Kulturkampf, oder: Vom Rücken her erschossen

Annette Schavan hat wieder einen vollen Terminkalender in diesem goldenen Oktober, und auch Joachim Frank ist in diesen Tagen mit Wichtigem beschäftigt. Am 14. Oktober ist der Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe natürlich dabei in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, beim Albertus-Gespräch über „Bildung durch Wissenschaft? Die Universität“, das Annette Schavan, Ludger Honnefelder, Andreas Speer und Peter Strohschneider führen. Er sitzt vorne im Publikum und schreibt eifrig mit, weil er darüber dann im Kölner Stadt-Anzeiger berichten wird. Es ist sehr gut, auch für ihn persönlich ist es ganz famos, dass dieses Albertus-Gespräch gerade jetzt und gerade in Köln stattfindet, denn er hat da noch etwas anderes vor mit Schavan in diesen Tagen. Doch jetzt ist erst mal Albertus-Gespräch. Frank ist ein wenig aufgeregt, da vorne ist die sehr verehrte Prof. Dr. Schavan ganz in ihrem Element, umgeben von anderen Großen, mit denen sie sichtlich vertrautesten Umgang pflegt und von denen sie, was das Wichtigste ist, mit allen Zeichen der unveränderten Höchstachtung behandelt wird. Also es ist ein Unding, wie dieser Frau in der anonymen angeblichen Plagiatssache mitgespielt wurde.

Neulich in Kolumba

Zunächst hat Honnefelder das Wort. Ganz im Geiste des Albertus Magnus spricht der Philosoph und Theologe. [1] Einmal mehr verkündet er seine unwandelbaren Gewissheiten über eine „Idee der Bildung durch Wissenschaft in Gestalt der Universität“, der Albertus Magnus mit dem 1248 eingerichteten Studium generale des Kölner Dominikaner-Ordens „in der westlichen Welt zum Durchbruch verhalf“ – in nachgerade direkter Vorläuferschaft zu Wilhelm von Humboldt. [2] Wenn diese Sichtweise, die sich um kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Einzelheiten eher wenig scheren kann, auch diesmal wieder vermittels einer Anhäufung von Pathosformeln zur Geltung gebracht wird, [3] so ist das in Kolumba und im Erzbistum gerade recht.

Leider gestaltet sich die Fortsetzung des „Gesprächs“ nicht ganz so weihevoll. Speer, Experte für mittelalterliche Philosophie und Leiter des Thomas-Instituts, hält ein Plädoyer gegen den Elfenbeinturm, für eine Universität, die Berührung mit dem allgemeinen Leben hat und gerne auch groß sein darf.

Dann endlich redet jedoch Schavan: Sie „gibt sich entspannt“ angesichts der Klagen über überfüllte Massenuniversitäten, vertritt „vehement“ die Bildungsreformen, hält gar nichts von irgendwelchen Debatten über die verkürzte Gymnasialzeit und wirkt überhaupt entschieden selbstbewusst. Nur zu verständlich, dass Joachim Frank ein wenig aufgeregt ist, denn es liegt in der Luft, dass Annette Schavan wieder voll da ist. Und daran hat auch er seinen kleinen, bescheidenen Anteil, den er noch ein wenig zu vergrößern gedenkt.

Steinschneider
(1816-1907)

Schavans Auftritt ist allgemein mit Spannung erwartet worden. Es ergibt sich da auch noch ein kleiner Disput mit einer lebhaften Dame im Publikum. Kein Zweifel, die ehemalige Wissenschaftsministerin ist die gar nicht so heimliche Attraktion des Abends. Da hat es der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft schwer, noch einmal die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen. Peter Strohmeier heißt er wohl, so steht es im Artikel des Joachim Frank im Kölner Stadt-Anzeiger: „Peter Strohmeier, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft“, spricht von der Universität, die es „nur als Streit um sich selbst“ gebe. In der Diskussionsrunde sitzt „der Mediävist und Literaturwissenschaftler Strohmeier“, und es ist „Peter Strohmeier“, der kurz und bündig erklärt, dass er Perversionen des Bildungsbegriffs „zum Kotzen“ findet. [1] Trotz solch verbaler Kraftmeierei bleibt dieser DFG-Präsident eher blass. Man ist auch in Gedanken noch zu sehr bei Annette Schavan, um groß auf diesen Strohmeier achten zu können. Auch an Frank-Walter Steinmeier muss man denken, der in diesen Tagen das Schicksal der Annette Schavan zu erleiden droht, denn er wird gleichfalls von Plagiatsjägern verfolgt. Mit geradezu alttestamentarischer Unerbittlichkeit war damals Schavan von dem Düsseldorfer Gutachter Rohrbacher verfolgt worden, [4] einem peniblen Vertreter judaistischer Textgelehrsamkeit in der Nachfolge eines Steinschneider. All das mag Joachim Frank durch den Kopf gehen, als er von Strohmeier schreibt.

Er ist wohl auch ein wenig in Eile mit diesem Bericht über das Albertus-Gespräch, denn am nächsten Abend steht schon ein weiterer, wichtiger Termin an. An diesem 15. Oktober geht es für Frank schon wieder um Schavan. Das Albertus-Gespräch war ein wunderbarer Auftakt für seine große Buchvorstellung: „Wie kurieren wir die Kirche? Katholisch sein im 21. Jahrhundert“ heißt das neue Werk, das der Verleger Alfred Neven DuMont herausgegeben hat. Es ist in solchem Fall praktisch, auch ein paar Zeitungen zu besitzen, in denen man sein Buch vorab schon ordentlich bewerben kann. So wissen die Leser des Kölner Stadt-Anzeigers, [5] der Berliner Zeitung [6]  und der Mitteldeutschen Zeitung [7] schon frühzeitig durch große Artikel, die Alfred Neven DuMont und Joachim Frank geschrieben haben, dass ein großes Buch kommt, das Alfred Neven DuMont und Joachim Frank geschrieben haben. In der Kölner Stadtbibliothek stellen sie ihr Werk nun gemeinsam vor.

Es ist eine mit Zwischentexten versehene Sammlung von Interviews, die Frank mit prominenten Kirchenvertretern und engagierten Gläubigen geführt hat. Freilich geht es nicht allen seinen Gesprächspartnern einzig darum, die Kirche zu kurieren. So verheißt die Vorankündigung zum letzten dieser Interviews:

Annette Schavan, die frühere Bundesforschungsministerin, spricht erstmals über den persönlichen Halt, den ihr der Glaube in der Auseinandersetzung über ihre Doktorarbeit gegeben hat. Sie verteidigt das selbstbewusste Engagement von Katholiken in der Politik. [8]

Der Ernstfall des Glaubens trete immer dann ein, wenn er sich in den Widrigkeiten des Lebens zu bewähren habe, schreibt Frank in der Einleitung zu seinem Gespräch mit Schavan. Auch Johann Sebastian Bach weiß ein Lied zu singen von den Erschütterungen,

in denen sich der Glaubende ausgeliefert vorkommt, ausgesetzt in Feindesland:

Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben,
So gib, dass wir im festen Glauben
Nach deiner Macht und Hülfe sehn!
[Wie kurieren wir die Kirche, S. 262]

Windthorst, vom Rücken her stark an Schavan erinnernd

Es ist genau diese Situation, in der sich Annette Schavan im furchtbaren Jahr der anonymen Plagiatsvorwürfe wiederfand – ausgeliefert, ausgesetzt in Feindesland. Man kennt das. Nicht zum erstenmal wird das selbstbewusste Engagement von Katholiken in der Politik von stolz schnaubenden Feinden auf solche Weise beantwortet. Denn wie erging es jüngst erst Ludwig Windthorst? Joachim Frank weiß es. In der Endphase des Kulturkampfs hatte sich Bismarck insgeheim mit dem Papst verständigt und so den Führer der katholischen Zentrumspartei ausmanövriert:

„Erschossen! Vor der Front erschossen. Vom Rücken her erschossen! Ich geh nach Hause“, war Windthorsts verzweifelte Reaktion. Annette Schavan schildert – unter ganz anderen Bedingungen – ähnliche Stimmungslagen.
[Wie kurieren wir die Kirche, S. 262-263]

Im Interview geht es dann jedoch zunächst um die Kirche. Annette Schavan weiß der Kirche für ihre persönliche Zukunft so manchen Rat zu geben. Diesen beispielsweise:

Für die Kirche entscheidend ist ihr Umgang mit dem Scheitern. In der Aufarbeitung eigener Fehler ist die Kirche noch längst nicht genug eingeübt. Dazu gehören die Einsicht und das Zugeständnis, dass es in ihr genauso menschlich zugeht wie andernorts auch.
[Wie kurieren wir die Kirche, S. 279]

Es geht Schavan um eine „Fehlerkultur“, und in dieser Hinsicht ist die Kirche leider noch nicht zitierfähig.

Schavan selbst sah sich dagegen bislang nicht zur besseren Einübung in der Aufarbeitung eigener Fehler herausgefordert, denn solche Fehler gab es ja nicht. Allenfalls Zitierfehler, die jedoch nicht peinlich sind und gewiss kein Scheitern bedeuten. In diesem Interview ist deshalb dann auch nur die Rede davon, wie ihr der Glaube in dieser Zeit ihrer größten Krise als Politikerin geholfen hat. Er hat ihr sehr geholfen. „Ganz praktisch“ habe sie sich in der schlimmen Zeit „intensiv mit Texten befasst“. Dabei handelte es sich freilich nicht um den für die Gewissensbildung dann doch wenig ergiebigen Text ihrer Doktorarbeit und auch nicht um die Werke, aus denen sie die besseren Stellen dieser Doktorarbeit abgekupfert hatte. Es sind vielmehr

Texte der Bibel, aber auch Texte von Theologen wie Tomás Haliks Buch „Berühre die Wunden“ oder die Schriften Karl Rahners – immer wieder und nach wie vor Karl Rahner.
[Wie kurieren wir die Kirche, S. 280]

Solche Lektüre bewahrt vor dem „Kreisen um die immer gleichen Fragen, auf die es sowieso keine Antwort gibt“. Also den Fragen nach der Größe des Universums, der Unsterblichkeit der Seele und der Theodizee. Vielleicht bewahrt sie auch davor, sich den Fragen der Universität Düsseldorf zu stellen. Wer sich in Feindesland ausgesetzt sieht und dem Schnauben der stolzen Feinde im festen Glauben standzuhalten hat, der wird wenig Neigung zur Aufarbeitung eigener Fehler, zu Einsichten und Zugeständnissen verspüren – gute Ratschläge für die Kirche hin oder her. Ein Umgang mit dem Scheitern findet gar nicht erst statt, da es ja kein Scheitern ist, sondern eine Hatz. Ein übles Spiel, das da lief und dem die Bundesministerin für Bildung und Forschung hilflos zusehen musste:

Du magst noch so felsenfest davon überzeugt sein, dass du dir nichts vorzuwerfen hast und dass du im Recht bist – du kannst nichts gegen ein Spiel machen, das gegen dich läuft. Wer ins öffentliche Leben geht, weiß das eigentlich auch. Wer in seiner politischen Laufbahn nie an einen solchen Punkt kommt, der hat Glück gehabt. Die Regel ist das aber nicht.
[Wie kurieren wir die Kirche, S. 281]

Nein, nichts konnte die Ministerin machen – jedenfalls nichts, was am Ende geholfen hätte. Weder die verschiedenen öffentlich ausgestellten Persilscheine noch die hochtrabende Grundsatzerklärung der „Wissenschaft selbst“, keine noch so massive Medienkampagne und noch nicht mal das Trommelfeuer der Allianz der Wissenschaftsorganisationen konnte das Blatt eines abgekarteten Spiels wenden. Da kann man nichts machen. So geht das Spiel eben, wenn man ins öffentliche Leben geht und eine politische Laufbahn einschlägt. Im Gebüsch längs des Weges lauern die Feinde, und wenn man Pech hat, brechen sie stolz und schnaubend hervor und fallen über einen her. Wer in seiner politischen Laufbahn nie an einen solchen Punkt kommt, der hat Glück gehabt. Und Schavan hat eben dieses Glück einfach nicht gehabt. Das war der Punkt. Und nicht irgendein Punkt in irgendeiner verstaubten Promotionsordnung oder irgendeinem Heftchen mit Zitierregelchen.

Das Interview mit Schavan ist das letzte in diesem Band. Es ist aber noch nicht der Schluss des Bandes. Wenn wir weiterblättern, finden wir auf den folgenden Seiten noch drei „Schlusssteine“. Die Herausgeber des Bandes halten diese drei Steine für außerordentlich wichtig für eine Gesundung der Kirche, und ihre Gesprächspartner werden ihnen darin zweifellos aus voller Überzeugung zustimmen.

Die drei Schlusssteine heißen „Glaubwürdigkeit, Realitätssinn, Bescheidenheit.“

4 Antworten zu “Kulturkampf, oder: Vom Rücken her erschossen

  1. Ich hatte sie vermisst: die Dolchstoßlegende im Rücken aufrechtester Katholiken. Wenn jetzt noch kreuz.net sich der Causa Schavan annimmt, dann ist die Republik wieder im Lot. Dumm nur, dass nicht nur in Limburg die Menschen genauer hinschauen. Die Columba im Martinsviertel sah schon immer arg gut genährt aus, ob der Kölner da noch lange weg sieht? Aber vielleicht geben ja das Zweigestirn Meisner und Tebartz sich die Ehre und trösten die liebe kleine Anette?

  2. Pingback: Was gibt’s Neues von Schavan? | Erbloggtes

  3. Pingback: Jüdische Weltverschwörung, Abteilung für Plagiatsverfahren | Erbloggtes

  4. Steinmeier und Lammert sind die Schande für die elende Plagiatsjägerei. Dieser Brief eines Chefredakteurs bringt es auf den Punkt:

    Sehr geehrter Bundeskanzlerin Angela Merkel,
    seit Jahren führen Sie die Bundesrepublik Deutschland erfolgreich durch ein immer schwieriger werdendes internationales Umfeld. Allzu viel Geld verdienen Sie mit diesem stressigen Job nicht, wie Ihnen sogar SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bestätigt hat. Trotzdem stehen Sie auf der schwarzen Liste des selbst ernannten Plagiatjägers Martin Heidingsfelder. Der versucht erst gar nicht, das mit dem Kampf für Sauberkeit und Ehrlichkeit der Wissenschaft zu begründen. Nein, irgend jemand hat ein Kopfgeld dafür ausgesetzt, dass der saubere Herr Heidingsfeld in Ihrer Doktorarbeit Plagiate, den Diebstahl geistigen Eigentums, findet. Hat er bisher nicht, aber er lässt nicht locker. Eine fünfstellige Summe ist schließlich Anreiz genug.
    Ihre Bundesbildungsministerin Annette Schavan musste Sie bereits wegen solcher Vorwürfe entlassen. Ein widerlicher Vorgang, der das Image der Universität Düsseldorf schwer beschädigt hat. Sollten sich die Vorwürfe gegen Schavan auch nach den juristischen Überprüfungen bestätigen, muss als nächstes die Frage geklärt werden, warum sogenannten Doktorväter immer wieder so krass versagen. Reichte das Fachwissen etwa nicht aus? In den 80er Jahren, in denen Frau Schavan ihre Arbeit geschrieben hatte, wurden bekanntlich die Lehrenden der Fachhochschulen in Professoren der Gehaltsklasse C3 umgewidmet. Die Uni-Professoren (C 4) haben darüber vor Wut geschäumt. Wie auch immer – dreißig Jahre später findet ein sogenannter Plagiatsjäger Hinweise. Jetzt jagt er Frau Wanka, unsere aktuelle Bundesbildungsministerin. Nicht so einfach. Bei naturwissenschaftlichen Arbeiten reicht es nicht, einfach mal ein Computerprogramm zu starten. Da muss man Fachwissen haben. In der Zwischenzeit wird die ganze Plagiatsjägerei immer abgeschmackter. Ein Plagiatsjäger aus Dresden namens Stefan Weber hat eine Nachwuchsprofessorin aus dem Amt gemobbt. Mögliches Motiv: Er hatte sich selbst auf die Stelle beworben und war abgelehnt worden. Wie soll man diese Plagiatswelle jetzt eigentlich beurteilen? Geht es wirklich nur um Ehrlichkeit und Sauberkeit in der Wissenschaft?
    Quatsch.Es gibt immer Leute, die anderen gern am Zeug flicken. Und bei uns in Deutschland laufen Pedanten und Denunzianten en masse rum. Da wird angezeigt bei Polizei oder Steuerbehörde, was das Zeug
    hält. Ein Vollidiot aus dem Harz schwärzt pausenlos seine Nachbarn wegen falschem Parken an. Ich konnte schon in der Schule Petzer nicht leiden.
    Mit angewiderten Grüßen
    Rainer Hahne
    Chefredakteur
    P.S. Im 1000jährigen Reich gab es Menschen, die ihre Nachbarn angezeigt haben, weil die Licht angelassen oder falsche Sender gehört hatten. Die nannte man Blockwart. Für mich gehören die selbst ernannten Plagiatsjäger in dieselbe Sparte.

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