Präsident und Nichtwissen. Teil 3: Voraussetzungen und Erfordernisse heutiger Honorarprofessuren

Für theologische Wissenschaft wird man das Sammelsurium an kirchen- und parteipolitischen Denk- und Programmschriften, Traktaten zur Erbauung und Besinnung sowie persönlichen Glaubensbezeugungen aus der Feder von Annette Schavan am ehesten dann halten können, wenn man sich danach richtet, was etwa der Don Bosco Verlag als „Wissenschaftliche Theologie“ unter die Leute bringt. Als es 2008 darum ging, der Ministerin zur Honorarprofessur zu verhelfen, waren jedoch nicht alle Mitglieder des Akademischen Senats der FU Berlin sogleich bereit, ihrem Präsidenten Dieter Lenzen hierin zu folgen. Dass sich, wie dann offiziell erklärt wurde, in ihrer Person “in besonderer Weise geisteswissenschaftliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Präsenz und Wirksamkeit“ verbinde [1], war damals keineswegs unumstritten.

Doch besondere Exzellenz musste sein. Man war schließlich nicht in Niedersachsen, wo das Hochschulgesetz die Möglichkeit der Honorarprofessur ohne weiteres für „wissenschaftlich oder durch Berufspraxis ausgewiesene Persönlichkeiten“ vorsah. [2] Das Berliner Hochschulgesetz war da sehr viel penibler:

Zum Honorarprofessor oder zur Honorarprofessorin kann bestellt werden, wer in seinem Fach auf Grund hervorragender wissenschaftlicher oder künstlerischer Leistungen den Anforderungen entspricht, die an Professoren und Professorinnen gestellt werden. Die Bestellung setzt eine mehrjährige selbständige Lehrtätigkeit an einer Hochschule voraus; von dieser Voraussetzung kann bei besonderen wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen in einer mehrjährigen beruflichen Praxis abgesehen werden. [3]

In der Berliner Simulationsanordnung musste also zunächst einmal darüber hinweggegangen werden, dass die künftige Honorarprofessorin der Katholischen Theologie ihren Doktorgrad nicht an einer Theologischen Fakultät im Fach Theologie, sondern an einer Philosophischen Fakultät im Fach Erziehungswissenschaften erworben hatte: Sie verstand sich nun einmal als Theologin, und als Theologin wollte sie wahrgenommen werden. Sodann waren ihr in „ihrem“ Fach hervorragende wissenschaftliche Leistungen zu attestieren. Angeblich soll damals im Akademischen Senat kurzzeitig der Gedanke aufgekeimt sein, mangels hervorragender wissenschaftlicher Leistungen ersatzweise die Ausübung des Ministeramtes als hervorragende künstlerische Leistung im Fach Theologie anzuerkennen. Aus nicht überlieferten Gründen sei dies aber wieder verworfen worden. Und schließlich galt es, in der Vita der künftigen Professorin eine mehrjährige selbständige Lehrtätigkeit an einer Hochschule zu entdecken oder aber besondere wissenschaftliche Leistungen namhaft zu machen, die sie im Rahmen ihrer langjährigen beruflichen Praxis als Referentin, Geschäftsführerin und schließlich Leiterin des bischöflichen Cusanuswerks, als Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union, als Landes- und Bundesministerin erbracht hatte.

Die Mitglieder des Akademischen Senats sahen sich dieser multiplen Herausforderung vorübergehend wohl nicht recht gewachsen. In der entscheidenden Sitzung „herrschte wirklich keine Jubelstimmung“, heißt es inzwischen aus Kreisen der damals Beteiligten:

Dass Schavans „wissenschaftliche Leistungen“ eine „dünne Sache“ gewesen seien, sei allen angesichts ihrer Publikationsliste klar gewesen. […] Doch die Professoren hätten alle „die Köpfe eingezogen“. [4]

Denn die Honorarprofessierung der Ministerin hatte unter allen Umständen stattzufinden. Schließlich war die Sache bereits weit gediehen – und das freudige Ereignis der Betroffenen wohl auch schon in sichere Aussicht gestellt. Und auch die Aussicht auf die bevorstehende zweite Runde des Exzellenzwettbewerbs mochte nicht gerade zu verstärkter Aufmüpfigkeit anregen. So verließen schließlich drei Mitglieder, die den absehbaren Beschluss nicht mittragen wollten, den Sitzungssaal. Damit war die erforderliche Einmütigkeit hergestellt, und FU-Präsident Lenzen konnte einen weiteren bekannten Namen zu der Reihe prominenter Preisträger, Ehrendoktoren und -professoren hinzufügen, die neuerdings der Universität willkommenen Glanz verliehen: Desmond Tutu, Orhan Pamuk, und nun Annette Schavan.

Allerdings war es mit dem Beschluss allein nicht getan. Er musste ja noch einigermaßen eingehend begründet werden, und zwar so, dass die Vorgaben des Hochschulgesetzes erfüllt waren und das Ganze möglichst unzweifelhaft klang. Eine Würdigung musste her. Von einem „wissenschaftlichen Werk in der Moraltheologie und der Praktischen Theologie“ war da die Rede, mit dem Schavan „nicht nur die Öffnung der Theologie zur Welt“ vertrete, sondern auch „diese als Chance für jene“ begreife. Sofern mit diesem verbalen Sprühnebel gemeint sein sollte, dass die Theologin Schavan ernstlich der Auffassung sei, dass die Welt von der Theologie etwas zu erwarten habe, ist dies allerdings nun wirklich keine überraschende Enthüllung. Im Übrigen attestierte die FU ihrer künftigen Professorin, dass sie in ihren „zahlreichen Publikationen“ die Beherrschung theologischer Reflexion unter Beweis stelle. Von integrativem und dialogischem Ansatz war die Rede. Natürlich waren die Themen gesellschaftlich relevant, und so wurde mit diesem Werk ein bedeutender Beitrag für Wissenschaft und Gesellschaft geleistet. [1]

Doch wo ließen sich diese behaupteten Vorzüge und Verdienste Schavan’scher theologischer Wissenschaft besichtigen? In Salz der Erde. Christliche Spiritualität in der Welt von heute (1999)? In Der Geist weht, wo er will. Christliches Zeugnis in Kirche und Welt (2002)? In Der du die Zeit in Händen hältst. Reden über eine Zukunft mit Gott (2000), oder nicht vielleicht doch eher in Leben aus Gottes Kraft. Denkanstöße (2004)? Man kann sich vorstellen, dass die Notwendigkeit, die allgemeine Würdigung durch konkrete Hinweise zu untermauern, zu gewisser Verlegenheit führte, die sich auch beim Blättern in den Katalogen der Verlage nicht legte, in denen Schavan zu veröffentlichen pflegt.

Am Ende blieben unter all dem Zahlreichen immerhin zwei Publikationen, die man glaubte, nennen zu können:

Bereits 1980 mit ihrer Promotionsarbeit „Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ legte Schavan die Grundlage für die Leitlinien ihres theologischen Denkens. [1]

Und:

In ihrem jüngsten Beitrag mit dem Titel „Die Frage nach Gott und dem Menschen“ beschäftigt sie sich mit der Theologie in der Universität […]. [1]

Inzwischen wissen wir, was es mit dieser Doktorarbeit von 1980 auf sich hat. Inwieweit mit dieser erziehungswissenschaftlichen Arbeit die „Grundlage für die Leitlinien“ eines theologischen Denkens gelegt wurden, kann offen bleiben. Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf ist jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass diese Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung von Plagiaten durchsetzt sind, und hat der Honorarprofessorin am 5. Februar 2013 den Doktorgrad aberkannt.

Und auch die zweite Veröffentlichung, auf die sich die FU Berlin damals ausdrücklich bezog, ist nicht frei von Plagiaten. [5] Man muss diesen zehnseitigen Beitrag über Die Frage nach Gott und dem Menschen beileibe nicht für wissenschaftlich derart bedeutend halten, wie es Dieter Lenzen und die Seinen tun wollten – aber dass er im Umfang von etwa einer vollen Seite nicht auf dem Mist der späteren Professorin gewachsen ist, verdient doch Aufmerksamkeit.

Lassen wir noch einmal den damaligen FU-Präsidenten zu Wort kommen. Als Vorsitzender des Akademischen Senats war er im Oktober 2008 die treibende Kraft gewesen bei der Ernennung der bedeutenden Wissenschaftlerin Annette Schavan, die zufällig auch Bundesministerin für Bildung und Forschung war, zur Honorarprofessorin der Katholischen Theologie. Im Februar 2013, kurz nach der Aberkennung des Doktorgrades, hätte es derselbe Dieter Lenzen durchaus nützlich gefunden, zu wissen, womit sich die Doktorarbeit der Annette Schavan denn eigentlich befasste und in welches Fach sie denn eigentlich gehörte. Jedoch:

Ich kenne sie nicht. Ich habe sie nicht gelesen. Dem Vernehmen nach  geht es eigentlich um eine der Theologie nahestehende Frage, nämlich: Ob das Problem der Entwicklung einer Persönlichkeit mit der Entwicklung eines Gewissens so abgeglichen werden kann, dass wir auch psychologische Daten darüber haben, wie dieses, was man in der Psychologie als Über-Ich bezeichnet, sich entwickelt. Ich glaube, es ist eine andere Frage gewesen, und nicht so sehr eine moraltheologische Arbeit. Das werden die besser wissen, die die Arbeit gelesen haben. [6]

Bei diesem letzten Satz lässt Dieter Lenzen im Interview ein leises Lachen hören. Vielleicht erscheinen dem früheren FU-Präsidenten die eigenen Mutmaßungen über den Gegenstand einer Arbeit, die er nicht kennt, erfreulich wagemutig.

Bei Annette Schavan aber soll es sich dem Vernehmen nach eigentlich um eine der Theologie nahestehende Person handeln.

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2 Antworten zu “Präsident und Nichtwissen. Teil 3: Voraussetzungen und Erfordernisse heutiger Honorarprofessuren

  1. Auch für diesen dritten Teil ein ganz herzliches Dankeschön!

    Eigentlich sollten diese Aufsätze hier schön gesetzt als Beiträge zur Geschichte von der FU Berlin veröffentlicht werden. Quasi als Wiedergutmachung an der Wissenschaft für die Vettern- und Nichtenwirtschaft, die Katzbuckelei und die schleichende Korruption, die alle nun ganz offensichtlich an der FU Berlin herrschen. Die Causa Schavan ist, so entblättert auch dieser Beitrag Stück für Stück, eigentlich ganz großes Moralkino. Wer hätte wohl gedacht, dass ausgerechnet eine gefühlte Moraltheologin derart viel zu diesem Thema beizutragen hat, wenn auch nicht in der von ihr gesponnenen Form?

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