Ost-Beziehungen, insbesondere die Zusammenarbeit mit den assoziierten Mitgliedstaaten der Union auf den Gebieten Bildung, Forschung und Beratung.
    Seit 2000 koordiniert EIPOS das Zusammenwirken von tschechischen und deutschen Universitäten im AES. So sollen Interessenten in ihrem Bemühen, im jeweils anderen Land zu promovieren, unterstützt werden. Ab 2003 werden auch slowakische Universitäten in das Programm aufgenommen.“

    Das AES-Programm wird auf „etwa fünf Präsenzwochen in Dresden und ca. acht bis 10 Reisen zu Gastuniversitäten im Laufe von fünf bis sechs Semestern“ beziffert. Bei der Berechnung der Kosten wird aber nur von durchschnittlich sieben eintägigen Reisen an die ausländische Universität ausgegangen, und das Programm wird an anderer Stelle des Prospekts nur auf „etwa vier Semester“ angesetzt.

    Informationsveranstaltungen für das AES werden 2004 an den Flughäfen Köln, München, Stuttgart und Hannover organisiert. Ansprechpartner ist Dr. Michael Beithe vom EIPOS.

    Beim AES haben sich in zehn Jahren angeblich mehr als 120 Kandidaten eingeschrieben. Etwa 60 dürften es bis zur Promotion geschafft haben. Als das Programm im Oktober 2010 überraschend dichtgemacht wurde, waren einige noch nicht fertig. Die Umstände waren dramatisch: Die TUD drohte dem EIPOS mit Schließung, wenn das AES-Programm nicht eingestellt würde. Günter H. Hertel schied damals bei EIPOS aus und wechselte wenig später von der TUD an die Palacký Universität Olomouc.

    Der AES-Koordinator und Projektleiter Dr. Beithe hatte sich mit der Grundidee schon 2008 selbständig gemacht und die Agentur eurias gegründet. Die aktuelle eurias-Broschüre nennt als Kosten:

    „Das Honorar für eurias beträgt 1.960,– Euro zzgl. MwSt. je Semester. Es halbiert sich ab dem siebenten Semester. Die Höhe der Studiengebühren variiert zwischen 500,– Euro und 2.750,– Euro je Semester je nach Fakultät. Die Kosten sind abhängig von Studiendauer und aufnehmender Fakultät. Sie betragen für ein dreijähriges Studium durchschnittlich 25.300,- Euro, mindestens 13.700,- Euro.“

    Es erklärt sich auch ein wenig, warum dieses Business so unglaublich boomt:

    „In nahezu allen Fällen können diese Kosten steuerlich geltend gemacht werden. Kann der Doktorand die Kosten von seinem Unternehmen zahlen lassen, so sind die Ausgaben Kosten und mindern den Gewinn und damit die Steuern. Hat der Doktorand diese Kosten selbst zu zahlen, so würde seine Einkommenssteuer, bei Anerkennung, über einen Zeitraum von vier Jahren erheblich gemildert.“

    Mit anderen Worten, der Rest der Steuerzahler blecht hier kräftig mit.

  2. H. Uettchekens

    Was sich mir nach der Lektüre noch nicht erschließt: wer sind eigentlich die Hütchen und wer ist der Spieler oder die Spielerin? Und was liegt unter dem einen Hütchen? Auch nur heiße Luft? Habe ich vielleicht die Sache mit den Hütchen schlichtweg überlesen?

  3. So eindeutig scheint der Fall Schubert nicht zu liegen, die Mitverantwortung der TU Dresden bzw. Eipos betreffend. In einer Pressemitteilung heißt es, dass er die Zusammenarbeit mit dem AES 2008 beendet hätte und danach ausschließlich in Bratislava eingeschrieben gewesen wäre. Siehe Vroniplag http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Diskussion:Ast/Pressespiegel

    • In der Tat stellt die Pressemitteilung der TU Dresden den Weg zur Promotion völlig anders dar als die Erklärung, die Schubert abgegeben hat. Vermutlich sind beide Versionen „richtig“, was ja bekanntlich nicht gleichbedeutend mit der vollen Wahrheit sein muss.

      Nach Darstellung von Schubert hat er das EIPOS-Programm dankbar und in vollem Umfang absolviert und ist über dieses Programm zur Promotion in Bratislava gelangt. Von irgendwelchen Schwierigkeiten oder Unstimmigkeiten mit EIPOS weiß er nichts. Im Gegenteil: Schubert erklärt ausdrücklich, dass er diesen Weg über EIPOS bzw. das AES nur empfehlen kann und ihn jederzeit wieder gehen würde.

      Nach Darstellung der TU war er („nur“) von 2006 bis 2008 Teilnehmer dieses Programms, hat die Zusammenarbeit mit dem AES dann im Sommer 2008 (suggeriert: „vorzeitig“) beendet und war danach ausschließlich noch an der Universität in Bratislava eingeschrieben.

      Eine Teilnahme von 2006 bis 2008 kann durchaus einen vollständigen Durchlauf durch das EIPOS-Programm bedeuten, das ja laut Prospekt „etwa vier Semester“ in Anspruch nehmen sollte. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Dissertationsschrift auf das Jahr 2008 datiert ist. Wenn diese Datierung korrekt ist, wäre die Dissertation mehr oder weniger fertig gewesen, als Schubert bei EIPOS aufhörte. Der zeitliche Abstand zur Promotion (19. Juni 2009) ist auffallend.

      In einer EIPOS-Liste der zwischen 2002 und 2010 abgeschlossenen Dissertationen taucht Schubert nicht auf. Der Eintrag auf dem Titelblatt des DNB-Exemplars lautet:

      Comenius Universität in Bratislava
      Fakultät für Management
      Technische Universität Dresden
      Akademisches Europa-Seminar
      Studienfach: Corporate Management 62-90-9
      Betreuer: Doc. RNDr. Ing. Ludomir Slahor, PhD
      Prof. Dr. Bernd Maelicke
      Bratislava/Dresden 2008

      Die Verteidigung der Dissertation im Juni 2009 an der Universität in Bratislava wurde nach unseren Feststellungen so angekündigt und offenbar auch so durchgeführt wie in EIPOS-Fällen üblich.

      Wenn die TU Dresden mitteilt, dass Schubert seit Sommer 2008 „ausschließlich an der Universität in Bratislava eingeschrieben“ war, wirkt das allerdings fast irreführend. Denn im Zusammenhang mit einer Promotion kann es ja nur auf die Einschreibung an einer Universität ankommen. An der TU Dresden dürften aber EIPOS-Promotionskandidaten höchstens ausnahmsweise eingeschrieben gewesen sein. EIPOS spach mit seinem AES ja gezielt „Führungskräfte“ aus der Wirtschaft an, und die Teilnahme am EIPOS-Programm war nicht mit einer Einschreibung an der TU verbunden. EIPOS-Kandidaten waren daher in der Regel, wie Schubert, nur in Bratislava eingeschrieben.

  4. Pingback: Hütchenspiele | Erbloggtes

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