Zweierlei Predigt. Teil 2: Vom Betrügen, vom Geifern, vom Krähen und vom Speichellecken

Auf die Fürbitten der Gläubigen, die heute in der Wallfahrtskirche zu Schemmerhofen der fastenpredigenden Annette Schavan lauschen werden, wird sich ein Thomas Gutschker wohl wenig Hoffnung machen können. Der Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat heute gleichfalls eine gründliche Predigt gehalten, aber vom Glauben ist hier wenig die Rede. Gutschker ist offenkundig kein Anhänger des Honnefelder-Prinzips, wonach man fundamentale Überzeugungen und grundlegende Glaubensvorstellungen (wie zum Beispiel die, dass Annette Schavan niemals plagiiert haben kann) am überzeugendsten „verstehen“ wird, indem man glaubt.

Auch der Prediger in der Frankfurter Allgemeinen dritten Fastensonntagszeitung trägt aus seiner Sicht interessante Gedankengänge aus verschiedenen Perspektiven vor. Das Thema ist hier allerdings deutlicher umrissen als in Schemmerhofen.

„Hilft nicht: Schavan hat betrogen“

lautet die Überschrift. Begleitet wird diese Predigt nicht von Gesang, sondern vom dröhnenden Klang der Standpauke. Im Sünderbänklein sitzen neben und vor Schavan all ihre zahlreichen, namhaften Gehilfen aus den oberen Rängen des Wissenschaftsbetriebs.

Gutschker erinnert daran, dass Schavan vor kurzem noch erklärt hatte, der gegen sie erhobene Vorwurf der Täuschung deute auf ein „irres Menschenbild“. In ihrer Sicht der Dinge konnte sie sich stets durch „enorm viel Zuspruch“ bestätigt fühlen, „besonders aus der Wissenschaft“. Es sei diese bereitwillige Unterstützung von Präsidenten der großen Wissenschaftsorganisationen, Hochschulpräsidenten, Bildungsforschern, die den Fall so einzigartig und gefährlich machten, meint Gutschker:

Denn in keinem anderen Plagiatsverfahren hat es jemals eine solche Parteinahme von Professoren mit einer Beschuldigten gegeben. Erziehungswissenschaftler versicherten eilfertig, es handle sich bei ihrer Disziplin gar nicht um eine Wissenschaft, also müssten an eine Dissertation in diesem Fach geringere Maßstäbe angelegt werden. Die Allianz der großen Wissenschaftsorganisationen verstieg sich zu der Behauptung, verfahrensrechtliche Korrektheit sei „keine hinreichende Bedingung, um die Aberkennung eines Doktorgrades zu begründen“. Und als Schavan schon zurückgetreten war, stellte sich noch ein Mann vor sie, der jahrelang an der Spitze der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestanden hatte. Die Aberkennung des Doktortitels mute „jakobinisch“ an, geiferte Ernst-Ludwig Winnacker, weil auch damals „Menschen in Hetzjagden verfolgt wurden, die dieses nicht verdient hatten“. Also: Die Universität Düsseldorf, ihr Gutachter und ihre Gremien, soll eine Ministerin aus niederen Motiven verfolgt haben! Unrecht, irres Menschenbild. [2]

All diese Behauptungen seien schon damals leicht zu widerlegen gewesen. An dem Versuch der „komplette[n] Umwertung der Werte wissenschaftlichen Arbeitens“  habe „ein großer Teil der Wissenschaftsgemeinde“ mitgewirkt:

Natürlich krähten die am lautesten, die am meisten von den Milliardenzuteilungen der Ministerin abhängig waren. Die wahren Gründe aber liegen tiefer. In den letzten Jahrzehnten ist eine Kaste von Wissensfunktionären entstanden, die sich selbst oftmals nicht durch wissenschaftliche Spitzenleistungen auszeichnen, sondern durch Managementfähigkeiten. Sie faseln von Exzellenz, dreschen aber nur leeres Stroh. [2]

Man muss keine prosopographischen Studien von besonderer „nötiger Tiefe“ (Jan-Hendrik Olbertz) anstellen, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu prüfen: Seit Jahren und Jahrzehnten rotieren auf den Spitzenpositionen des deutschen Wissenschaftsbetriebs die immer selben Wissenschaftsbonzen. Es ist diese Kaste, und nicht etwa „die Wissenschaft“, die sich in der Causa Schavan geschlossen gegen eine ordentliche Prüfung der Plagiatsvorwürfe gestellt hat. Die Universität Düsseldorf wurde diffamiert und massiv unter Druck gesetzt, und die damalige Ministerin hat dies zumindest gebilligt. Doch

nun haben sie und ihre Speichellecker es schwarz auf weiß: Der Entzug ihres Titels war rechtmäßig. Die Universitätsgremien haben rechtmäßig gehandelt und plausibel begründet, warum Schavan getäuscht hat. […] So arbeitet nicht, wer bloß in seinem Zettelkasten die Übersicht verliert. So arbeitet, wer betrügt. Schavan kann noch versuchen, eine Berufung zu erwirken, doch ihre Rechtsvertreter standen schon in Düsseldorf mit leeren Händen da. [2]

Vertreter der Beklagten (Stefan Rohrbacher, Klaus Ferdinand Gärditz, Bruno Bleckmann) und der Klägerin (Bodo Pieroth, Christian-Dietrich Bracher)

Schavans Rechtsvertreter unternahmen in der Verhandlung nur noch recht lahme und mitunter auch amüsante Versuche, die Unschuld und Harmlosigkeit der Schavan’schen Textkompilationen darzutun. „Vergessen“ habe sie eben die Fußnoten, und von Täuschung könne doch nur bei entsprechendem „Gesamtverhalten“ gesprochen werden: Also wenn die Doktorandin immer und in allem getäuscht hätte. Wie dem Gericht fehlt da auch Gutschker jeder Glaube. Aber er ist nicht ohne Hoffnung:

Hoffentlich führt das Urteil des Verwaltungsgerichts den Parteigängern Schavans vor Augen, welches Unrecht sie der Wissenschaft angetan haben – insbesondere den redlichen Düsseldorfer Kollegen. Schavan tritt weiter kämpferisch auf, sie hat sich in ihrer Verschwörungstheorie eingemauert. [2]

Nein, bei Schavan selbst ist wohl nichts zu hoffen. Ob aber ihre hochmögenden Parteigänger jemals noch die Kurve kriegen werden oder auch nur kriegen wollen – erste Wortmeldungen eines Jan-Hendrik Olbertz etwa lassen das nicht vermuten.

Es ist aber auch gleichgültig. Denn ganz egal, ob sie sich weiter in ihren Ämtern und Würden wechselseitig beerben und weiter die Deutungshoheit über alles beanspruchen werden, was sich Wissenschaft nennt: Die Wissenschaftsgranden im Sünderbänklein haben soeben nicht nur eine Predigt, sondern auch einen Nachruf gehört.

Advertisements

2 Antworten zu “Zweierlei Predigt. Teil 2: Vom Betrügen, vom Geifern, vom Krähen und vom Speichellecken

  1. Mein tiefster Respekt an den Postillon! Bis eben habe ich es nicht für möglich gehalten, dass er sich das Exzellenzblatt der deutschen Intelligenz derart kompetent vornehmen würde. Was für eine perfide Parodie der F.A.Z. Chapeau, Postillon!

  2. Pingback: Stimmen zum Schavan-Urteil | Erbloggtes

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s