Zweierlei Predigt. Teil 1: Schavan in Schemmerhofen

Heute ist Fastenpredigt in Schemmerhofen. In der Wallfahrtskirche „Aufhofener Käppele“ wird Annette Schavan den örtlichen Schäflein ins Gewissen reden. Die ehemalige Wissenschaftsministerin und designierte Botschafterin beim Vatikan werde bei dieser erbaulichen Gelegenheit zum dritten Fastensonntag

aus ihrer Sicht interessante Gedankengänge aus verschiedenen Perspektiven vortragen, teilt der Veranstalter mit. Gesang, Fürbitten und der Segen bilden den Rahmen der Fastenpredigt. [1]

Anschließend besteht noch Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Lokalität: Der Seelsorgetreff „Zum guten Engel“ in Alberweiler. Es ist allerdings wohl nicht zu befürchten, dass aus Sicht von Annette Schavan interessante Gedankengänge nun auch aus einer Perspektive vorgepredigt werden, die von den bisher aus ihren Predigtreden bekannten Perspektiven allzu verschieden wäre. Manch unerfreuliches Zeitereignis ist ja überhaupt nur darauf zurückzuführen, dass der gute Engel in Alberweiler unabkömmlich war. Am vergangenen Donnerstag beim Termin vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf war er jedenfalls nicht zugegen. Annette Schavan hat sich zur Abweisung ihrer Klage durch die Düsseldorfer Richter mittlerweile in der ihr eigenen Gewissenhaftigkeit persönlich wie folgt geäußert:

Die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat meine Promotion aus dem Jahre 1980 im Februar 2013 für ungültig erklärt und wirft mir Täuschung vor. Dagegen habe ich beim Verwaltungsgericht in Düsseldorf geklagt. Das Verwaltungsgericht hat heute sein Urteil bekanntgegeben. Es hält das Verfahren der Universität für richtig und hat meine Klage abgewiesen. [2]

Das Verwaltungsgericht hält allerdings nicht nur das Verfahren für richtig. Es hat sich nach eingehender Sachprüfung auch den Vorwurf der Täuschung zu Eigen gemacht. Von einem Versehen könne nicht ausgegangen werden, erklärte die Richterin in der mündlichen Verhandlung, und der Sprecher des Gerichts diktierte den Journalisten anschließend in die Mikrophone und Notizblöcke, „dass die Klägerin bei der Erstellung ihrer Doktorarbeit getäuscht hat“.  Doch die Kleinigkeit der nunmehr auch gerichtlichen Feststellung vorsätzlicher Täuschung ist unerheblich in der Welt der Annette Schavan. Hier kann in Dingen der Wissenschaft nur die Wissenschaft selbst sachgemäß richten:

In den vergangenen Monaten wurde von Fachleuten darauf hingewiesen, dass bislang Gerichte nicht anders entschieden haben als Fakultäten. Ich wusste also um das Risiko. Dennoch bin ich den Weg der Klage gegangen – auch, weil es keinen anderen Weg gibt, die Entscheidung von Fakultäten bei Plagiatsvorwürfen zu überprüfen. Ich bin darin auch von zahlreichen Wissenschaftlern bestärkt worden, die meine Dissertation anders bewerten, als dies in Düsseldorf geschehen ist. Den Vorwurf der Täuschung weise ich erneut entschieden zurück. [2]

Annette Schavan ist also ein Opfer der Verhältnisse: Hierzulande kann man sich gegen die Willkür der Fakultäten bislang nur vor Gericht wehren. Denn die Akkreditierung der IAG Zitat und Paraphrase als bundesweit zuständige Zentralstelle für Plagiatsverdachtsverschwafelung hat sie in ihren letzten Tagen im Ministeramt nicht mehr rechtzeitig auf den Weg bringen können. Und die Gerichte – darauf wurde sie von Fachleuten hingewiesen – haben bislang mit den Fakultäten immer gemeinsame Sache gemacht. Der Düsseldorfer Spruch ist also bedeutungslos. Von der heutigen Fastenpredigt versprechen wir uns viel in diesen Tagen der Einkehr. Wir freuen uns schon auf das wohlig reinigende Gefühl der Bußfertigkeit, das der Predigtvortrag interessanter Gedanken aus verschiedenen Perspektiven unweigerlich bewirken wird. Und für die anschließenden Fürbitten haben wir uns auch schon allerhand notiert.

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4 Antworten zu “Zweierlei Predigt. Teil 1: Schavan in Schemmerhofen

  1. Leider, leider verbietet es sich ja in der Fastenzeit, dieses große Schavan-Kino gehörig (sic!) mit einer sehr großen Tüte Popcorn zu begehen. Wer sonst als das Leben könnte diese grandiose Posse einer völlig verranten Existenz unter dem bösartig doppelbödigen Lebenmotto „Person und Gewissen“ bis zum Äußersten inszenieren? Nachdem Fassbinder tot ist? Von den Literatur-Edelfedern wäre dieser Stoff noch vor wenigen Jahren als absurd überzogen und wenig überzeugender literarischer Fehlstart von der Buchmesse gefegt worden. Würde Frau Schavan stattdessen ihre Selbstschau heute zu Buchmarkte tragen, ihr wären höchste Literarische Ehrungen sicher!

  2. Seit Kurzem scheint Prof. Schavans katholisches Umfeld sie nicht
    mehr demonstrativ mit Doktorgrad vorzustellen:

    Bei der dritten Laienpredigt im Aufhofer Käppele hat Annette
    Schavan zum aktuellen Tagesevangelium gepredigt. Pater Alfred
    Tönnis kündigte die Bundestagsabgeordnete, anders als in der
    Vorwoche, nicht mehr überschwenglich mit ihrem Doktortitel an. Er
    verzichtete auch auf die Wiederholung seiner Ausführungen zu der
    These, Schavan stünde dieser Titel noch zu. Wer sich vor diesem
    Hintergrund und dem aktuellen Gerichtsurteil aus Düsseldorf
    allerdings ein paar persönliche Sätze von Annette Schavan erhoffte,
    wurde eines Besseren belehrt. Sie und Pater Tönnis schwiegen.

    • Das ist ja geradezu eine demonstrative Beleidigung, wo doch Intelligenz-Fachblätter ihr Publikum eigens aufklärten, dass Schavan den Doktortitel nun noch einen Monat weiter führen dürfe, und dass sie diese Frist um weitere vier Monate verlängern könne, einfach indem sie Rechtsmittel gegen das Urteil einlege.

      Irgendwo in dem ganzen Sumpf habe ich sogar gelesen, Schavan habe ja im Jahr vor dem Prozess auf das Führen des Doktortitels bereits verzichtet. Das muss an derselben Stelle des Sumpfs gewesen sein, wo sonst immer diese stinkenden Blasen aufsteigen, aber ich finde es gerade nicht wieder.

  3. Pingback: Stimmen zum Schavan-Urteil | Erbloggtes

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