Kalendarische Frühlingsgefühle

Geraume Zeit war er kränklich, der öffentliche Terminkalender der einstigen Bundesministerin Annette Schavan. Zeigte kaum eine Regung, so oft wir auch nach ihm sahen. Wir waren schon ernsthaft besorgt. Doch seit einigen Tagen, gottlob! ist er wieder ganz der Alte. Oder doch so gut wie. Jedenfalls deutlich auf dem Wege der Besserung, bekommt zusehends wieder Farbe, fast könnte man schon sagen: Er blüht wieder auf. Auch ist er wieder richtig bei Stimme, schon draußen vom Flur her hört man ihn laut und vernehmlich und merkt auch gleich: Wichtiges, höchst Wichtiges hat er zu vermelden, der Terminkalender der Annette Schavan.

Am Samstag, dem 12. Oktober, ist der Kalenderpulsschlag erstmals wieder regelmäßig und kräftig. Morgens weilt man in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu Weingarten. Das Haus ist leicht zu finden, es liegt zwischen der Pädagogischen Hochschule und dem Museum für Klosterkultur. Hier findet eine Tagung zum Thema „Martin von Tours – Leitfigur für eine humane Kultur und die Zukunft des Christentums in Europa“ statt. Laut Programm will man

der Frage nachgehen, welches Potential Martin von Tours bietet als Glaubenszeuge für eine Vernetzung von Orten, Instanzen und Nationen im Interesse eines sozial-humanen Europas, das sich seiner christlichen Wurzeln, Werten und Leitbildern [sic] bewusst ist und bleibt. [1]

In einem Europa, wie man es sich als Besucher solcher Tagungen erträumt, ist und bleibt sich keineswegs nur der Mensch und Europäer christlicher Machart der christlichen Wurzeln, der christlichen Werte und der christlichen Leitbilder bewusst. Annette Schavan findet es am Platze, dem Publikum wenigstens pro forma die Frage zu stellen:

„Martin von Tours für das ganze Europa?“

Reitet für Europa: St. Martin

Die Antwort versteht sich fast von selbst. Laut Programm  handelt es sich bei diesem Vortrag um „Anmerkungen einer christlichen Politikerin“, und so läuft die Sache unweigerlich darauf hinaus, dass der heilige St. Martin (316-397 n. Chr.) schon ganz auf einer Linie mit Robert Schuman, Jacques Delors und Ernst-Wolfgang Böckenförde war, als er seinen Mantel mit dem Bettler teilte:

Martin verband seine Grundhaltung als Christ mit einer politischen Botschaft. […] Der Vater des abendländischen Mönchtums war ein großer Europäer; ein Patron, der uns anregt zu einem neuen spirituellen Elan für Europa und zu Generosität. [2]

Nach diesem Abschlussvortrag ist in Weingarten noch ein politischer Frühschoppen zu absolvieren. Das war der Vormittag.

Den zum Abschied gespendeten bischöflichen Reisesegen verwendet man umgehend für eine Fahrt nach Frankfurt, wo man nachmittags auf der Buchmesse eintrifft. Auch hier gilt es, den Kampf um die Leitkultur zu kämpfen. Am Sonntag steht dort die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an. Auch da ist man selbstverständlich zugegen. Der Kampf um die Leitkultur gestaltet sich recht erfreulich, denn man kann einen angemessen erscheinenden Platz in vorderer Reihe einnehmen. Genau besehen ist es ein Platz so weit vorne, dass er eigentlich schon ganz vorne ist. Es zelebriert wie stets der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, der die angenehme Eigenschaft hat, zugleich ein Bruder des einstigen Vorgesetzten im Cusanuswerk, des lebenslangen Mentors, väterlichen Freundes und Nothelfers Ludger Honnefelder zu sein.

Am Montag, dem 14. Oktober, hat man an einer Sitzung des advisory council des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg teilzunehmen. Diese Veranstaltung ist nicht deshalb so sehr interessant, weil sie auf der Schavan’schen Homepage in die Kategorie „Schätze der Region“ eingeordnet ist. Auf der Schavan’schen Homepage, die ja nicht zuletzt das Partei- und Wahlvolk in Ulm und Umgebung bei Laune halten soll, wird so ziemlich jede Veranstaltung unter die „Schätze der Region“ gesteckt. Die Teilnahme der ehemaligen Wissenschaftsministerin an der Beiratssitzung der größten biomedizinischen Forschungseinrichtung des Landes ist bemerkenswert, weil in der veröffentlichten Liste der Beiratsmitglieder der Name „Annette Schavan“ gar nicht auftaucht. Vermutlich gehört sie dem advisory council als natürliches und lebenslanges shavanity member an. Oder sollte die vorübergehend promoviert gewesene Erziehungswissenschaftlerin Schavan etwa jenen „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ zuzurechnen sein, mit denen sich die Beiratsmitglieder regelmäßig treffen, um sich „über aktuelle Forschungsprojekte und Infrastrukturmaßnamen“ zu informieren und „übergreifende strategische Fragen“ zu diskutieren?

Davon, dass sich das advisory council des Deutschen Krebsforschungszentrums seinem Auftrag gemäß mit ehemaligen Wissenschaftsministerinnen zu treffen hätte, ist jedenfalls nichts bekannt. Doch vielleicht ist Schavan hier ja in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Bundestagsausschusses für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe zugegen. An die wirtschaftliche Zusammenarbeit und an die Entwicklungshilfe, welche sie in ihrer Amtszeit als Ministerin gerade den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft angedeihen ließ, wird sich freilich kaum unmittelbar anknüpfen lassen. Gerade drei Jahre ist es nun her, dass das Krebsforschungszentrum seinen sanierten Hochhausbau der Öffentlichkeit vorgestellt hat – saniert für etwa 77 Millionen Euro, wobei die Ministerin Schavan 70 Millionen bereitgestellt hatte. [3] Vorbei die Zeiten!

Es ist wohl doch die shavanity membership card, die ihre Mitwirkung im advisory council regelt.

Nur nebenbei bemerken wir, dass es sich bei dem Vorsitzenden dieses Beirats um denselben Unternehmensberater Roland Berger handelt, der auch dem Hochschulrat der Ludwig-Maximilians-Universität München angehört, welchem neuerdings kraft jubeldemokratischer Entscheidung auch Annette Schavan angehört.

Abends hat man an diesem 14. Oktober dann noch einen wichtigen Termin in Köln. Das vor wenigen Jahren nach Plänen von Peter Zumthor neu errichtete Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumba, ist der würdige Schauplatz für ein hochkarätig besetztes Expertengespräch über „Bildung durch Wissenschaft? Die Universität“, veranstaltet durch den „Förderkreis Albertus-Magnus-Stiftung e.V.“ Dieser Förderkreis hat die Aufgabe, die Albertus-Magnus-Stiftung zu fördern, welche ihrerseits die Aufgabe hat, das Albertus-Magnus-Institut zu fördern. Das Albertus-Magnus-Institut wiederum, 1931 durch den damaligen Kölner Erzbischof aus der Taufe gehoben und seit 1954 am Bonner Collegium Albertinum angesiedelt, stand von 1995 bis 2011 unter der Leitung von Ludger Honnefelder. Der wiederum war von 1982 bis 1991 als Leiter der Bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk der Vorgesetzte und sodann der Amtsvorgänger der Annette Schavan, als deren treuer Wegbegleiter er sich seither stets und mannigfach erwiesen hat.

An diesem Abend diskutiert also „Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Annette Schavan, Mitglied des Deutschen Bundestages, Professorin für Katholische Theologie an der FU Berlin, ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung“, mit Ludger Honnefelder sowie mit Andreas Speer, Professor für Philosophie und Leiter des Kölner Thomas-Instituts. Ach ja, und Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist auch dabei. Eine wahrhaft hochkarätige Runde, in der Annette Schavan da sitzt, als Diamant unter Diamanten.

Dann hat man einige Tage Ruhe, bevor es am 18. Oktober weitergeht. In Stuttgart tagt der Beirat der Stiftung „Bibel und Kultur“. Annette Schavan ist Vorsitzende des Kuratoriums dieser Stiftung, in deren Satzung man liest:

Mit der Gründung der Stiftung Bibel und Kultur sollen Bemühungen gefördert werden, die die kulturelle Bedeutung der Bibel öffentlich bewusst machen. Diese Aufgabe bedarf der Unterstützung der Christen, gleich welcher Konfession sie zugehören, und aller Menschen, denen daran gelegen ist, dass die Bibel auch in Zukunft ihren bestimmenden Platz im geistigen Leben unseres Volkes einnimmt. [4]

Gegründet wurde diese Stiftung nicht 1947 und auch nicht 1957, sondern 1987. Es ist schön, dass sich seitdem eine Stiftung um das geistige Leben unseres Volkes kümmert. Vom geistigen Leben unseres Volkes ist seit einiger Zeit viel zu wenig die Rede. Im geistigen Leben unseres Volkes nimmt die Bibel bekanntlich ihren bestimmenden Platz ein, und das ist auch gut so und soll auch in Zukunft so bleiben.

Abends gibt es dann für die triumphal wiedergewählte Abgeordnete Schavan und ihre Wahlhelferinnen und Wahlhelfer das wohlverdiente Wahlhelferfest.

Den 19. Oktober verbringt man in Blaubeuren auf dem Parteitag des CDU-Bezirks Württemberg-Hohenzollern. Es folgt am Montag, dem 21. Oktober, eine Sitzung der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Der Dienstag beginnt früh um 8 Uhr 30 mit einem Ökumenischen Gottesdienst in der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale, vormittags dann erneut Fraktionssitzung. Im Anschluss: Konstituierende Sitzung des 18. Deutschen Bundestags. Denn man hat ja gewonnen.

Doch diese Woche bietet noch einen weiteren Höhepunkt, einen weiteren Genugtuungs-Termin. Für den 24. Oktober vermerkt der Kalender der Annette Schavan ganztägige Mitwirkung im Hochschulrat der LMU München. Auch dies natürlich eine Veranstaltung der Kategorie „Schätze der Region“, wobei man davon ausgehen darf, dass dieser spezielle Regionalschatz durch seinen neu gewonnenen Inhaltsbestandteil „Schavan“ im Schätzwert rapide gestiegen ist.

Ja, es ist ein goldener Oktober. Und es liegt eindeutig Frühling in der Luft.

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Eine Antwort zu “Kalendarische Frühlingsgefühle

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