Annette Schavan ist wieder da: Fallende Promotionspreise an der Universität Ulm

Weiter so, Bildungsrepublik Deutschland! Am heutigen 19. Juli 2013 wird wieder ein großer Schritt getan auf dem Weg zur Vollsatire. Die Halbuniversität Ulm begeht heute ihren 46. Jahrestag. Der Festakt beginnt mit einer Begrüßung durch den Präsidenten der Universität. Sodann wird sich ein Grußwort von „Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Annette Schavan, Mitglied des Deutschen Bundestages“ über die Festgemeinde ergießen. Im unmittelbaren Anschluss an das Pastoralwort der Ex-Bildungsministerin, der die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf den „Dr. phil.“ wegen ihrer plagiierten Doktorarbeit entzogen hat, werden die Promotionspreise der Ulmer Universitätsgesellschaft verliehen.  [1]

Glücklicherweise gibt es in dieser Bildungsrepublik ausgedehnte Reservate bildungsbürgerlich-akademischer Wohlanständigkeit mit Kernzonen der garantierten Spottfreiheit, in denen sich die Ex-Ministerin weiterhin ungestört simulierend fortbewegen kann. Die Gefahr, dass etwa der Name „Heinrich Heine“ jemals erwähnt würde, besteht in diesen Gefilden nicht. So konnte Schavan am 6. Juli in der Stadthalle zu Neuss am Rhein vor 900 Gästen den Abiturienten ihrer alten Schule allen Ernstes als offizielle Festrednerin zum bestandenen Abschluss gratulieren. „Selbstsicher und entschlossen“ habe die Politikerin die Schulabgänger des Doppeljahrgangs auf ihre wichtige Rolle in der Gesellschaft aufmerksam gemacht, wusste das Lokalblatt zu berichten, und zitierte:

„In den nächsten Jahren müssen sich die Abiturienten ungewohnt stark für das innere Wachstum in der EU engagieren.“ [2]

Ja, dann engagiert Euch mal für das innere Wachstum in der EU, liebe Abiturientinnen und Abiturienten des Nelly-Sachs-Gymnasiums. Engagiert Euch ungewohnt stark dafür. Und wenn Ihr wissen wollt, was man sonst noch so anstellen kann, wenn man erst mal das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in der Tasche hat:

„Mit dem Kampf für die gymnasiale Bildung startete auch meine politische Karriere – wenn auch zunächst nur auf kommunaler Ebene“, [2]

erzählte das Vorbild den hoffnungsvollen jungen Menschen. Begleitet war dieser Kampf für die gymnasiale Bildung bekanntlich vom Ringen um die persönliche Gewissensbildung in der Promotionsphase, woraufhin sich die politische Karriere auf höherer Ebene fortsetzen ließ. Im Übrigen ist an dieser Stelle zu vermerken, dass ihr „der Doktortitel bis heute nicht aberkannt wurde“ [2]. Jedenfalls von niemandem, den man in der Stadthalle zu Neuss oder in den Redaktionsstuben der Neuss-Grevenbroicher Zeitung zur Kenntnis nehmen müsste.

Und nun also Ulm. Die dortige Halbuniversität, 1967 als „Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule“ begründet, weiß sich frei von allem überflüssigen Ballast, wie ihn die sogenannten Vollunis so mitschleppen. Den Visionen des Wissenschaftsrats ist sie schon längst vorausgeeilt und hat sich selbst ein klares Profil und eindeutige Ziele verpasst: Nur Nützliches geschieht hier, und nützlich ist vor allem, was dem Wirtschaftsstandort Ulm und der Industrie in der Region frommt. Gern nennt sich Ulm deshalb eine „Wissenschaftsstadt“, und tatsächlich hat die Universität seit mehr als einem Vierteljahrhundert ganz erheblich zu einem erfolgreichen Strukturwandel und zur wirtschaftlichen Prosperität dieser Stadt und ihres Umlands beigetragen. [3] Dass sie das tun konnte, dass die anwendungsorientierten Forschungsinitiativen und -verbünde sprießen und dank reichlich fließender Geldmittel üppig gedeihen konnten, das wiederum war in den letzten Jahren in nicht ganz unerheblichem Maß auch darauf zurückzuführen, dass der langjährigen baden-württembergischen Kultusministerin und späteren Bundesministerin Schavan das Wachsen und Blühen ihres Wahlkreises Ulm/Alb-Donau recht sehr am Herzen lag – zumal sich dieses Wachsen und Blühen jederzeit sichtbar auf das segensreiche Wirken der Wissenschaftsgärtnerin zurückführen ließ. Sie habe „überaus viel für den Wissenschaftsstandort Ulm getan“, erklärte der örtliche CDU-Fraktionschef Thomas Kienle nach dem Rücktritt der Ministerin, und der Vorsitzende des CDU-Kreisverbands, Paul Glökler, hoffte: „Bei den Beziehungen und Netzwerken, die die Frau hat, unabhängig vom Ministeramt, ist sie für uns immer noch Gold wert.“ [4] An ihrer Wiederwahl als Bundestagsabgeordnete wird in Ulm, auf der Alb und an der Donau jedenfalls kaum gezweifelt.

Das Schavansche System der wissenschaftlich-wirtschaftlich-politischen Zugewinngemeinschaft auf Gegenseitigkeit ließ sich noch auf der letzten Auslandsreise der Ministerin besichtigen: Zum südafrikanischen Reisetross gehörten nicht nur Wissenschaftsfunktionäre wie Jan-Hendrik Olbertz und Helmut Schwarz, sondern auch der Präsident der Industrie- und Handelskammer Ulm, Peter Kulitz.

Hans Wolff, Altrektor der Universität Ulm (links), Annette Schavan und Universitätspräsident Karl Joachim Ebeling bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Kairo, 1. März 2009

Reisen durfte auch der Präsident der Ulmer Universität, Karl Joachim Ebeling. Nach Kairo etwa, wo Schavan am 1. März 2009 die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Ebeling wohnte der Weihestunde am Nil als persönlicher Gast der Ministerin bei. Die Ehrung, die Schavan als erster Frau in der hundertjährigen Geschichte der Universität Kairo widerfuhr, erfolgte in Anerkennung ihrer Verdienste um die deutsch-ägyptische Wissenschaftskooperation. Hier spielt wiederum die Universität Ulm eine besondere Rolle: Unter der Schirmherrschaft des Wissenschaftsministeriums des Landes Baden-Württemberg und unter maßgeblicher Beteiligung der Universität Ulm wurde 2002 die German University in Cairo ins Leben gerufen. Heute ist die GUC mit etwa 10.000 Studierenden die größte deutsche Auslandsuniversität. Nur nebenbei sei hier bemerkt, dass dieses Vorzeigeprojekt in der Zeit des politischen Umbruchs in Ägypten durch allerlei Übelstände ins Gerede gekommen ist [5] und dass in seinem Kuratorium mit dem autokratischen, zu prunkvoller Selbstausstattung neigenden Vorsitzenden Ashraf Mansour sowie mit Mahmoud Hamdi Zaqzouq und Ibrahim el-Dimeery auch heute noch Gestalten des Mubarak-Regimes den Ton angeben. [6]

Als im Juli 2012 in einem Festakt an der Universität Ulm das zehnjährige Bestehen der GUC gefeiert wurde, war die Stimmung freilich ungetrübt. [7] So leicht wird man sich die ägyptische Erfolgsgeschichte nicht schlechtreden lassen, und auch nicht den GUC-Gründer Mansour, der immerhin in Ulm promoviert, habilitiert und schließlich zum Ehrensenator ernannt worden ist. Und auch auf die frühere Ministerin lässt Karl Joachim Ebeling nichts kommen. Nachdem ihr in Düsseldorf der Doktorgrad aberkannt wurde, erklärte der Ulmer Universitätspräsident, „das ganze“ sei „ein Armutszeugnis für die Düsseldorfer Fakultät“. [8]

Für die Ulmer Universität dagegen wird ein Armutszeugnis bis auf weiteres wohl nicht auszustellen sein. In der Wissenschaftsstadt und an ihrer Hochschule atmet alles behäbigen Wohlstand. Und Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Annette Schavan ist gewiss eine würdige Rednerin, wenn es gilt, an dieser Stätte des reinen wissenschaftlichen Strebens ein Grußwort zu sprechen. Bevor dann die Promotionspreise fallen.

Man darf mit Zuversicht davon ausgehen, dass bei dieser Gelegenheit im Saale weder ein verlegenes Hüsteln noch gar ungezogenes Lachen zu hören sein wird.

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5 Antworten zu “Annette Schavan ist wieder da: Fallende Promotionspreise an der Universität Ulm

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  2. Einen netten Nachtrag liefert heute die SWP, nachdem die Blase Ulmer Klinikum katastrophal geplatzt ist und der leitende Direktor Prof. Marre seinen Hut nehmen musste: „Wie hatte die Ulmer CDU-Abgeordnete und frühere Bundesforschungsministerin Annette Schavan vor einer Woche beim Jahrestag der Universität Ulm noch getönt?“ Hier lesen.

  3. „Als persönlicher Gast der Ministerin“: Ist Herr Ebeling etwa auf Kosten von Frau Schavan nach Kairo geflogen? Darf er sowas überhaupt annehmen?

  4. Sehr geehrte Frau G.,

    meine Zuschrift hat zwar keinen unmittelbaren Bezug zu Ihrem Artikel, aber vielleicht möchten Sie ja in einem Ihrer nächsten Beiträge erwähnen, daß unsere geschätzte Honorarprofessorin sich anschickt, im kommenden Wintersemester die Studierenden an der FU zu belehren:

    http://www.fu-berlin.de/vv/de/lv/121489

    Mit freundlichen Grüßen
    Yolanda

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