Von der Leyen: Promotion mit Sysndrom

Ursula von der LeyenUrsula von der Leyen, 1991 an der Medizinischen Hochschule Hannover promoviert, hat damals eine schlampige Doktorarbeit abgeliefert. Schon das Titelblatt zeigt, dass es die nicht mehr ganz junge Promovendin nicht so genau nahm mit der Sorgfalt: Vom C-reaktiven Protein als Indikator des „Amnioninfektionssysndroms“ soll die Arbeit demnach handeln. Solche Fehler an derart auffälliger Stelle sind Indikator eines bekannten Sysndroms medizinischer Doktorarbeiten: Diese Hochschulschriften sind oft herzlich desinteressiert an der Schriftform.

Doch ist es mehr als nur Schlamperei, was das VroniPlag Wiki in der Dissertation der Verteidigungsministerin aufgedeckt und dokumentiert hat? Der sattsam bekannte Plagiatsexpertendarsteller Heidingsfelder spricht in jedes Mikrofon, das man ihm hinhält, vom gnadenlosen Abkupfern und von der extremen Faulheit der Kandidatin. In der Süddeutschen Zeitung sagt Roland Preuß, dass es ernst ist. Auf Archivalia sagt Klaus Graf, dass es sich um einen eher leichten Fall handelt und man die Kirche im Dorf lassen soll. Gerhard Dannemann von VroniPlag meint zunächst, dass es „eher ein mittelschwerer als ein schwerer Fall“ ist. [1] Dann aber sagt er, dass die Mängel „schwerwiegender“ seien als im Fall Schavan: „Wir sprechen hier nicht von einem Grenzfall“. Doch Vorsatz mag er von der Leyen nicht unterstellen: „Die Häufigkeit und leichte Vermeidbarkeit der Fehler spricht für grobes Schlampen.“[2] Im leichtwiegenderen Grenzfall Schavan, den die entscheidenden Akteure bei VroniPlag erst gar nicht anfassen wollten, ist die gerichtlich bescheinigte arglistige Täuschung dann wohl als „feines Schlampen“ zu verstehen.

Fröhliche Unbekümmertheit wird man der Doktorandin von der Leyen jedenfalls nicht absprechen können, wenn sie gleich auf der ersten Seite ihrer Arbeit fast einen ganzen Absatz vollständig aus einer Veröffentlichung übernimmt, an der ausgerechnet ihr Betreuer beteiligt war. In einem Handbuch zur Praxis der gynäkologischen Balneo- und Physiotherapie schrieben Mahmoud Mesrogli und sein Co-Autor 1988:

Diese Entwicklung hat sich auch in der Geburtshilfe in den letzten Jahrzehnten unübersehbar vollzogen. […]
Diesem Trend entsprechend, haben in den letzten Jahren Ärzte und Hebammen verschiedene Möglichkeiten wiederentdeckt, auf nicht medikamentösem Wege Schwangerschaftsbeschwerden zu lindern und die Geburt zu erleichtern oder zu fördern. In diesem Zusammenhang zu nennen sind die Anwendung physikalischer Maßnahmen in Form von Bädertherapie während der Schwangerschaft sowie die Förderung der Geburt durch Bad oder Bewegung.

Bei von der Leyen heißt es nun:

Diese Entwicklung hat sich auch in der Geburtshilfe unübersehbar vollzogen. In den letzten Jahren haben Ärzte und Hebammen verschiedene Möglichkeiten wiederentdeckt, auf nicht-medikamentösem Wege die Geburt zu erleichtern oder zu fördern. Dazu zählen zum Beispiel die Anwendung physikalischer Maßnahmen in Form von Badetherapien während der Schwangerschaft sowie die Förderung der Geburt durch Bad oder Bewegung.

Die Quelle, der sich somit etwa ein Viertel der ersten Seite dieser Doktorarbeit nicht nur inhaltlich, sondern auch dem Wortlaut nach verdankt, wird nicht angegeben. Dass die Autorin hier Handbuchwissen wiedergibt und zudem davon ausgehen muss, dass sich der Betreuer ihrer Doktorarbeit an einen von ihm selbst mitverfassten Text erinnern könnte, spricht für eine eher harmlose Bewertung als Beispiel für ein notorisch großzügiges Verständnis der Zitierpflicht im medizinisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Bedenklich stimmt aber, dass von der Leyen nicht nur unbekümmert abkupfert, sondern dabei auch eingreift und abändert. Auffällig ist die Veränderung des Sinnzusammenhangs: Jene „Entwicklung“, die sich „auch in der Geburtshilfe in den letzten Jahrzehnten unübersehbar vollzogen“ hat, führte laut der Vorlage nämlich dazu, dass überlieferte Methoden zur Behandlung von Krankheiten in Vergessenheit geraten sind. Bei von der Leyen erleben diese „althergebrachten“ Methoden dagegen dank derselben, wortgleich beschriebenen Entwicklung ihre Renaissance. Es handelt sich hier also nicht um die bloße Wiedergabe von Handbuchwissen, sondern um die willkürliche Ausschlachtung vorgefundener Formulierungen, mit denen sich die Seiten einer Doktorarbeit leichter füllen lassen.

„Wissenschaftlich betrachtet“ habe Ursula von der Leyen mit ihrer Dissertation „jedenfalls einen Volltreffer gelandet“, meint Joachim Müller-Jung in der FAZ. [2] Denn, so die entwaffnende Begründung, das Thema sei in der Medizinforschung immer noch willkommen. Das war es allerdings auch 1990 schon, weshalb sich die Kandidatin auch von anderswoher mit Gerät und Munition versorgen konnte. Nur bei der Feinjustierung haperte es dann manchmal. Spielt es wissenschaftlich eine Rolle, ob Literaturverweise irgendwohin oder ins Nirgendwo führen? Ob sich in der angegebenen Literatur die behaupteten Inhalte finden lassen oder nicht? Ob bei erhöhter Körpertemperatur ein nur geringfügig erhöhter CRP-Wert unterhalb von 4-5 mg pro Deziliter auf eine virale Genese schließen lässt, oder ob dafür ein Wert von weniger als 4-5 mg pro Liter angesetzt wird?

Doktorarbeit von der Leyen

S. 21 der Dissertation (VroniPlag Wiki)

Die Seite 21 der Doktorarbeit präsentiert sich insgesamt als deutlich verdünnte Lösung der Aufgabe, eine Dissertation zu verfassen. Die Kandidatin von der Leyen bedient sich hier bei zwei Quellen, von denen sie eine gar nicht und die andere erst am Ende der Seite nennt – als eine unter vielen, mit denen sie sich beschäftigt haben will. Tatsächlich hat sie nur diese eine Quelle ausgeweidet und dabei so verarbeitet, dass die Textbausteine nicht schon auf den ersten Blick zu erkennen sind. Auch die Literaturangaben stammen aus dieser Quelle, auch ihre Fehler, und neue Fehler wurden hinzugefügt. Die mühselige Art und Weise aber, in der all diese kopierten Textstellen neu arrangiert und dem eigenen Textformat angepasst wurden, spricht sicher nicht für Schlamperei: Dies ist die Mühsal des Plagiats.

Inzwischen hat die Medizinische Hochschule Hannover mitgeteilt, dass der vertrauliche Bericht der Ombudsperson vorliegt und die Hochschulleitung entschieden hat, eine förmliche Untersuchung durch die Kommission für gute wissenschaftliche Praxis vornehmen zu lassen. Allerdings:

Die Einleitung einer Hauptprüfung lässt keinen Rückschluss auf das mögliche Ergebnis des Verfahrens zu. Die Schwelle zur Einleitung der Hauptprüfung durch die Hochschulleitung ist im GWP-Verfahren der MHH grundsätzlich niedrig. [3]

Förderstiftung MHH plus: Kuratorium

Es wird der Hochschule schwerfallen, der Ministerin eine gravierende akademische Verfehlung zu bescheinigen. Ursula von der Leyen ist der MHH bis heute eng und auf außergewöhnliche Weise verbunden. So gehört sie dem Kuratorium der 2009 begründeten „Förderstiftung MHH plus“ an, der Fundraising-Organisation der finanziell arg bedrängten Hochschule. Eher nebenher zählt sie auch zu den Gründungsmitgliedern des MHH-Alumni e.V., der sich das Netzwerken für eine Verbesserung der Studien- und Arbeitsbedingungen an der MHH auf die Fahnen geschrieben hat. Unter den prominenten Mitgliedern des Vereins ist auch Reinhard Pabst zu finden, der Vorsitzende der Kommission für gute wissenschaftliche Praxis, die nun die Doktorarbeit der illustren Alumna einer genaueren Prüfung unterziehen soll.

Ihren Ehemann hat die damalige Studentin Ursula Albrecht übrigens im Hochschulchor der MHH kennengelernt. Heute hat Heiko von der Leyen an der MHH eine außerplanmäßige Professur inne und leitet mit dem Hannover Clinical Trial Center eine sehr erfolgreiche Unternehmung der MHH: Verkürzt gesagt vermittelt das HCTR Patienten der MHH für klinische Versuche der Pharmaindustrie.

An eine Trennung ist bei solchen Verhältnissen wohl kaum zu denken.

 

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2 Antworten zu “Von der Leyen: Promotion mit Sysndrom

  1. Pingback: Ursula von der Leyen, VroniPlag und das Plagiat I | Erbloggtes

  2. Pingback: Ursula von der Leyen, VroniPlag und das Plagiat II | Erbloggtes

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