Schavan zum Abschied

In Berlin haben alle möglichen Länder eine Botschaft. Gewiss nicht die kleinste und bescheidenste ist die Vertretung des Landes Baden-Württemberg, von dem man eigentlich gedacht hat, dass es irgendwie doch Teil dieser Republik ist. Aber das ist nicht so, weshalb dieses Baden-Württemberg in Berlin einen gewaltigen und mächtig modernen Bau voller Beton, Glas und mit ganz viel schönem Holz als Botschaft braucht, damit man es in Berlin auch gehörig ernst nimmt. Ernster als Weißrussland zum Beispiel. Die Chancen dafür stehen auch gar nicht schlecht, denn neben der Vertretung des Landes Baden-Württemberg ist die Botschaft des Landes Weißrussland in Berlin nun wirklich eine armselige Hütte.

Also sind wir am Mittwochabend lieber in die Botschaft von Baden-Württemberg gegangen als nach Treptow zu den Weißrussen. Auch der große und schöne Botschaftsgarten der Villa Lukaschenka hat uns nicht locken können, denn Baden-Württemberg liegt in Berlin direkt am Tiergarten. Lange vor 20 Uhr waren wir schon da, weil es sicher einen gewaltigen Ansturm geben würde. Schon am Vormittag hatte sich das abgezeichnet, als die frühere Ministerin für die Wissenschaft im Bundestag ihre letzte Rede gehalten hatte und dann alle aufgestanden waren und ihr lange, lange stehend applaudiert hatten. Die letzte Rede von Annette Schavan ist glänzend gewesen, grandios, haben die gesagt, die sie im Bundestag gehört haben. Ich hab‘ sie auch gelesen, aber in der Schriftform wirkt sie natürlich nicht ganz so stark.

Der Ansturm ist dann aber doch nicht so gewaltig gewesen. Einige von diesen begeisterten Abgeordneten, die der früheren Ministerin im Bundestag nach ihrer glänzenden und grandiosen Rede heftig applaudiert und sie geherzt und geküsst haben, mussten abends offenbar dann doch zwingend nach Treptow oder sonstwohin. Jedenfalls sind wir hineingekommen, und im Saal hat man wegen all den Treptowern sogar noch so viel Platz schaffen können, dass um den Ehrentisch herum recht viel freie Fläche war. Damit es alle sehen können, wer vorne sitzt und wichtig ist.

Wir sind aber so weit hinten gesessen, dass wir trotzdem nicht immer alles richtig haben sehen können. Eigentlich haben wir die meiste Zeit vor allem die Rücken von drei Damen gesehen. Frau Johanna Wanka ist in der Mitte gesessen. Sie ist jetzt die Ministerin für Wissenschaft, aber sie erklärt immer, dass es immer noch die Frau Schavan sein müsste. Sie ruckt immer mit dem Kopf, und ihre Frisur steht an der Seite etwas ab, so dass sie beim Kopfrucken immer hin- und hergeht. Außerdem hat sie ein goldenes Jackett angehabt. Eine Dame bei uns am Tisch hat aber gemeint, dass es Senf ist. Neben ihr ist Frau Ulla Schmidt gesessen, die Vizepräsidentin des Bundestages ist. Sie war schon am Vormittag Vizepräsidentin gewesen und hatte die letzte Rede von Frau Schavan so angekündigt, wie eine Grundschullehrerin den Kindern erklärt, dass jetzt das Christkind kommt, und dabei hatte sie gesagt, dass sie voller Wehmut ist, wenn Frau Schavan jetzt nicht mehr im Bundestag ist. Deshalb durfte sie jetzt vorne sitzen, was aber eigentlich gar nicht so gut war. Denn es war deutlich zu merken, dass die Frau Schmidt es nicht sehr bequem fand, mit Frau Wanka und der dritten Frau auf einer Bank zu sitzen, die keine Rückenlehne hat, weil man von den hinteren Plätzen möglichst viel von ihr sehen soll. Diese dritte Frau war von hinten sehr interessant anzuschauen, denn ihr Hinterkopf war so schmal, dass man es kaum glaubt. Später haben wir gehört, dass es die Frau Ministerin Barbara Hendricks von der Umwelt war.

Die Frau Wanka und die Frau Hendricks waren eigentlich die einzigen Ministerinnen, die aus der Bundesregierung gekommen sind, und das war schon etwas enttäuschend, obwohl die Frau Hendricks sogar von der SPD ist. Sie ist aber auch vom katholischen Zentralkomitee, und deshalb zählt es nicht so richtig, hat der Herr neben mir gemeint.

Also das Bundeskabinett war nicht sehr stark vertreten. Vorne am Ehrentisch sind noch Volker Kauder von der CDU-Fraktion und Günther Oettinger gesessen, der EU-Kommissar. Neben Frau Schmidt war noch ein Herr, und einige haben gemeint, dass es vielleicht der Joachim Sauer von der Frau Merkel ist, aber der war es nicht. Und natürlich war die Bundeskanzlerin auch da vorne. Man konnte sie nur manchmal ein wenig sehen, aber es leuchtete immer wieder stark rosa, das war ihr Jackett. Und wenn es sehr bunt leuchtete, dann war es Frau Schavan.

Es waren aber auch etliche vergangene Kabinettskollegen von ihr da. Dirk Niebel zum Beispiel, und Ronald Pofalla, solche Leute.

Die meisten hat man aber nicht gekannt, weil sie nur Abgeordnete aus Baden-Württemberg gewesen sind. Man hat sie deshalb auch nicht immer verstehen können, wenn sie sich unterhalten haben, und das war schade. Den Herrn Schipanski hat man am Gesicht erkennen können. Er ist aber aus Leipzig, und bei uns am Tisch haben sie gleich bemerkt, dass er ohne seine Mutter dagewesen ist, obwohl sie auch eine Einladung gehabt haben soll.

Auf den Tischen standen Flaschen mit einem besseren Trollinger, aber Bier hat es schließlich auch gegeben. Es wurden verschiedene Ansprachen zu Ehren von Annette Schavan gehalten. Ein Herr vom wissenschaftlichen Stiftungsverband hat davon geredet, wie grenzenlos dankbar die deutsche Wissenschaft der früheren Ministerin sein muss. Er hat dabei ein wenig so ausgesehen, als ob er die Frau Schavan gleich fressen will. Die anderen Reden sind lustiger gewesen. Herr Kauder hat Annette Schavan geneckt wegen dem schönen Leben, das ihr nun im Vatikan bevorsteht, und hat ihr gedroht, dass er sie bald besucht. Er hat aber auch von schweren Zeiten gesprochen, so dass man schon gedacht hat: Öha! Es ist aber dann nichts mehr gekommen. Herr Oettinger hat auch sehr nett von ihr gesprochen, was stark bemerkt wurde, weil sie sich früher spinnefeind gewesen sind. Daran waren aber nur die Wahlhelfer schuld, die einen Fehler gemacht haben, hat er gesagt. Es war besonders nobel vom Oettinger, hieß es allgemein.

Das Beste ist aber natürlich die Ansprache der Kanzlerin gewesen. Sie hat wunderbare Worte für die Wissenschaftlerin, Politikerin und Freundin Annette Schavan gefunden, die eine tiefgründige Denkerin, eine großartige Rednerin und dabei sehr verschwiegen ist. Sie hat das Leben der Bundeskanzlerin bereichert und ist eine Philosophin. Auch Ungerechtigkeiten hat sie zuletzt aushalten und irre Prozesse überstehen müssen.

Man fand das bei uns am Tisch sehr köstlich, dass die Kanzlerin von „irren Prozessen“ gesprochen hat. Auch im übrigen Saal wurde jetzt viel genickt. Frau Schavan hat dann auch gesprochen und war sehr gerührt und hat sich sehr bedankt für alles, und dass sie in den schweren Zeiten gelernt hat, immer mit ganz viel Würde zu handeln. Jetzt ist überall stark genickt worden, und Frau Wanka hat ganz heftig mit dem Kopf geruckt.

Dann hat Frau Schavan noch gesagt, dass Ulm auch in Rom ihre Heimat ist, und dass für die CDU in Baden-Württemberg jetzt alles besser wird, weil sie endlich die Frau aus dem Rheinland losgeworden ist, und alle haben sehen wollen, ob der Oettinger auch lacht.

Kulinarisch war es sonst nicht so besonders. Die Vertretung von Baden-Württemberg steht auf Berliner Boden, und das war deutlich zu merken.

Musik hat es auch gegeben, es war ein Akkordeon und auch hinten gut zu hören.

Später im Foyer haben wir Annette Schavan dann noch ganz aus der Nähe gesehen. Sie sprach sehr angeregt mit einer Gruppe von älteren Herren aus der Wissenschaft. Die hatten gerade von dem Buch geredet, das man der Ministerin noch überreichen wird, mit lauter Beiträgen von den angesehensten Gelehrten, und ob es eigentlich nicht schon fertig ist. Dann ist aber die Ministerin dazugekommen, und sie haben über den wunderbaren Abend geredet. Und dass sie immer noch nicht glauben können, wie alles gekommen ist.

Frau Schavan hat aber gehen müssen, und alle sind sich einig gewesen, dass es eine Schande ist.

Advertisements

5 Antworten zu “Schavan zum Abschied

  1. Pingback: Umleitung: Schnipp-Schnapp-Schavan, manipulierte Facebook-Nutzer und die Schüsse von Sarajevo | zoom

  2. Weiß man mehr über diese Festschrift, die da für Schavan vorbereitet werden soll?

  3. Die Festschrift für Schavan macht aktuell gerade etwas Bauchschmerz. Der/die eine oder andere Beteiligte wäre jetzt wohl lieber nicht dabei gewesen. Aber aufhalten lässt sich die Sache vermutlich nicht mehr. Der eigentlich geplante feierliche Rahmen für die Überreichung ist jedenfalls schon vor den Düsseldorfer Enthüllungen geplatzt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s