Durchbruch in Stanford

Stanford University über CV Ursula von der LeyenGestern noch sollte Ursula von der Leyen ihren Lebenslauf durch irreführende Angaben über ihre Zeit in Stanford (1992-1996) geschönt haben, indem sie aus diesen Jahren eine Zeit an der Stanford University machte. „Auditing guest“ an der dortigen Graduate School of Business sei sie 1993 gewesen, heißt es im Lebenslauf, und für 1995 ist ein „Aufenthalt an der Stanford Health Services Administration“ vermerkt. [1] Die WELT am SONNTAG fragte nach und erfuhr von einer Sprecherin der Universität, dass Ursula von der Leyen dort niemals in einem offiziellen Programm eingeschrieben war und es auch ansonsten keine Unterlagen über sie gab. Man sehe in solchen Angaben in einem Lebenslauf normalerweise einen Missbrauch des Namens der Elite-Universität. [2] Aus der WamS-Redaktion wurde der Wortlaut der Nachricht aus Kalifornien über Twitter verbreitet. [3] Die Geschichte wurde allenthalben von den Medien aufgegriffen. DIE ZEIT stellte die Ministerin gleich unter „Betrugsverdacht“ und behauptete unter Berufung auf die WamS, „dass die Universität Stanford gegen von der Leyen ermittelt“. [4]

Heute ist das alles doch nicht wahr: „Stanford zieht Vorwurf gegen von der Leyen zurück“, titelt die WELT. Aktivitäten der Art, wie sie von der Leyen aufgeführt habe, würden an der Universität zwar nicht registriert, aber missbräuchlich sei ihre tatsachengerechte Auflistung in einem Lebenslauf nicht. Wie aus der neuen Mail hervorgeht, könnte man in Stanford im Allgemeinen ohnehin nur Studienabschlüsse sowie „in einigen Fällen“ eine Anstellung an der Universität bestätigen. [5]

Eine Tätigkeit als Internetdozentin, die im Bademantel ausgeübt wird, ist wohl kein solcher Fall. Und auch „Zusatzdiplome“, die man „wie mit Zauberhand“ erwirbt, werden in Stanford offenbar nicht registriert. Ursula von der Leyen hat diese zauberhaften kalifornischen Qualifikationsschritte nicht in ihrem offiziellen Lebenslauf angeführt, aber es war ihr wohlgefällig und sie hat daran mitgewirkt, dass ihre Vita so beschrieben wurde: Als der schwere Weg einer jungen Forscherin, der in Deutschland nur Steine in den Weg gelegt worden waren, seitdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte. An der amerikanischen Elite-Unversität dagegen war alles möglich, hier wurden ihr alle Wege geebnet. Für sie war dies die entscheidende Wende in ihrem Leben als Wissenschaftlerin und inzwischen mehrfache Mutter. Als Familienministerin kämpfte sie dann dafür, dass es jungen begabten Frauen und Müttern in Deutschland künftig so erging, wie sie es in Stanford erfahren durfte.

In Hannover abgeschrieben

Erstmals wurde die Stanford-Saga wohl im Juni 2005 durch die SZ-Journalistin Evelyn Roll ausgebreitet: Als die junge Assistenzärztin Ursula von der Leyen 1987 Mutter geworden war, erlebte sie

genau die Rollenkonflikte und Sorgen, die alle Frauen haben, die in diesem Land ein Kind bekommen und ihren Beruf trotzdem ausüben wollen.
Beim zweiten Kind war es schon einfacher. Als sie aber zum dritten Mal schwanger wurde, gleich nach ihrer Promotion 1991, da sagte der Professor: Ah, Frau von der Leyen, das dritte Kind. Sie sind wohl zu faul zum Arbeiten. Und als ihrem Mann dieser attraktive Job in Amerika angeboten wurde, da war klar, wir nehmen an. Und wir hieß, was es so oft heißt: Er die Karriere. Sie die Kinder. [6]

Doch in Stanford geschah, was in Deutschland damals noch undenkbar schien. Die amerikanische Elite-Universität ging wie selbstverständlich davon aus, dass die inzwischen fünffache Mutter weiter beruflich tätig sein würde:

Ach, sie haben fünf Kinder? God bless you, darling! Und was werden Sie bei uns arbeiten?
Ursula von der Leyen übernahm einen Job als Internetdozentin, nebenbei machte sie zusätzliche Diplome in Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen. [6]

Im Februar 2007 konnte Mariam Lau diese Saga in der WELT mit weiteren Einzelheiten ausschmücken. Damals stritt die Ministerin für eine neue Familienpolitik: „Ihre Konzepte sind auch von ihrer eigenen Lebenserfahrung geprägt.“ [7] Rüde war man einst mit der frisch approbierten Ärztin und werdenden Mutter an der Medizinischen Hochschule Hannover umgegangen:

„Ich musste damals lernen“, so die heutige Familienministerin, „dass ich nirgendwo mehr hinpasse. An der Klinik war ich abgeschrieben, denn alle gingen davon aus, dass mit mir keine Teamarbeit für Forschungsprojekte mehr denkbar ist. Damit blieb ausschließlich die Arbeit auf der Station, wo es dann aber auch hieß: „Sie waren ja gestern nicht bei der Besprechung, sie mussten wohl nach Hause. Wir sind hier kein Feierabendverein.‘ Aber auch außerhalb der Arbeit war nichts mehr richtig: „Warum haben Sie sich denn ein Kind angeschafft, wenn Sie es dann abgeben?“ [7]

Ganz anders im sonnigen Kalifornien.

Mit Baby auf dem Knie

Für die Wissenschaftlerin Ursula von der Leyen, die in Deutschland nichts mehr werden konnte, weil sie Mutter geworden war,

kam der Durchbruch in Stanford, Kalifornien. […] „Ich wurde nicht geduldet, obwohl ich Kinder habe, sondern gefördert, weil ich Kinder habe. Die Grundhaltung dort ist: Wer in seinem Beruf gut ist und Kinder hat, erwirbt zusätzliche Qualitäten.“ [7]

So fanden sich auch für Ursula von der Leyen „Mittel und Wege, in die Bibliothek zu gehen“ und zusätzliche Qualitäten zu erwerben:

Die gelernte Volkswirtin (mit einem Studienjahr an der London School of Economics […]) erwarb wie mit Zauberhand Zusatzdiplome in „Bevölkerungsmedizin“ und „Gesundheitswesen“ und erinnert sich noch heute gern daran, wie sie Studenten vom heimischen Computer aus im Bademantel, mit Baby auf dem Knie, in effizienten Versorgungsstrukturen unterrichtete. [7]

Diese Schilderung ist, was die Hannoveraner Zustände betrifft, schon damals auf energischen Widerspruch gestoßen. [8] Das hinderte Mariam Lau und die WELT allerdings nicht daran, dieselbe Erzählung im Mai 2009 weitgehend wortgleich zu wiederholen. Auch der längst vergessene SZ-Artikel von Evelyn Roll leistete als Vorlage nochmals gute Dienste:

In Stanford also gab es Mittel und Wege, in die Bibliothek zu gehen, ganz wie früher, mit neuen Glücksgefühlen, weil das Leben so komplett ist mit Kindern und Wissenschaft. Die gelernte Volkswirtin erwarb Zusatzdiplome in Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen, nebst einem Job als Internetdozentin. Mit Baby auf dem Knie hockte sie im Bademantel am Computer und korrigierte Arbeiten. [8]

Genau so fand diese Erzählung dann auch Eingang in das Buch über die CDU der Ära Merkel, das Mariam Lau unter dem Titel Die letzte Volkspartei veröffentlichte. Fast genau so. Eine kleine Korrektur betraf die „gelernte Volkswirtin“, die ihr Studium der Betriebswirtschaft nach einigen Semestern geschmissen hatte. Sie war nun „die gelernte Ärztin (mit einem Studienjahr an der London School of Economics)“. Weitere Korrekturen waren nicht erforderlich gewesen.

Vorgestellt wurde das Werk im Mai 2010 durch CDU-Generalsekretär Volker Kauder und die Ministerin Ursula von der Leyen. [9]

Ein Lebenslauf, ein Narrativ

Was Ursula von der Leyen in ihrem offiziellen Lebenslauf angibt, und wie sie es tut, kann wohl auch ohne Stanford-Widerruf kaum einen „Betrugsverdacht“ stützen, wie ihn DIE ZEIT geschöpft haben will. Dagegen spricht gerade die Konkretisierung der allgemeinen Angabe „Aufenthalt in Stanford/Californien, USA“ für die Jahre 1992 bis 1996 durch so wenig renommeeträchtige Daten wie eine Gasthörerschaft oder den „Aufenthalt“ in einer Krankenhausverwaltung, die sich zudem nur auf die Jahre 1993 und 1995 beziehen. Falls Ursula von der Leyen hier Eindruck schinden wollte, wäre es vielleicht schlauer gewesen, es bei einer vagen Mitteilung über fünf Jahre Stanford zu belassen.

Doch wenn die Ministerin in einer ersten Erklärung zur Sache am 11. Oktober behauptet, sie habe

stets herausgestrichen, dass der Hauptgrund meines Aufenthaltes in Stanford der Forschungsaufenthalt meines Mannes gewesen ist, so nachzulesen auch in Dutzenden älteren Presseveröffentlichungen [10]

dann ist das irreführend. Sie hat dies keineswegs stets herausgestrichen, sondern es ohne Widerspruch geschehen lassen, wenn ihr etwa bei einer öffentlichen Vorstellung ein „Studium in Stanford“ zugeschrieben wurde, wo sie niemals eingeschrieben war. Zudem stehen die korrekten und inhaltlich letztlich belanglosen Angaben zu ihrer Zeit in Stanford im offiziellen Lebenslauf in umso deutlicherem Gegensatz zu dem, was in Presseveröffentlichungen über die entscheidende Bedeutung dieser Phase im Berufsleben der Ursula von der Leyen geschrieben wurde: Von Journalistinnen, die ihr offensichtlich wohlgesonnen waren,  in Veröffentlichungen, die jeweils in wichtigen Phasen ihrer politischen Karriere gerade zur rechten Zeit erschienen.

Vielleicht hat Ursula von der Leyen in Stanford wirklich was am Internet gemacht. Vielleicht hat sie auch tatsächlich im Bademantel, Baby auf dem Knie, Arbeiten von Studenten korrigiert und sie in Public Health unterwiesen. Denkbar ist da manches, auch ohne förmliche Anstellung durch eine Universität, die von solch einer Anstellung ohnehin nur „in einigen Fällen“ etwas wüßte. Auch der Ministerin taugte jedoch ihr angeblicher Job als Internetdozentin an der Stanford University nicht für den Lebenslauf. Und auch die von Zauberhand erworbenen Zusatzdiplome, ebenfalls Stanford-Trophäen einer Wissenschaftlerin, die an dieser Elite-Universität nie registriert worden ist, waren im Lebenslauf nicht zu erwähnen. Denn all dies gehörte in das Narrativ von einer akademischen Berufswelt, wie sie in Amerika war und wie sie auch in Deutschland werden musste. Mit der jungen Wissenschaftlerin und Mutter Ursula von der Leyen hatte all das sehr viel weniger zu tun als mit der nicht mehr ganz jungen Politikerin gleichen Namens.

Ursula von der Leyen hat sich immer so stilisiert: An ihr, an ihrem Leben und daran, wie sie dieses Leben meisterte, konnte man sehen, wie es ging und gehen sollte, in der Familie wie im Land. Sie hatte all diese Schwierigkeiten schon erlebt und die Hürden überwunden und jeglichen Gipfel gestürmt, ohne dass ihr auch nur die Frisur verrutscht wäre. Und in gewisser Weise ist ja auch ihre Stanford-Erzählung wahr, jedenfalls soweit sie von Problemen wissenschaftlich arbeitender Mütter in Deutschland handelt. Nur wie die Ministerin darin vorkommt, ist geschwindelt.

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2 Antworten zu “Durchbruch in Stanford

  1. Wie kommt denn eigentlich der den Beitrag einleitende Screenshot zustande? Nein, ich frage nicht, mit welchem Programm oder Systemfunktion er aufgenommen wurde. Vielmehr frage ich mich, was er zeigt: einen Ausschnitt aus der originalen email-Antwort der Uni Stanford? Wer hat dann den Screenshot angefertigt? Ein Redakteur der Welt? Oder kommt der Screenshot aus einer anderen Quelle? Die vielleicht ungenannt bleiben soll? So, wie der Screenshot jetzt erscheint, könnte es auch den Bildschirm des Handys von Mandy aus der Grafikabteilung zeigen? Irgendwie scheint die Abbildung inhaltlich in der Luft zu hängen.

    • Gut, dass Sie nachfragen. Es handelt sich um einen Screenshot der Mail von Lisa Lapin, Mitarbeiterin der Presseabteilung der Stanford University, so wie sie auf dem Smartphone des Empfängers Manuel Bewarder (WELT) angezeigt wurde. Der Hinweis findet sich tatsächlich in unserem Text („Aus der WamS-Redaktion wurde der Wortlaut der Nachricht aus Kalifornien über Twitter verbreitet“, mit anschließendem Link). Noch ein Hinweis: Es war dann dieselbe Mitarbeiterin der Presseabteilung von Stanford (und keineswegs eine „Vizepräsidentin“, wie teilweise berichtet wurde), die die weitere Mail mit gegenteiliger Aussage schickte.

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