Die Geheimnisse von Berlin

gendarmenmarkt

Außerhalb des offiziellen Programms: Festrede, danach geselliges Beisammensein
(Heimlicher Stahlstich von Paul S. Habelmann aus dem 5. Band)

Ein Plagiat waren sie nicht, die sechs Bände der „Geheimnisse von Berlin“, eher eine Nachempfindung der „Mystères de Paris“, mit denen Eugène Sue jähe Berühmtheit errungen hatte. 1987 und somit volle 143 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen sind die „Geheimnisse“ erneut gedruckt worden, aber eine auf den aktuellen Berliner Geheimnisstand gebrachte Neuausgabe ist nie erfolgt. Dabei wäre das jederzeit sehr leicht möglich. Schon 1844 konnten die Geheimnisse ja „aus den Papieren eines Berliner Kriminal-Beamten“ enthüllt werden, wie das Titelblatt verriet. Wenn man von Geheimnissen erfahren wollte, waren solche Leute schon immer eine erste Adresse. Und auch heute müsste man nur mal eben zum Gendarmenmarkt hinüber.

Am Berliner Gendarmenmarkt residiert die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, jene vornehmste Blüte etablierter wissenschaftlicher Bedeutsamkeit in diesem unserem Lande allseitiger akademischer Exzellenz. Gerade gestern erst wurde die BBAW wieder einmal zur Stätte eines höchst wichtigen Ereignisses. Ein Fest war zu feiern, das sollte den ganzen Tag dauern – oder, um in der Sprache der international vernetzten scientific community zu sprechen: all day. Und eine Festrede war angekündigt, die sollte wohl auch all day dauern, doch angesichts der Person der Festrednerin konnte dies keinesfalls abschreckend wirken. „Tradition verpflichtet – Geisteswissenschaften in Europa“ lautete der Titel dieses Festvortrags, den die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung und sogutwiesichere Botschafterin der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl, Dr. Annette Schavan, laut ihrer Homepage am 7. Februar 2014 all day in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat.

Doch in Berlin tat sich wieder mal Geheimnisvolles: Es geschah nämlich nichts an diesem Freitag, dem 7. Februar 2014. Nicht um 10 Uhr, nicht um 18 Uhr und auch nicht um 20 Uhr. All day ereignete sich nicht das Geringste in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Keine Veranstaltung. Kein Fest. Keine Feier. Kein Vortrag. Keine Rede. Im Foyer konnte man wie seit Monaten schon eine Ausstellung besichtigen. Sonst war nichts los. Und wenn wir dem Veranstaltungskalender der BBAW glauben sollen, dann ist hier für den 7. Februar auch niemals etwas geplant gewesen.

Nachdem wir nun schon all day vergeblich vor den heiligen Hallen der BBAW herumgelungert haben, können wir wenigstens die Gelegenheit nutzen, um der hier beheimateten, bereits legendären Forschergruppe „Zitat und Paraphrase“ einen Besuch abzustatten. Denn an dieser Art von Wissenschaft haben wir ein brennendes Interesse. Eine so große, so prominent und so dermaßen interdisziplinär und international zusammengesetzte Forschergruppe bedarf gewiss der besonders sorgsamen Steuerung. Allein die Abstimmung der örtlichen Kommandantur mit den Hilfsbataillonen aus Cusanuswerk und Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erfordert hohe Professionalität. Es ist daher beruhigend, zu erfahren, dass die Position der Wissenschaftlichen Koordinatorin mittlerweile mit NN besetzt ist. NN hat in ihrem Leben ja schon ungeheuer viel gemacht. Von NN hören wir nur das Beste.

Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Zitat und Paraphrase“ untersucht nach eigener Aussage „die Strategien der akademischen Wissensaneignung im Vergleich der Disziplinen und Epochen“. [1] Bisher stand vor allem die Suche nach Strategien der Exministerinnenrauspaukung im Vordergrund, und das war im Vergleich der Disziplinen und Epochen schon ein recht unvergleichliches Spektakel. „Die Ergebnisse sollen in angemessener Weise dokumentiert, aber auch in die breitere Öffentlichkeit getragen werden“, heißt es weiter. [1] Zuletzt hatte der Sprecher der Arbeitsgruppe, Christoph Markschies, höchstselbst eine rundum überzeugende Probe solcher Bemühungen gegeben: Seinen Erzählungen von klugen Tschechinnen und munteren Ostpreußinnen konnte die vollständige Tragbarkeit in eine sehr breite Öffentlichkeit jederzeit bescheinigt werden.

Wer sich nun als Teil der breiteren Öffentlichkeit auf den Internet-Seiten der IAG „Zitat und Paraphrase“ eingeladen sieht, nähere Informationen zum Forschungsprojekt abzurufen, wird allerdings abermals auf Berliner Geheimnisse stoßen. Denn anders als bei anderen Projekten der BBAW ist hier eine Hürde aufgebaut: Zugang zu allem Weiteren erhält nur, wer Benutzernamen und Passwort eingeben kann. Eine Registrierung ist jedoch nicht möglich.

Vielleicht muss man ja dem Mitarbeiterstab des Cusanuswerks angehören, um sich hier anmelden und am Fortgang der Ergründung akademischer Strategien der Wissensaneignung teilhaben zu können. Oder demnächst der diplomatischen Vertretung unseres Landes beim Heiligen Stuhl.

Die Geheimnisse von Berlin sind am Gendarmenmarkt jedenfalls in besten Händen.

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4 Antworten zu “Die Geheimnisse von Berlin

  1. Dr. Münchhausen

    Super Simone, dass Sie versuchen die wesentlichen Termine für uns wahrzunehmen und dann hier aus erster Hand berichten, so sitzt man auch zu Hause in seinem Ikea Poäng immer in der ersten Reihe !

    Natürlich in dem konkreten Fall ein Ärgernis, dass Sie sich Zeit nahmen und sicher auch in freudiger Erwartung waren auf einen für die Exzellenz der Wissenschaft in diesem Land gewiss exemplarischen Vortrag – wäre er denn Wirklichkeit geworden – und dann auf diese Weise enttäuscht wurden. Ich kann da mitfühlen, werde ich doch auch oft enttäuscht, aber so ist der Gang des Lebens, sage ich mir und denke an meinen Vater, der gerne sagte: „Das Leben ist wie eine Schiffsschaukel, mal geht es bergauf, dann geht es bergab.“

    Wahrscheinlich ist Frau Dr. Schavan aktuell mit den Vorbeitungen für ihr neues Amt allzusehr beschäftigt und hat den Plan deshalb nicht auf dem aktuellen Stand halten können, die Gute.

    Wie auch immer, halten Sie uns weiter auf dem Stand, insbesondere dem Stand der Wissenschaft von Zitat und Paraphrase …

    Herzlichen Dank sagt Ihnen Ihr
    Dr. Münchhausen

    • Sie haben’s gut in Ihrem Ikea Poäng, Herr Dr. Münchhausen. Die Bestuhlung im Neubausaal in Schwäbisch Hall dagegen – seit 11 Uhr sitze ich mir jetzt hier den Hintern wund.
      Aber das Buffet sieht ganz ordentlich aus. Wenn genug übrig bleibt, bringe ich vielleicht was mit.

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