Abhängen im Vatikan, oder: Schavans Nachworte zur Apokalypse

Die Bundesrepublik Deutschland wird beim Heiligen Stuhl neuerdings durch eine Person vertreten, die „nach dem Verlust von Doktorwürde und Regierungsamt eine besondere Mission in Rom erfüllen“ will. So steht es im neuesten großen Annette-Schavan-Beitrag der WELT am SONNTAG. Als römische Glaubenskongregation in eigener Sache geht diese Botschafterin nämlich mit glühendem Eifer der besonderen Mission nach, weiterhin von ihrer heiligmäßigen Unschuld zu künden. Vom erlittenen Martyrium. Und nebenher auch von ihrer unvermindert anhaltenden Wichtigkeit. In Leserkreisen der BUNTEN und der WELT am SONNTAG wird es gewiss auf Interesse stoßen, dass Ihre Exzellenz in ihrem ganzen Leben noch niemals getäuscht hat, und zwar ganz genau niemanden niemals nicht. Ferner: Dass sie künftig auf einem roten Motorroller durch Rom zu kurven gedenkt. Die BUNTE lichtet sie schon mal auf solchem Gefährt ab, im Stand und in einer Haltung, die von jeglichem Verkehrsgeschehen noch beruhigend weit entfernt scheint. Ferner ist der BUNTEN zu entnehmen, dass Schavan gerade ganz viel Zukunft mit der Gegenwart verbindet. Und dass sie gegenwärtig einen Führungsstil pflegt, den sie als „schwäbisch-italienische latte macchiato“ bezeichnet, wobei sie Rosésekt zu sich nimmt.

Doch, da ist sicher Zukunft drin. Und auch in Kreisen des höheren und höchsten diplomatischen Dienstes dürften solche Mitteilungen wie auch Standbilder der Botschafterin auf rotem Roller gewisse Aufmerksamkeit finden: Weil doch ein klein wenig ungebräuchlich.

Wenn sie nicht gerade auf weiträumig abgesperrten römischen Plätzen auf grellfarbenen Motorrollern hockt, strebt diese Botschafterin unbeirrbar ihrer Rehabilitation in der Wissenschaft entgegen. Zu diesem Behufe will sie nicht nur demnächst wieder Vorlesungen halten, sondern hat auch bereits eine weitere wissenschaftliche Veröffentlichung vorgelegt: Ein Nachwort zur Apokalypse. Die wurde angeblich schon vor zweitausend Jahren von einem gewissen Johannes verfasst. Das Nachwort ist allerdings stark aktuell und datiert aus dem Jahr 2 nach Düsseldorf. Dieser postapokalyptische Entstehungskontext ist, wie uns das Fachblatt WELT am SONNTAG nahelegt, eindeutig daran zu erkennen, wie Schavan in diesem Nachwort „Fußnoten mit trotziger Akribie“ setzt.

Während Ihre Exzellenz also mit dem trotzigen Setzen von Fußnoten zur Apokalypse beschäftigt war, hatte Erzbischof Georg Gänswein Gelegenheit, durch die Räume ihrer Residenz zu schreiten und die Innendekoration in Augenschein zu nehmen. Gänswein, persönlicher Sekretär des gewesenen Papstes Benedikt XVI., nahm Anstoß an dessen Bildnis in Öl, woraufhin es auch der Botschafterin stark missfiel: Zu wenig pontifikal. Sie ließ die WELT am SONNTAG wissen, dass das Werk des Papstbildstümpers Michael Triegel jetzt von der Wand der Eingangshalle genommen werde. Und ein misslungenes Porträt des aktuellen Papstes Franziskus könne bei der Gelegenheit auch gleich entsorgt werden.

Ja, raus mit dem ganzen hässlichen Plunder. Es gilt nun, diese Räumlichkeiten erstmals überhaupt würdig herzurichten. Und dabei geht die frühere Ministerin, wie stets, mit entschlossener Tatkraft zu Werke. Noch ist es ja ein wenig unordentlich, doch zeichnet sich schon deutlich ab, wie schön repräsentativ hier demnächst alles sein wird.

Schließlich soll die Residenz ja nicht zurückstehen hinter der Residentin, die nach vollständig neuer Einkleidung noch überzeugender bella figura zu machen versteht als jemals zuvor. Erschrocken fragt Jochen Gaugele von der WELT am SONNTAG, ob es für die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Damen denn wirklich keinerlei Kleiderordnung gebe? Nein, abgesehen von wenigen Gelegenheiten wie z.B. dem Antrittsbesuch beim Heiligen Vater gibt es da kaum Vorgaben, beruhigt ihn Schavan.

Tatsächlich ist Schavan bei der Auswahl schicklicher Gewandung erkennbar ganz auf sich gestellt. Bei der Wanddekoration dagegen haben wohl neben Erzbischof Gänswein auch andere noch mitzureden. Wie die Spitzendiplomatin inzwischen erfahren musste, ist sie in ihrer Residenz nicht einfach unumschränkte Herrin im Haus, weshalb das Abhängen nicht nur von ihr abhängt. So ist das Papst-Franziskus-Porträt des Michael Fischer-Art nicht etwa Eigentum der Republik, ihrer Botschaft oder gar der Botschafterin, sondern eine Dauerleihgabe. Der indignierte Künstler hat sich bereits schriftlich bei Schavan erkundigt, wo er sein Werk denn wieder in Besitz nehmen darf.

Ärger noch ist es mit dem Benedikt in Öl des Michael Triegel. Auch dieser Künstler durfte der Zeitung entnehmen, welch eingeschränkter Wertschätzung sich sein Werk in Rom neuerdings erfreut. Dabei hat Triegel es in kirchlichem Auftrag geschaffen, ganz offiziell und mit päpstlichem Segen, als Reprise eines ersten Benedikt-Porträts, das seit einigen Jahren im Regensburger „Institut Papst Benedikt XVI.“ hängt. Das römische Benedikt-Konterfei Nr. 2 wurde erst im April 2013 feierlich enthüllt.  Später fand der Künstler dann gar zum christlichen Glauben – „Bekehrt von Benedikt XVI.“ – und empfing in der Osternacht des Jahres 2014 die Taufe. Und nun sollte sein Gemälde also umstandslos verschwinden.

Triegel wollte das nicht hinnehmen und beschwerte sich bei Schavan. Die habe gleich eingelenkt, wie BILD erfuhr. Noch am WELT-am-SONNTAG-Abend rief sie den Künstler an:

„Sie versicherte mir, dass mein Bild hängen bleibt.“ Nicht so die Papstzeichnung von Michael Fischer-Art. Der hatte ohne Auftrag gemalt. Als die Thomaner letztes Jahr im Mai nach Rom reisten, flog er mit und übergab sein Werk. Es fand Platz im Kardinalszimmer. [1]

Das war die BILD von gestern. Heute nun stellt sich heraus, dass es sich bei diesem Abhängen insgesamt und in allen Teilen um ein Missverständnis gehandelt hat. Auch der seltsame Kreide-Franz von Fischer-Art soll nun in Rom weiterhin an der Wand hängen – allerdings an anderer Stelle, wo er besser wirkt. In der heutigen BILD kann die Botschafterin all ihre Botschaftskunst wieder geraderücken:

Sechs Papstgemälde haben wir insgesamt in der Botschaft. Gleich zwei aus Leipzig. Das ist doch ein gutes Signal [2]

womit offenbar die Heidenmission gemeint ist. Denn mit der Heidenmission ist in der Heidenstadt Leipzig doch künstlerisch schon mal ein vielversprechender Anfang gemacht.

Für die andere, besondere Mission der Botschafterin stehen die Signale dagegen so günstig wohl nicht. Zumal hier ja nur eine vollständige, flächendeckende Glaubensunterwerfung als wirklicher Erfolg gelten könnte. Hier werden noch viele Nachworte zur Apokalypse zu sprechen und zu schreiben sein. Und es wird wohl noch so einiger Annetten-Erscheinungen in der BUNTEN bedürfen, in der WELT, auch am SONNTAG, sowie in der BILD, bis endlich der einen und unteilbaren Wahrheit zum Sieg verholfen ist.

Bis dahin darf sich der Auswärtige Dienst unseres Landes schon mal sehr freuen: Dank Annette Schavan macht auch er bella figura.

Die Wissenschaft unseres Landes hat diese ganz spezielle Freude schon gehabt.

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17 Antworten zu “Abhängen im Vatikan, oder: Schavans Nachworte zur Apokalypse

  1. Die Akzente in ihrer Kleidung weiß Frau Botschafterin offensichtlich ebenso geschickt zu setzen wie ihre Fußnoten. Von der mit Mosaiksteinchen verzierten Blumenvasen-Toga ist es zur beigen Heizdecke sicherlich nur noch ein kleiner Zitatesprung.

  2. Endlich mal wieder; die Abstände zwischen den Postings sind ja naturgemäß lang und länger geworden, daß ich schon bedauert habe, daß es von der Abiturientin keine Habilschrift gibt. Aber die in der Botschaft hängenden Bilder und Kostüme tun’s am Ende denn doch auch. Leider ist das Foto ein wenig klein geraten, so daß ich nicht überprüfen kann, ob die Akzente der Kleidung nicht in Wahrheit Gänsefüßchen oder Fischgrät sind. Aber ich sehe doch trotz kleinen Fotos richtig, die Botschafterin mit Abitur trägt jetzt weiße Haare wie der Ex-Papst? Oder ist auf dem Foto gar nicht eine Person namens Causa Schavan abgebildet? Trägt nicht der Expräsi mittlerweile auch weiß? Jedenfalls danke ich diesem Blog. Lange nicht mehr so süffi- und amüsantes in der Blogosphäre gelesen. Irgendwie glaube ich jetzt, daß die BRD doch noch in den Himmel kommt.

    • Als zuständige Causa-Schavan-Grafikerin melde ich mich hier mal zu Wort:

      Menschliche Rücksichtnahme auf unsere Leser- und Bildbetrachterschaft hindert uns daran, die Schavan-Fotos in größerem Format zu zeigen. Ich versichere aber ausdrücklich: Dieses ist die Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl. So sieht’s aus.

      Zur neuen Frisur hat die BUNTE Näheres berichtet. Schavan ist vom Friseur in Rom begeistert, trägt ihr Haar jetzt kürzer, führt die Hand ans Haar und ruft der BUNTEN zu: “Wunderbar, nicht?”

      Wir versuchen, an die Adresse von dem Figaro zu kommen.

  3. Dank für die aufschlußreichen Erläuterungen, denn in der Tat nimmt bei Nur-Abiturientinnen das Visuelle einen viel größeren Raum ein als bei Promovirtinnen. Deshalb habe ich mir das Foto aus dem Blogbeitrag kopiert und dann vergrößert. Du meine Güte, das hat mich dann doch irgendwie an die Tapeten erinnert, die ich seinerzeit von meinem Kinderwagen aus zu sehen bekam. Als Grafikerin des Causaschavanblogs würde ich annehmen, daß Sie genügend historisches Bewußtsein haben, um diesbezüglich, also zur historischen Dimension des Outfits, noch ein paar Bemerkungen zu machen. Apropos, wird es denn außer visuellen Outputs der Vatikanbotschafterin auch schriftliche geben außer Nachworten? Ich könnte mir vorstellen, daß Ihr Anteil am Blog weiter zunehmen könnte. Oder auch nicht, denn die Botschafterin hat offenbar seit einem halben Jahrhundert ihren Versandhändler nicht gewechselt, was ja eine Kunst ist, denn die aus meienr Kinderzeit sind doch mittlerweile alle Pleite. Ich fürchte, das Blog muß um einen Wirtschaftshistoriker augmentiert werden. Davon ab, die große Zeit dieses Blogs wird erst noch kommen – und ich freue mich, lassen Sie mich das noch in die Runde werfen – darauf und werde es mit meinem ganzen fromm-lauteren Gemüt weiter verfolgen – ähh – sorry – weiterverfolgen, natürlich. Die neue Rechtschreibung hindert einen so schön, das sagen zu können, was man sagen möchte und müßte.

  4. Müsste das nicht schlicht „Symbolfoto“ heißen?

  5. Und wie wäre das zu verstehen? Das Foto als Symbol oder ein Foto, auf dem ein Symbol abgebildet wird? Ein Symbol für die fünfziger Jahre oder die Adenauerzeit? Als die Zeit noch plagiatfrei war? Ich denke ein Symbolfoto wäre noch interprationsfähiger als ein schlichtes Foto. Aber ich würde sowieso lieber Kleid und Frisur interpretieren. Etwa als Flucht aus der Zeit, der Gegenwart. In den fünfziger Jahren wäre einer Honoratiorin jedenfalls niemals widerfahren, was einer Ministerin, Honorarprofessorin, Vatikanbotschafterin heutigentags passieren kann. Außerdem ist die Bemusterung derartig unauffällig dezent, daß es schon durch die Textur aus der Zeit fällt. Ohne die Hilfe dieses Blogpostings hätte ich die Botschafterin niemals als Dr.ade identifizieren können. Dank und Gruß
    Und wäre das Foto über dem bewußten Foto dann nicht ein Symbolefoto?

  6. Also sorry, ich glaube ich kriege einen Besessenheitsanfall, denn mir kommt die Erscheinung von Erich Mielke – also visuell jetzt – in den Kopf. Da gab es einige Aufnahmen von ihm aus dem Jahre 90 oder 91, wo er ein kleines verhutzeltes Männlein geworden war. Ganz klar ein Fall von Flucht in die Vergreisung. Ich muß für meine Einfälle wirklich um Nachsicht bitten. Wahrscheinlich hatte meine Großmutter, als ich auf ihren Schoß kroch, dasselbe Kleid getragen. Schavans Lösung für ihre Misere ist offenbar die Entrückung. Und gleich nebenan wird das Miserere gesungen. Unsereiner war eben auch mal Meßdiener, und ich bekenne offen, daß ich nur aus Ranküne schreibe, weil ich seinerzeit vom Cusanuswerk kein Stipendium bekommen habe.
    Und ich möchte noch hinzufügen. Nach eingehender Betrachtung kann ich die Rücksichtnahme der Bloggrafikerin nicht nur gut verstehen, ich bin ihr für sie auch dankbar. Wäre es, das Foto, das Symbol, das Symbolfoto, nur nicht vergrößerbar gewesen. Diese moderne Technik aber auch.

    • Sehr geehrtes System,

      nach unseren Feststellungen handelt es sich bei der fraglichen Textilie um einen geringfügig umgearbeiteten Duschvorhang aus nordkoreanischem Produktionsüberschuss. Wir fühlen uns verpflichtet, Ihnen dies mitzuteilen, da sich hieraus für Sie vielleicht bis dato unbekannte Einzelheiten zum Lebensschicksal ihrer verehrten Frau Großmutter sowie weitere familiengeschichtliche Aufschlüsse ergeben könnten.

      Alles Gute für Sie weiterhin,
      Simone G.

  7. Duschvorhang speziell für Reinwaschungen produziert? Im übrigen: System und Schicksal danken für die Aufklärung jetzt und immerda(r). Schließlich wird unsereins bis in alle Ewigkeit Meßdiener gewesen sein. Aber nun frage ich mich, was ist ewiger, die Vergangenheit oder die Zukunft? Auf alle Fälle wünsche ich mir, daß das Blog bis zum Jüngsten Gericht erhalten bleibt, Fußnoten hin oder her. Oh, verdammt, sorry. Über die Schuhe haben wir ja noch gar nicht verhandelt. Sei’s drum.

  8. Beim Stichwort „Duschvorhang“ will sich mir spontan ein ziemlicher (sic) Haufen gotischer Mariae-Verkündigungs-Miniaturen in das bildliche Gedächtnis drängen. Aber das sei nur am Rande als, Verzeihung, Fußnote der Geschichte erwähnt.

  9. Kann man die Urkunde und das Bild daneben mal größer sehen?

  10. Pingback: Schavans Nachworte zur Apokalypse | Erbloggtes

  11. Und ewig prangt das Hirschgeweih.

  12. das schriftstück bitte noch mal grösser zeigen (lesbar), danke!

  13. Da wird also eine Ministerin a.D. im Rechtsstreit mit ihrer Universität regelmässig aus der Akademie mit Papieren und Argumenten versorgt – und worüber regt sich der Präsident auf? Über den „Vertraulichkeitsbruch“, weil durchgesickert ist, dass er dieser Person auch noch eine Leibniz-Medaille verehren wollte. Er sollte sich besser darüber aufregen, wie sich die Akademie durch ihre Dienstleistungen für Schavan prostituiert hat. Vielleicht sollte er auch erklären, wie er das in seinem Haus zulassen konnte. Man wüsste auch gern, was die zahlreichen als Mitarbeiter gemeldeten Schavan-Unterstützer von auswärts bisher zur Klärung der Grundfragen beigetragen haben, die in der IAG angeblich bearbeitet werden.

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