Stiften gehen, oder: Die Legende vom wissenschaftlichen Restwert

Im Brotberuf ist Prof. Dr. Dr. Andreas Barner Wirtschaftsmanager und steht der Unternehmensleitung des Pharmariesen Boehringer Ingelheim vor. Als Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, zugleich Mitglied des Wissenschaftsrats, Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft, Mitglied des Senats der Helmholtz-Gemeinschaft und Mitglied des Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft war Barner wie kein anderer berufen, der in die Ewige Stadt beförderten ehemaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, den rechten Dank darzubringen. Namens der Wissenschaft. Denn die enorme Dankbarkeit der Wissenschaft ist in der Hauptsache der gewaltigen Aufblähung des Etats geschuldet, den diese Ministerin zu verwalten hatte. Und ihrer Bereitwilligkeit, die überreich fließenden Milliarden durch die Konten all dieser Gemein- und Gesellschaften zu pumpen – wenn es sein musste, auch unter Umgehung des Grundgesetzes. Und so war es der Wirtschaftskapitän Barner als Repräsentant aller Geldstrom-Steuermänner, der beim Abschied von Schavan aus Berlin für die Wissenschaft sprach.

Leitung Öffentlichkeitsarbeit im Erregungsmodus

Der Stifterverband allerdings nimmt nur privates Geld in die Hand, um die Wissenschaft zu fördern: Beiträge und Spenden aus der Wirtschaft. Hier wird nicht gekleckert. Auf runde 150 Millionen Euro im Jahr beläuft sich das Fördervolumen. Auch die Organisationskosten sind sehr beträchtlich. Man unterhält mehrere großzügig gestaltete Standorte in Essen, Berlin und Bonn und einen Stab von mehr als 180 Mitarbeitern. Allein die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hält sieben Leute in Lohn und Brot.

Aufgabe dieser Abteilung ist die mediale Außendarstellung des Stifterverbandes. Leiter der Öffentlichkeitsarbeit ist Michael Sonnabend. Seine Auffassungen zur Causa Schavan tat Sonnabend der Welt wenige Tage nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf auf seinem Blog „Welt am Sonnabend“ kund: Um eine „Plagiatshatz“ auf Politiker handelt es sich, und „besonders krass wogen die Vorwürfe im Fall Schavan.“ [1, 2] Wenn der leitende Öffentlichkeitsarbeiter einer Klitsche von der Größe und Bedeutung des Stifterverbandes zu einer solchen Formulierung findet, dann haben die Wogen der Erregung offenbar krasse Höhen erreicht. Das ist nur zu verständlich, denn gegen die Entscheidung von Universität und Gericht im Fall Schavan sind krasswiegende Einwände geltend zu machen: Der Restwert!

„Bei der medialen Doktortitel-Hatz“, so Sonnabend, ist die entscheidende Frage nach dem Restwert glatt übersehen worden:

Welcher wissenschaftliche Erkenntniswert bleibt von Schavans Dissertation, wenn man einmal das ihr vorgeworfene Fehlverhalten im wissenschaftlichen Zitieren außer Acht lässt? Die Aberkennung ihres Doktorgrades kann doch nur den Schluss nahelegen, dass ihre Dissertation wissenschaftlich wertlos war. Nur: Warum hat man ihr den Grad dann jemals verliehen? Oder wurde hier ein Doktor ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Verdienste aberkannt? Wegen Zitierfehlern? [1]

Das ist es wohl, was man beim Stifterverband unter wissenschaftlichem Wirtschaften versteht: Eine Doktorarbeit muss uns in der Sache voranbringen, alles andere ist ziemlich wurst. Das vorgeworfene Fehlverhalten kann man also getrost außer Acht lassen, sofern die Arbeit ansonsten noch einen Erkenntniswert besitzt.

Sprechstunde beim Prorektor

Seine Vorstellungen davon, worauf es ankommt in der Wissenschaft und bei der Frage nach Plagiaten, hat Sonnabend allerdings nicht allein und auf sich gestellt entwickeln müssen. Er steht im Gespräch mit der Wissenschaft. Besonders begeistert hat ihn das zweistündige Gespräch, das er mit Professor Metin Tolan führen durfte. Der Physiker Tolan, Prorektor der TU Dortmund, ist „ein meinungsfreudiger Querdenker“,  „bekannt für seine mitreißenden Vorträge“ und „ein seltener Glücksfall“ für den Interviewer: Denn sobald man ihm „nur ein paar Stichworte“ gibt, legt er los. Auf diese Weise ließ sich im Gespräch gleich „eine ganze Reihe hochschul- und wissenschaftspolitischer Themen“ abhandeln. [3] So krass gelungen war das Ganze, dass nicht weniger als sieben Video-Mitschnitte aus diesen zwei Stunden unbedingter Redebereitschaft nun als „Tolans Sprechstunde“ auf dem offiziellen „Bildungskanal“ des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zu erleben sind.

In der aktuellen Sequenz widmet sich die „Sprechstunde“ dem Thema „Promotion und Karriere“. Metin Tolan stellt gleich eingangs klar:

Die wirkliche Funktion der Promotion ist, das eigene Feld, in dem man arbeitet, voranzubringen, auch hier wieder einen Erkenntnisgewinn zu erzielen, die Wissenschaft ein bisschen voranzubringen, und wenn es auch nur ein kleines bisschen ist, aber ein bisschen voranzubringen. [4]

Bei einer Promotion müsse man sich also

auf unbekanntem Gebiet bewegen und da in der Wissenschaft irgendwie seine Spuren hinterlassen. Das ist das, was eine Promotion leisten soll. [4]

Und dafür erhält man dann den Doktorgrad. Der Kandidat hat mit seiner Dissertation nicht etwa den Nachweis für die Befähigung zu selbständigem und eigenverantwortlichem wissenschaftlichem Arbeiten zu erbringen, sondern den Beleg für Bewegungen auf unbekanntem Gelände, in dem man irgendwie so’ne Spuren hinterlassen hat.

Erschreckend: Promotionsversager in unbekanntem Gelände

Verwerflich ist es, wenn Karrieristen mit ihrer Promotion nicht die Wissenschaft, sondern sich selbst voranbringen wollen. Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir, wusste doch schon der alte Lateiner. Es sind solche Karrieristen, die seitenweise abschreiben und das womöglich sogar nicht im Doktorandenteam, sondern daheim im stillen Kämmerlein tun. Also nicht betreut werden. Tolan weiß: Solche Individualpromotionen – „das sind die schwierigen Fälle.“ [4]

Abgeschrieben, und dann?

Leider kommt es wirklich vor, dass in einer Doktorarbeit seitenweise abgeschrieben wurde, „und dann muss man den Titel natürlich auch aberkennen.“ [4] Eine solche Entscheidung ist aber nicht leicht, und mit der Prüfung solcher Fälle sind die Universitäten „unendlich beschäftigt“. Tolan erklärt uns, warum es

zum Teil auch unendlich lange dauert, sowas zu prüfen. Man muss immer prüfen: Wenn ich jetzt die abgeschriebenen Seiten aus der Arbeit entfernen würde, bleibt ein Erkenntnisgewinn für das Feld übrig? Wenn ja, dann ist es nur handwerklich schlecht, aber die Promotion ist als wissenschaftliche Leistung ja immer noch anzuerkennen. [4]

Aus diesem Grund gehen die Entscheidungen der Universitäten Gießen und Bochum in den Fällen Steinmeier und Lammert auch völlig in Ordnung:

Da haben übereifrige Plagiatsjäger gesagt: Ja, da sind ja Sachen abgeschrieben, und der hat vielleicht ’ne Fußnote nicht gesetzt. Aber offensichtlich ist da ein wissenschaftlicher Kern übrig geblieben, der diesen Herren den Titel noch völlig zu Recht belassen hat. [4]

Hinzu komme, dass es sich um ein hochsensibles Thema handle. Schon bei einem ersten Plagiatsverdacht sei man „in der Öffentlichkeit ziemlich geliefert“. Leider kommt Metin Tolan nicht dazu, näher zu erläutern, inwiefern sich dieser Umstand auf die wissenschaftliche Feststellung eines Plagiats und die daraus zu ziehende Konsequenz auszuwirken hat. Doch es ist eine schöne Überleitung zum Fall Schavan. Tolan teilt mit, dass in diesem Fall von der Universität falsch entschieden worden ist: Schavan

hat schlicht und ergreifend wahrscheinlich, wie es in der damaligen Zeit bei solchen Fächern üblich war, einfach ihre Arbeit ein bisschen aufgepumpt dadurch, dass sie halt ein paar Texte übernommen hat. [4]

Das war halt damals so bei solchen Fächern. Die Düsseldorfer Pedanten haben sich aber leider angestellt wie die übereifrigen Plagiatsjäger und wegen ein paar übernommenen Texten gleich einen Riesenwirbel gemacht, statt die Dissertation so zu prüfen, wie man es immer machen muss. Denn

wenn man Frau Schavan so geprüft hätte: Wenn ich da diese Texte rausnehme, bleibt genügend wissenschaftlicher Kern übrig?, hätte Frau Schavan auch ihren Titel behalten. Ich bin kein Experte auf ihrem Gebiet, aber ich glaube, so ist es nicht geprüft worden. [4]

Pumpen, Spucken, Reiten

Mit solchen Ansichten steht der Dortmunder Prorektor Metin Tolan in der Wissenschaft keineswegs allein. Dennoch ist es bemerkenswert, dass der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft neuerdings öffentlich Aussagen zu einem wissenschaftlich wichtigen und gesellschaftlich engagiert diskutierten Thema verbreitet, die eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber Grundprinzipien redlichen wissenschaftlichen Arbeitens und eine vollkommene Ignoranz rechtlicher Normen und geltender Rechtsprechung erkennen lassen. Eine Doktorarbeit darf man ruhig ein wenig durch übernommene Texte aufpumpen: Wen schert das schon, solange da noch genügend übrig bleibt, was man als wissenschaftlichen Kern ansehen kann? Promovieren ist offenbar eine Art akademisches Große-Töne-Spucken, bei dem im Zweifelsfall nur irgendwie auch ein Kern herauskommen muss. Bei der Überprüfung wird man die abgeschriebenen Seiten einfach herausnehmen, und dann schauen wir mal.

Die Paragraphenreiter sehen das etwas anders. Reihenweise und ausnahmslos haben die Gerichte in den vergangenen Jahren festgestellt, dass es nicht darum gehen kann, irgend eine hypothetische Version der Doktorarbeit zu bewerten. Dass man also nicht darüber zu spekulieren hat, wie es wäre, wenn die Arbeit die Plagiate nicht enthalten würde oder die Zitatnachweise nachgetragen wären. Dass die Frage nach einem wissenschaftlichen Restwert einer so gereinigten Arbeit nicht zu stellen ist. Und regelmäßig geht es vor Gericht um die Frage von Redlichkeit und Täuschung. Die Tolan’sche Argumentation dagegen blendet diese Frage vollkommen aus. Sie eröffnet Plagiatoren die schöne Aussicht, auf jeden Fall ungeschoren davonzukommen, solange sich in ihrer Arbeit nur irgendwelche Spuren im Unbekannten finden lassen. Selbst Arglist, wie sie der täuschenden Doktorandin Annette Schavan vom Gericht bescheinigt wurde, [5] darf uns da nicht stören. Denn es muss weitergehen mit der Wissenschaft.

Vielleicht ist das die Richtung, in die es nun allgemein gehen wird: Weiter. Die Wissenschaft weiß sich bei diesem hochsensiblen Thema jedenfalls in besonderer Verantwortung. Und auf seinem Bildungskanal zeigt uns der Stifterverband schon mal, wie es aussieht, wenn man in einer solchen Lage stiften geht.

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2 Antworten zu “Stiften gehen, oder: Die Legende vom wissenschaftlichen Restwert

  1. An der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn vertritt man offenbar auch die Theorie vom wissenschaftlichen Restwert: Während man in den Arbeiten von Georgios Chatzimarkakis und Margarita Mathiopoulos einen solchen offenbar nicht erkennen konnte, befand Dekan Paul Geyer im Fall eines nicht-prominenten Absolventen, „dass die Stärken der Dissertation durch die nachgewiesenen Plagiatsstellen nicht entscheidend gemindert werden“. Bei dieser Arbeit fand VroniPlag Wiki allerdings auf immerhin 60% der Seiten Plagiate.

    In Bonn steht in § 20 Abs. 2 der Promotionsordnung von 2010, dass auch das Vorliegen einer Täuschung lediglich eine Änderung der Bewertung der entsprechenden Promotionsleistungen zur Folge haben kann. Anders ausgedrückt: Betrügen darf man dort ohne ernsthafte Konsequenzen, wenn man es nur nicht allzusehr übertreibt. Wenn Schavan jetzt nur nicht auf die blöde Idee gekommen wäre, zur Promotion von Bonn nach Düsseldorf zurückzukehren, um es so leichter zu haben …

  2. Pingback: Bonner Winkelzüge: Erträge der Plagiatsrelativierung | Erbloggtes

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