Wie es für Schavan gelaufen ist

Für Dr; Annette Schavan ist die Bundestagswahl 2013 so gut gelaufen, wie es nach ihrer Plagiatsaffäre und dem Rücktritt als Ministerin nur möglich war. Hier die Ergebnisse des Wahlkreises 291 (Ulm/Alb-Donau):

2013 2009
Dr; Annette Schavan
Erststimmen absolut
Erststimmen prozentual
85.964
52,1%
67.798
42,8%

Erwartungsgemäß gehört Schavan also erneut als direkt gewählte Abgeordnete dem Bundestag an. Mit deutlich gesteigertem Stimmenanteil.

Tatsächlich war es wohl nur unter den besonderen Umständen ihrer Plagiatsaffäre möglich, dass die Dinge für Annette Schavan in Ulm, auf der Alb und an der Donau so gut gelaufen sind. Viel besser nämlich, als es das bloße Wahlergebnis erkennen lässt. Denn an der Basis, in ihrem CDU-Kreisverband und beim Wahlvolk im Wahlkreis 291 kam Annette Schavan ihre Plagiatsaffäre sehr zugute. Bis vor kurzem war sie nämlich noch bemerkenswert unpopulär in Ulm, um Ulm und um Ulm herum. In der örtlichen CDU hatte sie wenig Rückhalt – er war schwach im Stadtverband Ulm und kaum messbar in der ländlichen Region. „Die mögen sich nicht“, war immer wieder zu hören, wenn sich die Ministerin hier tatsächlich einmal unter „ihre“ Leute mischte: Zu wenig bodenständig, zu sehr Rheinländerin, zu intellektuell, zu ungeduldig, ja hochfahrend sei sie. Eigentlich sei Schavan an ihrem Wahlkreis gar nicht interessiert. Anfragen aus der schwäbischen Provinz blieben unbeantwortet oder würden durch ihren persönlichen Referenten abgeblockt. Nur an der Universität Ulm lasse sie sich gern sehen, zeige sonst kaum Präsenz.

Es lief für Schavan „zuhause“ also die längste Zeit gar nicht gut. Dass die Ministerin durchblicken ließ, auf die Ulmer, Älbler und Donauanrainer ohnehin nicht angewiesen zu sein, machte die Sache nicht besser. 2011 wurde der Bundesministerin und Bundestagsabgeordneten Schavan vom eigenen Kreisverband sogar die Wahl als ordentliche Delegierte zu den Parteitagen auf Landes- und Bundesebene verweigert. Vordergründig war das die Quittung für eine plötzliche Kehrtwende in der Schulpolitik, mit der die Ministerin ausgerechnet den eigenen CDU-Landesverband vor den Kopf gestoßen hatte. Zugleich war es aber auch die Folge ihrer seit jeher schwierigen Beziehung zur örtlichen Parteibasis.

Als es fast daneben ging: Nominierung die erste

Als Direktkandidatin für die Bundestagswahl war Schavan den Ulmern 2005 von oben auf’s Auge gedrückt worden. Damals war sie noch baden-württembergische Landesministerin für Kultus, Jugend und Sport. Im Landtag saß die unüberhörbare Rheinländerin als Abgeordnete für den Wahlkreis Bietigheim-Bissingen. Doch nach zehn Jahren als Schulministerin und in hohen Parteiämtern im Ländle strebte sie nun fort, es zog sie nach Berlin. Nach Stuttgart geholt hatte sie 1995 der tiefkatholische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU). Jetzt, am Ende der Ära Teufel, lag ziemlich viel in Scherben, war die Landes-CDU in zwei verfeindete Lager gespalten, und Schavan zählte zu den Akteuren, an denen sich die Geister besonders heftig schieden.

Heftig umstritten war sie vor allem wegen ihrer Schulpolitik. Doch in Parteikreisen hatte sich Schavan auch als getreue Vasallin ihres Ministerpräsidenten einen gewissen Ruf erworben. Noch gut im Gedächtnis waren ihre Manöver im Vorfeld der 2004 anstehenden Oberbürgermeisterwahl in Bietigheim-Bissingen: Nach Wunsch und Willen der örtlichen CDU sollte hier ein parteiloser Kandidat mit gemeinsamer Unterstützung von CDU, Freien Wählern und FDP das Rennen machen. Das gefiel Teufel nicht, der hier Gefolgsleute seines Amtsvorgängers Lothar Späth am Werk sah.

So betrieb Schavan die Installierung eines weiteren Kandidaten, des Ludwigsburger Vizelandrats Schnaudigel, der sich als CDU-Mitglied mit höherem Segen, aber ohne die Unterstützung der Bietigheim-Bissinger CDU bewarb. Deren Obere zeigten sich in der folgenden Schlammschlacht ihrerseits nicht zimperlich. Am Ende kam es, wie es kommen musste: Nachdem der parteilose CDU/FW/FDP-Kandidat entnervt hingeworfen hatte, gewann SPD-Kandidat Jürgen Kessing in der Stichwahl gegen Schnaudigel mit 54,1% der Stimmen das Amt des Oberbürgermeisters dieser schwarzen Hochburg. [Nachtrag vom 3.3.2015] Die örtliche CDU war seither tief zerstritten. Die Folgen der damaligen Havarie zeigten sich noch im März 2012, als Kessing wiedergewählt wurde – mit mehr als 96% der abgegebenen Stimmen, ohne Gegenkandidaten und bei einer Wahlbeteiligung von kaum 25%.

Auch in eigener Sache hatte Schavan damals eine wenig glückliche Hand gezeigt und üble Härten erfahren. Erwin Teufel hatte 2004 noch versucht, sie als seine Nachfolgerin als Ministerpräsidentin und Landesvorsitzende der baden-württembergischen CDU zu installieren, um seinen ungeliebten „ewigen Kronprinzen“ Günther Oettinger zu verhindern. Doch diesmal stach auch die Karte der „richtigen“, der katholischen Konfession nicht, die bei der Auswahl des Spitzenpersonals in der Südwest-CDU ansonsten so oft eine entscheidende Rolle spielte. Bei einer Mitgliederbefragung sprachen sich nur 39,4% für Schavan als Spitzenkandidatin der CDU aus. Begleitet war diese Konkurrenz von heftigen, oft persönlich gefärbten Attacken, die im November 2004 auch auf das Privatleben und auf die sexuelle Orientierung der notorisch unverheirateten Kandidatin Schavan zielten. Auch das Schweigen ihres Konkurrenten Oettinger und anderer Parteifreunde in dieser Sache musste für Schavan bitter sein.

Für Annette Schavan war 2005 also einiges zu Ende gegangen. Doch nun sollte Neues beginnen. Der Bundestag und womöglich noch höhere Ämter als bisher waren das Ziel, und Ulm war als Basis für den Neubeginn ausersehen. Der Wahlkreis im tiefschwarzen Oberschwaben war sicherer Erbbesitz der CDU. Von 1949 bis 1972 hatte kein geringerer als Ludwig Erhard als direkt gewählter Abgeordneter für Ulm und Umgebung im Parlament gesessen. Schavans Vorgänger Heinz Seiffert, der volksnahe Landrat des Alb-Donau-Kreises, hatte hier zuletzt 51,7% der Erststimmen geholt. Die Ministerin Schavan kam 2005 immerhin auf 48,7% der Erststimmen.

Doch zunächst musste sie als Kandidatin überhaupt erst einmal aufgestellt werden, und das wäre beinahe schiefgegangen. Auf der Nominierungsversammlung des CDU-Kreisverbands in der Donauhalle stellten sich im Juni 2005 neben ihr gleich vier mehr oder weniger namenlose Mitbewerber zur Wahl. Auf Schavan entfielen am Ende bloße 50,8% der gültigen Stimmen. Für die Landesministerin für Kultus, Jugend und Sport, die im Jahr zuvor noch als mögliche Bundespräsidentin gehandelt worden war und versucht hatte, Ministerpräsidentin und CDU-Vorsitzende in Baden-Württemberg zu werden, war das demütigend wenig.

Als es nicht viel besser lief: Nominierung die zweite

Das Votum der Wähler im ohnehin sicheren Wahlkreis 291 war nie so sehr Schavans Problem, die Haltung der örtlichen Parteibasis dagegen sehr wohl. Bei der erneuten Nominierung als Direktkandidatin zeigten sich die Probleme wieder in aller Deutlichkeit: Im Oktober 2008 musste sich die Bundesministerin bei der Mitgliederversammlung des CDU-Kreisverbands in der Lindenhalle zu Ehingen mit drei Mitbewerbern messen. Sie wurde schließlich aufgestellt, aber nur mit blamablen 57% der Stimmen. Schavan könne froh sein, dass ihr die Peinlichkeit einer Stichwahl erspart geblieben sei, hieß es. Mit mehr als 80% der Stimmen für Schavan war in der Parteispitze fest gerechnet worden. Dabei hatte sich nicht etwa der umtriebige Ulmer Gemeinderat und „Stimmenkönig“ Hans-Walter Roth als ihr gefährlichster Konkurrent erwiesen, sondern ein wenig bekannter Bewerber aus dem beschaulichen Langenau, der hauptsächlich mit seiner Bodenständigkeit warb, dafür mehrfach Zwischenapplaus erhielt und schließlich 29% der Stimmen einheimste. Die Botschaft war klar: Annette Schavan hatte es nicht verstanden, „eine von uns“ zu werden. Schlimmer noch, sie hatte sich kaum darum bemüht.

Zwischengang: Image-Politur

Irgendwann im Lauf des Jahres 2010 oder 2011 muss Annette Schavan von der Notwendigkeit einer gründlichen Image-Politur überzeugt worden sein. Seither zeigte sie sich häufiger im Wahlkreis, suchte auch die Begegnung mit dem „einfachen Volk“, unterdrückte dabei erfolgreich ihre Neigung zur hochgezogenen Augenbraue und zeigte gelegentlich auch den Witz und Charme, für den sie in Journalistenkreisen bereits bekannt war. Auch die Ministerin, die einst baden-württembergische Schulleiter vor versammelter Lehrerschaft rüde abzukanzeln beliebte und die eigenen Mitarbeiter vor der Presse herunterputzte, sollte nun in Vergessenheit geraten. Schavan wurde freundlich, ja geradezu leutselig.

Gleichzeitig wurde im Wahlkreis allmählich deutlicher, wie sehr man in Ulm und der Region davon profitierte, dass man eine „eigene Ministerin“ hatte. Das galt besonders für die „Wissenschaftsstadt Ulm“ und ihre Universität. Die örtliche CDU tat nun viel, um diese vorteilhaften Zusammenhänge herauszustellen. Dass die Stadt und die Universität 2009 und 2010 durch das Zukunftsinnovationsprogramm des Bundes mit 15,6 Millionen Euro überproportional reich bedacht wurden, war allein Schavans Verdienst:

Der Ulmer Einfluss im Bundeskabinett zahlt sich damit ganz konkret aus, weshalb wir mit Blick auf den Masterplan der Universität zuversichtlich einem Baufenster für ein Helmholtz–Institut entgegensehen…

So der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Bertram Holz vor der Bundestagswahl im September 2009. [1] Das Helmholtz-Institut für Batterieforschung ist seither ebenso Wirklichkeit geworden wie viele andere schöne Pläne. Für die Universität am Oberen Eselsberg machte Schavan sehr erfolgreich den Goldesel.

Dabei wäre es in Ulm am 17. April 2011 schon fast zur Entlarvung der Plagiatorin gekommen. In einem Nichttraditionslokal. Ausgerechnet am Palmsonntag.

Exkurs: Wie man zu Ulm an der Donau der Annette Schavan schon einmal fast auf die Spur gekommen wäre und es dann doch nicht getan hat

Zu Ulm an der Donau steht ein schönes Gasthaus, der „Donaufisch“. Im April 2011 wurde dort im Nebenzimmer die Idee geboren,

wissenschaftliche Arbeiten bedeutender Ulmer Zeitgenossen zu lesen und am Stammtisch zu besprechen. Wahrscheinlich spielte bei unserer Entscheidung für einen „Donaufisch Lektürekurs Doktorarbeiten“ auch eine Rolle, dass zurzeit immer mehr Angehörigen der politischen Elite Betrug bei der Anfertigung ihrer Dissertationen nachgewiesen wird (angefangen bei unserem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, über Matthias Pröfrock, CDU, bis hin zu Silvana Koch-Mehrin, FDP).

Allerdings waren die wackeren Stammtischbesucher vollständig überzeugt, dass

unsere Ulmer Doktoren ihre akademischen Titel redlich erworben haben. Ihnen ging es nur um wissenschaftliche Erkenntnis und Fortschritt, nicht um den Erwerb eines Statussymbols. Sie arbeiteten gewissenhaft und mit tadelloser wissenschaftlicher Methodik. Von dieser festen Überzeugung beseelt, machten wir uns an die Lektüre der Arbeit des IHK-Präsidenten Dr. Peter Kulitz, der 1983 an der Juristischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen eine Dissertation mit dem Titel „Unternehmensspenden an politische Parteien“ vorgelegt hat.

Um die Güte der Doktorarbeit des Ulmer IHK-Präsidenten entspann sich dann ein heftiger Disput, der mit einem salomonischen Vorschlag beendet werden konnte:

„Schickt doch die Dissertation von Peter Kulitz an VroniPlag Wiki. Dort wird von Fachleuten sicher bald der Beweis erbracht, dass die Arbeit des Ulmer IHK-Präsidenten tatsächlich eine einwandfreie wissenschaftliche Arbeit ist.“

So geschah es und gespannt erwarten wir vom Donaufisch das Ergebnis der kompetenten Prüfung, die ein Stammtisch eben doch nicht ganz leisten kann. Unser Lektürekurs aber geht weiter.

Auf diesen lebhaften Stammtischbericht folgte im Aushang des „Donaufisch“ die Ankündigung für die nächste Zusammenkunft am Palmsonntag, dem 17. April 2011:

Kommen Sie zu unserem „Donaufisch Lektürekurs Doktorarbeiten“; immer sonntags von 10 bis 12 Uhr. Jeder kann mitmachen. Unsre nächste Lektüre stammt aus der Feder der amtierenden Bundesbildungsministerin. Bitte besorgen und lesen:

Annette Schavan, Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung. 351 Seiten. Frankfurt 1980. Neuausgabe Freiburg 1998 [2]

Doch bei dieser Ankündigung ist es dann geblieben. Diese zweite Sitzung des Lektürekurses „Doktorarbeiten“ am Stammtisch im „Donaufisch“ hat offensichtlich nicht mehr stattgefunden. Vermutlich entfiel sie wegen des heftigen Kirchenbesuchs.

Als sie stolperte und es besser ging

Trotz der Tendenz zum Klimawandel war Annette Schavan Mitte 2012 in Ulm und Umgebung alles andere als unumstritten. Nach wie vor wirkten ihre um Volksnähe bemühten Auftritte selten echt. Vielen Parteigrößen vor Ort war sie in den vergangenen Jahren kräftig auf den Fuß getreten oder über den Mund gefahren. Viele hatten die Erfahrung machen müssen, dass die Ehrgeizige Widerspruch und Widerstände noch nach Jahren strafend rächen konnte. Andere kreideten ihr ihre Schulpolitik an oder erinnerten sich daran, wie sie hinter den Kulissen die Fäden für Stefan Mappus gezogen hatte, der die CDU des Landes dann an den Abgrund führte. Wieder anderen war sie einfach nach wie vor zu wenig „eine von uns“, zu wenig schwäbisch, zu abgehoben, zu wenig biergartenselig, zu … oifach andersch äba.

Zu Beginn der Plagiatsaffäre im Frühsommer 2012 beeilte sich die örtliche CDU-Prominenz, ihr völliges Vertrauen und ihre uneingeschränkte Solidarität für die Ministerin zu beteuern. Das hatte anfangs manchmal noch einen etwas unaufrichtigen Beiklang. Schließlich gab es nicht nur allerlei Vorbehalte gegenüber Schavan persönlich, sondern es waren hier und da auch positive Auswirkungen auf die eigene Karriere nicht auszuschließen, falls Schavan tatsächlich straucheln sollte. Die immer noch offenen Rechnungen zwischen Oettinger-Leuten und dem Mappus-Lager in der Landes-CDU spielten in Ulm dagegen wohl weniger eine Rolle.

Doch dann zog Schavans Entlastungsstrategie. Gleich nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe hatte sie dafür gesorgt, dass sich ihr verbundene prominente Wissenschaftler wie der frühere DFG-Präsident Frühwald öffentlich hinter sie stellten. In Ulm machte zumindest ebensoviel Eindruck, was die Wissenschaftler auf dem Oberen Eselsberg zu diesem akademischen Fall zu sagen hatten. Universitätspräsident Karl Joachim Ebeling machte aus seiner Meinung ebenso wenig ein Hehl wie der angesehene Altrektor Hans Wolff und viele ihrer Kollegen: Sie fanden die Vorwürfe absurd und stellten der Ministerin das beste Zeugnis aus – gern auch mit dem Hinweis darauf, welche großen Verdienste sie sich um die Förderung der Universität und der Wissenschaftsstadt erworben hatte.

Zudem war es ein offenes Geheimnis, dass Professor Werner Heldmann, hoch geschätzt als Repräsentant einer humanistisch gebildeten Geistigkeit, Säule des Kulturlebens und altgedientes Mitglied der Ulmer CDU, 1980 die Doktorarbeit der Ministerin als Zweitgutachter geprüft hatte. Auch seine Haltung war unzweideutig und keineswegs nur den Mitgliedern der Ulmer Goethe-Gesellschaft bekannt. Nach all dem kam man weitgehend zu der Meinung, dass sich die Vorwürfe in Wohlgefallen auflösen würden. In der Ulmer CDU war man sich da sicher, zumal Schavan selbst keinerlei Zweifel zeigte.

Es half auch, dass sie sich in Ulm nun auffällig häufig sehen ließ. Jahrelang hatte man sie hier kaum jemals zu Gesicht bekommen, und nun begegnete man ihr auf Schritt und Tritt. Es war stets sehenswürdig, wie die „Frau Minischder“ schon wieder über den Wochenmarkt auf dem Münsterplatz ging, die Tasche mit ihren Einkäufen selbst trug und dabei derart unauffällig aussah, dass sämtliche anderen Marktbesucher einhellig der Meinung waren, es sei unbedingt bemerkenswert.

Als es richtig schlimm kam und richtig gut ging

So war zwar niemand darauf vorbereitet, dass die Universität Düsseldorf die Plagiatsvorwürfe bestätigen könnte, aber als dann im Oktober Einzelheiten aus dem verheerenden Gutachten an die Öffentlichkeit kamen, war die Wagenburg schnell geschlossen. Seitdem galt es im Stadt- und im Kreisverband der CDU als ausgemacht, dass Schavan bestenfalls das Opfer akademischen Unverstands und schlimmstenfalls das Opfer eines politischen Komplotts war. Sie selbst gab dann die Parole aus, dass hier Wissenschaft für politische Ziele missbraucht werde, und auch darin folgte man ihr bereitwillig. Auch Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) zeigte sich nun bei verschiedensten Gelegenheiten demonstrativ an ihrer Seite und wünschte ihr stets vernehmlich „alles Gute“. Typisch für die Sicht der Dinge und die Tonlage, die in der CDU in Stadt und Kreis allgemein herrschte, ist ein Rückblick des Kreisvorstandsmitglieds Hubert Bold:

Besonders scheinheilig ist der Vorwand das ganze Verfahren laufe zum Schutz der Wissenschaft ab, sei eine Frage der „Wissenschaftsethik“  und der Hinweis es  habe keinerlei politische Hintergrund. … In dieser Auseinandersetzung geht völlig unter, dass die Damen und Herrn Professoren der Uni Düsseldorf und auch der Juraprofessor der Uni Bonn eine Dienstherrin in der Landesregierung von NRW haben, die nicht der Partei von Dr. Schavan angehört. Ein Schelm, der Böses dabei denkt ! Dazu passt auch, dass der Fakultätsrat ihm vorliegende Gutachten, die pro Schavan sprechen geflissentlich nicht veröffentlicht. Auch der Termin der Tagung des Fakultätsrates justament drei Tage vor der Mitgliederversammlung zur Nominierung von Frau Dr. Schavan als Kandidatin des Wahlkreises 291 spricht Bände und ist wohl kaum unter der Rubrik  „zufällig“ zu verbuchen. [3]

Um diese Nominierung ging es nun.

Als es wie von selbst lief: Nominierung die dritte

Das Echo auf die zahlreichen Auftritte Schavans während ihrer Nominierungskampagne machte früh sehr deutlich, dass sich die Parteibasis nun um die lange so ungeliebte Kandidatin scharte. Die Wogen der Solidarität, von denen Schavan nun gerne berichtete, waren keineswegs eingebildet. Sie selbst kam ihren Mitstreitern vor Ort wie verwandelt vor: Verletzlich, aber auch entschlossen und „geerdet“. Da war es nicht mehr weit bis zur so heftig angemahnten Bodenständigkeit. Auch beim Wahlvolk zeigte das Wirkung.

Drei Tag nach der offiziellen Einleitung des Entzugverfahrens an der Universität Düsseldorf kam es für Schavan darauf an, bei ihrer Nominierung als Bundestagskandidatin im Wahlkreis 291 den möglichst ungeteilten Rückhalt der Parteibasis zu bekommen. Das lief dann wie von selbst – allerdings doch nicht ganz von selbst.

Die Nominierungsversammlung am 25. Januar 2013 in Ulm-Eggingen sei ganz ungewöhnlich stark besucht gewesen, hieß es später. Tatsächlich waren die Besucherzahlen nicht höher als in früheren Jahren, die Versammlungshalle war nur enger. Besonders am Eingang, wo Schavan stand und niemand ihrer einvernehmenden Begrüßung entgehen konnte: Alle wurden erst einmal angefasst, am liebsten gleich halb in den Arm genommen. Alle. Ein umfangreicher älterer Herr beugte sich zum Handkuss und verkündete bedeutungsvoll:

Sie send ja au no Professoooorin!

Und Schavan machte vage bedeutungsvoll:

Jaaaaaa!

Spätestens jetzt konnte man sicher sein, dass alles seinen geregelten Gang gehen würde. Nur ein notorischer Querkopf, der früher auch schon mal gegen Schavan angetreten war, ließ sich am Rande der Veranstaltung darüber aus, dass die Partei-Oberen im Vorfeld einigen Druck ausgeübt hätten: Sonst hätte mancher wohl seinen Hut gegen die Ministerin in den Ring werfen wollen. Und wer weiß, in vier Wochen sehe es mit der solidarischen Unterstützung vielleicht schon ganz anders aus.

Am Ende erhielt Schavan stalinistische 96% der abgegebenen Stimmen. Sie war als Direktkandidatin nominiert und hatte sehr viel mehr gewonnen, als ihr unter normalen Umständen möglich gewesen wäre: Einen Stadt- und Kreisverband, der tatsächlich geschlossen hinter ihr stand, in dem sie als „unsere Frau für Berlin“ völlig unangefochten war. Denn unser Querkopf wusste selbst recht gut, dass seine Vorbehalte nichts mehr bedeuteten.

Als es an die Urnen ging

Schavan war nun ganz Ulmerin. Nach dem schmählichen Entzug des Doktorgrades und dem Rücktritt vom Ministeramt floh sie erst einmal in die Ulmer Fasnet, um Trost im närrischen Treiben zu suchen. Tapfer stand sie mit rotem Narrenhütchen herum, ließ sich von allen ansprechen und von vielen auch anfassen und bahnte sich ohne größere Schnitzer ihren Weg durch die schwäbischen Fassnachtsbräuche:

Natürlich habe ich Fasnet gut ausgesprochen, weil ich schon vor dem Stockacher Narrengericht war, am Breisacher Gauklerpranger und so weiter. Also bin ich voll eingetaucht in die Fasnacht. Kügele hoi, hoi, hoi! [4]

Man ging behutsam mit ihr um im närrischen Ulm. Auch im Wahlkampf vor Ort und in der Region gab es keinen Zweifel daran, dass die Kandidatin, der so arg mitgespielt worden war und die sich in den Schutz ihrer schwäbischen Zweitheimat begeben hatte, rücksichtsvoll zu behandeln war. Es war schon so, wie es der Meister der Narrenzunft zu Ehingen beim Besuch der Kandidatin gesagt hatte: Im Schwabenland,

wo Ihre engsten Freunde, die ehrlichen Narren, die offen sind, die Sie mögen seit eh und je und weiterhin verehren und lieb haben wollen – hier sind Sie daheim! [5]

Daran hat sich dann bis zur Bundestagswahl auch nichts mehr geändert. Und wenn Annette Schavan dann demnächst wieder in die große weite Welt hinausgehen wird, vielleicht wieder zu Höherem berufen, dann wird sie wissen: Im Schwabenland, wo ihre engsten Freunde die ehrlichen Narren sind, da stehen sie geschlossen hinter ihr, sind ihr verschworener Haufe, geben ihr Halt und Heimat alleweil.

– – –
Nachtrag, 3.3.2015
Die Rolle der Annette Schavan in diesem Ränkespiel bleibt undurchsichtig. In Bietigheim-Bissingen galt sie nicht als Befürworterin des Kandidaten Christoph Schnaudigel (CDU), sondern des FW-Kandidaten Wilfried Dölker, den Oberbürgermeister Manfred List (CDU) als seinen Nachfolger installieren wollte. Tatsächlich hätte sich Schavan hier kaum offen gegen List stellen können: Ihm verdankte die „landesfremde“ baden-württembergische Kultusministerin Wahlkreis und Landtagsmandat. Nach dem ersten Wahlgang versuchte Schavan dann, den hinter Kessing (SPD) und Dölker auf dem dritten Platz gelandeten Schnaudigel zur Aufgabe zu bewegen. Das wurde ruchbar, sorgte bei Schnaudigels Anhängerschaft erneut für Empörung und hatte letztlich den Rückzug Dölkers zur Folge. Schavan sah sich für diese bis heute fortwirkende Katastrophe der örtlichen CDU ebenso wenig mitverantwortlich wie für das Desaster, das ihre Wahlkampagne des Jahres 2013 und ihre anschließende Entrückung in den Vatikan für ihre Parteifreunde in Ulm und im Alb-Donau-Kreis bedeutet.

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12 Antworten zu “Wie es für Schavan gelaufen ist

  1. Die kundige Prüfung der Doktorarbeit von Annette Schavan am Stammtisch des „Donaufisch“ ist damals nicht deshalb unterblieben, weil die braven Ulmer am Palmsonntag in die Kirche gehen statt ins Gasthaus. Sondern deshalb, weil das einzige Exemplar der Doktorarbeit in der Ulmer Stadtbibliothek nicht auffindbar war. Es ist bis heute vermisst. Ein Ersatzexemplar wurde nicht angeschafft.

    • Das ist ja eine hochinteressante Information. Man weiß nun nicht, ob das Buch jemand von der SPD versteckt hat, damit niemand in Ulm mehr etwas über Gewissensbildung lesen kann, oder ob es jemand entwendet hat, um selbst so viel wie möglich über Gewissensbildung zu lernen (wäre angebracht bei so einem gewissenlosen Schuft!), oder ob es vielleicht erst ab Mitte Februar 2011 verschwunden ist, als sich Überlegungen entwickelten, bei den prominenten DoktorInnen der Republik mal genauer nachzulesen. Um letztere Möglichkeit zu überprüfen, könnte man natürlich mal nachfragen, wann das Buch denn zuletzt ausgeliehen wurde (wenn überhaupt), und wann sein Fehlen zuerst bemerkt wurde. Damit kann man den Zeitpunkt des Verschwindens vielleicht eingrenzen und auf diesem Wege Verdächtige eliminieren.

      • Direkt neben der Stadtbibliothek in Ulm, in der Annette Schavans Werk verwahrt wurde, liegt das Rathaus. Wir vom Stammtisch vermuten, dass Oberbürgermeister Gönner bei der Ausübung seiner Amtsgeschäfte Anfang des Jahres 2012 in derartige Gewissenskonflikte geraten ist, dass er dringend der Hilfe bedurfte, die er von Menschen in seiner Umgebung nicht erwarten konnte (wie sollen Bürokraten auch bei Seelenqualen weiterhelfen? Ulms katholischer Chefgeistlicher war verreist.)

        Als Katholik kam Gönner sofort das Werk Schavans in den Sinn, von dem er sich Unterstützung und Orientierung für jetzt und alle Zukunft erhoffte. Im Buchhandel ist die Studie über Gewissensbildung unerklärlicherweise vergriffen. Im Internethandel kennt sich unser OB nicht aus. Außerdem brauchte er Schavans Buch sofort.

        Also ging er die paar Schritte zur Bibliothek, ließ sich die Dissertation aushändigen, las sie in zwei Tagen begierig, lernte daraus für sein alltägliches politisches Handeln eine Menge und – vergaß das Buch, das nun in seiner Schreibtischschublade liegt, gänzlich.

        Vielleicht war es unserem Oberbürgermeister auch peinlich, das entliehene Buch wieder zurückzugeben, mit all den Rotweinflecken und der Zigarettenasche zwischen den Seiten.

      • Danke, das wäre natürlich eine plausible Erklärung! Allerdings muss das schon Anfang 2011 gewesen sein, weil die Dissertation im April 2011 ja bereits nicht mehr verfügbar war.

        Für mich als Auswärtigen stellt sich da noch eine weitere Frage an die Ulm-Kenner. Oben steht:

        „Doch diesmal stach auch die Karte der “richtigen”, der katholischen Konfession nicht, die bei der Auswahl des Spitzenpersonals in der Südwest-CDU ansonsten so oft eine entscheidende Rolle spielte.“

        Mir war gar nicht bewusst, dass man es nur katholisch in der CDU BW zu etwas bringen kann. Ist das nicht ein konfessionell ebenso gespaltenes Ländle wie die ganze Bundesrepublik (also ein Drittel Katholiken, ein Drittel Protestanten und ein Drittel Ungläubige)? Die südwestdeutschen Protestanten sind meines Wissens doch auch recht strenggläubig – da können die doch auch nicht in die SPD gehen. Oder gilt das nur für Ulm, dass man da in die richtige Messe gehen muss, um gewählt zu werden?

      • Völlig richtig, die Diss war bereits Anfang 2011 verschwunden.

        Heute (Statistisches Jahrbuch 2011) sind von ca. 118.000 Ulmern insgesamt 25,7 % evangelisch. 35,3 % katholisch und 38,9 % anderen Glaubens bzw. ohne Angaben.

        Ob in Ulm die Konfessionszugehörigkeit wichtig bei Wahlen für ein öffentliches Amt ist, kann ich nicht beantworten. Wahrscheinlich ja.

        Bei parteiinternen Nominierungen in der CDU kommt der Konfessionszugehörigkeit eine Bedeutung zu, vermute ich, belegen kann ich es nicht.

        Allerdings wäre es sicher falsch zu sagen, ein katholischen Bewerber hat in der CDU die größere Chance zum Kandidaten nominiert zu werden, so war z.B. Ludwig Erhard evangelisch (MdB 1949-1972), Herbert Werner (MdB 1972-1994) katholisch.

      • In der Stadt Ulm regiert der konfessionsübergreifende Pietkong. Die Stadt selbst ist traditionell streng protestantisch, hat aber heute durch die Eingemeindung der katholischen Orte im Umfeld mehr Katholiken als Protestanten. Dass Ulms ewiger Regent Ivo Gönner Katholik ist, spielt hier eher keine Rolle. Dass er in der SPD ist eigentlich auch nicht …

        Das ist ein Thema für sich, das aber auch im Kapitel „Schavan in Ulm“ eine Rolle spielt. Da müssten wir eigentlich bis zu solchen Gestalten wie Udo Botzenhart zurückgehen, dem Patriarchen von Söflingen, der zwar die FWG anführte, aber Mitte der 1980er Jahre der Ulmer CDU sagte, welchen Kandidaten sie aufzustellen hatte …

        Schavan kam hier 2005 in ähnliche Verhältnisse, wie sie gerade erst in Bietigheim-Bissingen von ihr hinterlassen worden waren. In ihrer Krise 2012/2013 hat sie von dem anhaltend desolaten Zustand der örtlichen CDU zweifellos profitiert. Bei den Leuten, die in dieser Partei noch führend aktiv waren, musste sie in so einer Sache kein eigenes Urteilsvermögen befürchten. Auch auf Kreisebene hatten sich solche Leute wie Eberhard Leibing in Lonsee, der ehemalige Direktor des Stuttgarter Landtags, längst innerlich zurückgezogen.

        Leibing war übrigens einer der wenigen Protestanten unter den baden-württembergischen Spitzenbeamten vergangener Jahrzehnte. Von ihm stammen sehr aufschlussreiche Bemerkungen darüber, wie wichtig es war und ist, katholisch zu sein, wenn man in der Landes-CDU oder unter ihrer Herrschaft etwas werden wollte und will. 2007 sagte Leibing in einem Radiobeitrag über „Die Katholiken und die Macht in Baden-Württemberg“:

        „Der Zeitraum, den ich überschauen kann, das heißt die letzten fünfunddreißig Jahre, da kannte ich alle Amtschefs im Staatsministerium. Die waren ausnahmslos katholisch, beziehungsweise sind katholisch. Da ist nicht ein Evangelischer dabei.“

        Es geht auch nicht nur um ein krasses statistisches Missverhältnis: Katholische Spitzenpolitiker der baden-württembergischen CDU hatten und haben oft ein betont katholisches Profil, während Protestanten wie die Ministerpräsidenten Späth und Oettinger regelmäßig eben gerade nicht als Protestanten hervorgetreten sind.

      • Paradiesgässler

        Ja, da wäre noch allerhand zu sagen zur Vorgeschichte der Regentschaft von Ivo dem Gönner und Genießer. Nach dem Regime des Ernst Ludwig (1984 bis 1992) wollten die Bürger nicht auch noch die Ludwig-Kopie Karl Friedrich Kirchner (ebenfalls CDU). Noch dazu war das kein Schwabe. Da machte dann zum Entsetzen von CDU und FWG der ächte Oberschwabe Gönner (SPD) das Rennen. Acht Jahre später war Frank Ahnefeld der CDU-Kandidat. Aus „guter Familie“ kam er und wurde als die große Hoffnung seiner Partei gehandelt, bis seine krummen Geschäfte und langen Finger sichtbar wurden. Da unterstützten die Freien Wähler längst Gönner. Ahnefeld holte für die CDU nur noch 14% der Stimmen. Inzwischen ist der frühere Politstern mehrfach als gewerbsmäßiger Hochstapler und Betrüger verurteilt. Bei der dann folgenden Wahl 2007 verzichtete die CDU gleich auf einen eigenen Kandidaten. Zwischendurch glaubte sie irgendwann noch mal kurz an den Hoffnungsträger Christoph Botzenhart, der sich aber gleich wieder als Eintagsfliege erwiesen hat. Seither ist es, wie es ist: Ivo Gönner regiert. Der Gemeinderat stört ihn dabei nicht. Die CDU als letzte.

  2. Respekt!

    Bestens informiert, mit interessantem Insiderwissen über die politischen Verhältnisse in der Ulmer CDU und der CDU im Alb-Donau-Kreis, in einer verständlichen, detailreichen und akribischen Darstellung – das lässt selbst uns vom DF-Stammtisch (kurz) verstummen.

    Außerdem fühlen wir uns geehrt durch das ausführliche Zitieren des Berichtes über unseren Dissertationsdisput. Dafür bedanken wir uns ganz herzlich.

  3. Allen, die danach dürsten, ein Originalexemplar [der Doktorarbeit von A. Schavan] zu erjagen (und schon bald ist ja auch Weihnachten!), sei die frohe Kunde nicht verborgen: Es gibt sie noch, die *hust* günstigen Gelegenheiten … einfach mal bei justbooks.de schauen und das Rennen beim dort vermerkten Berliner Anbieter gleich zweier Exemplare machen (und, ähm, nein, der bin ich nicht) …

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