Präsident und Nichtwissen. Teil 1: Lenzen oder die Peinlichkeit des zivilisierten Menschen

Es war ein feierlicher Moment: Am 16. Februar 2009 wurde der damaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, durch den damaligen Präsidenten der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, die Urkunde über ihre Ernennung zur Honorarprofessorin im Fach Katholische Theologie überreicht. Stolz war die Ausgezeichnete und ließ den Professorentitel sogleich auf die Internetseite ihres Ministeriums setzen. Stolz war auch die Universität, die sich mit solcher Prominenz schmücken durfte.

Heute redet man in Präsidium und Akademischem Senat der FU Berlin von diesem Mitglied der eigenen Alma Mater nur noch ungern und möglichst hinter vorgehaltener Hand. Zuletzt stand die leidige Angelegenheit „Honorarprofessur am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften“ am 10. April 2013 auf der Tagesordnung des Akademischen Senats. Im nichtöffentlichen Teil der Sitzung, und lediglich als „Besprechungspunkt“, also ohne die Möglichkeit einer Beschlussfassung. Dabei erscheint der Ausgang der Sache letztlich so unausweichlich, ja geradezu vorbestimmt wie in einem antiken Trauerspiel. So muss ein Dieter Lenzen kein Literaturwissenschaftler sein, um den Fall der von ihm honorarprofessierten Annette Schavan mittlerweile „wie eine griechische Tragödie“ zu sehen. [1] Auch die massiven Hilfeleistungen im Angesicht des drohenden Konkurses wecken ja genügend griechische Assoziationen.

Just zu der Zeit, als Bundesministerin Dr. Annette Schavan von FU-Präsident Lenzen zur Professorin ernannt wurde, ging es dem Hamburger Rechtsanwalt Arne Heller gerade nicht so gut. Im Januar 2009 war sein Streben nach höheren und womöglich karrierefördernden akademischen Weihen auf üble Widerstände gestoßen. Promoviert war Heller bereits seit etlichen Jahren. Nun hatte er der Fakultät für Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg seine Habilitationsschrift vorgelegt, doch der zuständige Ausschuss wies sein Werk als unzureichend zurück. Der Kandidat mochte jedoch nicht aufgeben. Es wurde ihm zugestanden, eine gründliche Überarbeitung seiner Schrift vorzunehmen und erneut anzutreten.

Im Frühjahr 2010 war es so weit: Heller legte eine neue Habilitationsschrift vor. Doch das Verfahren, an dessen Ende Heller vom schlichten Doktor zum Privatdozenten zu werden hoffte, verlief trotz positiver Begutachtung auch im zweiten Anlauf unerfreulich: Unter allerlei staunenswerten Merkwürdigkeiten schleppte es sich mehr als ein Jahr lang dahin. Dann, in der Sitzung vom 8. Juni 2011, tauchte im Habilitationsausschuss die Erinnerung an einen alten Vorwurf wieder auf – einen Vorwurf, der schon im ersten Anlauf des Verfahrens im Raum gestanden hatte, dem man aber seltsamerweise nicht nachgegangen war: Die 1998 vorgelegte Doktorarbeit des Kandidaten enthalte Plagiate.

Nun wurde das Habilitationsverfahren ausgesetzt, der Promotionsausschuss mit der Überprüfung des Plagiatsverdachts beauftragt. Doch dabei blieb es nicht. Anfang August 2011 erschien im Forum der Internet-Plattform VroniPlag Wiki ein Beitrag mit dem Titel „Der universitäre Sumpf“, der in einiger Detailliertheit über die Vorgänge berichtete – mit Einzelheiten, die nur den Mitgliedern des Habilitationsausschusses bekannt gewesen sein konnten.

Über die Foren-Seite bei VroniPlag Wiki fand die Causa Heller bald ihren Weg in die ZEIT und damit in eine breite Öffentlichkeit. Obwohl es nicht nur um den Plagiatsverdacht ging, sondern auch um den Vorwurf der Bestechung und der Vorteilsnahme, schien dieser Bruch der Vertraulichkeit die Verantwortlichen der Universität Hamburg nicht allzu sehr zu bekümmern. Der Dekan der Fakultät lehnte es gegenüber den Anwälten Hellers noch am 22. November ausdrücklich ab, eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft zu stellen. Erst am 14. Dezember 2011 bequemte sich dann der Präsident der Universität zu einer Strafanzeige „gegen unbekannt wegen des Verdachts der Weitergabe vertraulicher Informationen an Dritte“. [2]

Präsident der Universität Hamburg ist seit März 2010 unser alter Berliner Bekannter: Dieter Lenzen. Die Frage, warum auf die Verletzung der Vertraulichkeit erst nach vier Monaten eine Strafanzeige erfolgte, mochte Lenzen nicht beantworten. Und noch im Oktober 2012 ließ er zur Causa Arne Heller lediglich mitteilen: „Zu laufenden Verfahren nimmt die Universität Hamburg nicht Stellung.“ [2]

Wenn es sich um laufende Verfahren anderer Universitäten handelt, sieht sich Dieter Lenzen allerdings zu Stellungnahmen durchaus in der Lage. In der Causa Schavan stand er im Januar 2013 in Radio und Printmedien gerne Rede und Antwort. Die Uni Düsseldorf stehe „dumm da“, weil mit dem Rohrbacher-Gutachten „ein Zwischenstand nach außen gedrungen ist, der eigentlich nur den Titelentzug zur Folge haben kann“, las man in der WELT:

Auf diese Peinlichkeit weist der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen mit deutlichen Worten hin: Die Debatte ziele am Wesentlichen vorbei, wenn sie sich nur mit der Dissertation oder der Rechtsförmigkeit des Verfahrens beschäftige, sagte Lenzen der „Welt am Sonntag“. Im Kern gehe es doch um folgende Frage: „Wird mit dem Menschen Annette Schavan moralisch und fair umgegangen, wenn ein sie belastendes Gutachten veruntreut wird und sie nicht die Chance einer Anhörung erhält? Die Antwort auf diese Frage wird bei jedem zivilisierten Menschen gleich ausfallen.“ [3]

Damit hat Dieter Lenzen so nebenher deutlich gemacht, dass die Düsseldorfer Kollegen dem Kreis der zivilisierten Menschen wohl nicht mehr zuzurechnen sind. Ja, da sind deutliche Worte durchaus angebracht. Und wir wollen hier nun auch wahrhaftig nicht am Wesentlichen der Debatte vorbeizielen und etwa darauf herumreiten, dass der Mensch Annette Schavan sehr wohl die Chance einer Anhörung erhalten hat. Denn im gerechten Zorn angesichts solchen Mangels an Moral und Fairness kann dem zivilisierten Menschen schon mal die eine oder andere haltlose Behauptung unterlaufen.

Nur gut, dass Tragödienkenner Lenzen zu unterscheiden weiß zwischen 1.) dem Wesentlichen einer Debatte und 2.) einer unwesentlichen Debatte. Denn einem Universitätspräsidenten von wesentlicher Bedeutung sollte es nur bei einer wesentlichen Debatte auch um das Wesentliche der Debatte gehen. Bei einer unwesentlichen Debatte dagegen können ihm deren Peinlichkeiten, Kerne und Zivilisationskoeffizienten herzlich gleichgültig sein.

Und es ist ja klar, in welche Kategorie eine Debatte um die durch Dieter Lenzen zur Honorarprofessorin gewordene Bundesministerin Schavan gerechnet werden musste. Dem Menschen Arne Heller aber können wir als Rat und Mahnung nur mit auf den Weg geben: Mensch, werde wesentlich!

Fortsetzung

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2 Antworten zu “Präsident und Nichtwissen. Teil 1: Lenzen oder die Peinlichkeit des zivilisierten Menschen

  1. Pingback: Nichts Neues von Schavan? Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Honorarprofessuren | Erbloggtes

  2. Über die Plagiatsdebatte mag sich Dieter Lenzen nun nicht mehr geäussert haben. Diese Erfahrung musste Planet Interview jetzt machen …

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