Kleinfundstück des Tages: Weiche Welle (deutsche Version)

Man kann’s für eine Petitesse halten, und unmittelbar aktuelle Bedeutung hat unser Zufallsfundstückchen heute auch schon längst nicht mehr. Man kann es aber auch bezeichnend finden für allerlei Zustände über den aktuellen Zusammenhang hinaus. Wobei sich nebenher der Eindruck einstellt, dass es nicht zuletzt Journalisten sein könnten, die an solchen Zuständen leiden und deswegen Zustände kriegen.

Am 9. Februar 2013, nachdem Annette Schavan ihren Rücktritt erklärt hatte, brachte die Deutsche Welle einen Kommentar von Bettina Marx. In schonungsloser Deutlichkeit führte sie aus, dass der Ministerin am Ende nichts geholfen habe: „Weder die Freundschaft zu Bundeskanzlerin Angela Merkel, noch die Sympathiebekundungen des SPD-Vorsitzenden, noch die Unterstützung aus weiten Kreisen des konservativen Bildungssystems.“ [1] Denn:

Die Bundesrepublik Deutschland ist nun mal keine Bananenrepublik, wissenschaftliche Standards gelten für alle, auch für junge Studentinnen, die den Ehrgeiz haben, schon mit 24 Jahren und mit einer thematisch viel zu umfangreichen Arbeit zu promovieren. Eine Wissenschaftsministerin, die sich mit ihrer Hochschule im Streit befindet und die gegen die Entscheidung ihrer Professoren klagt, die kann nicht glaubwürdig die Freiheit der Wissenschaften vertreten. [1]

Diesen Kommentar durften die Hörer und Leser der Deutschen Welle in jenen Tagen, als nahezu unisono Bekundungen des Respekts und des Bedauerns für die Zurückgetretene erklangen, schon für ungewöhnlich harsch halten. Jedenfalls solange sie nur die deutsche Deutsche Welle hörten und lasen. Denn die deutsche Deutsche Welle weiß natürlich um die besonderen Befindlichkeiten ihrer Hörer- und Leserschaft. Und zugleich weiß die deutsche Deutsche Welle, was hierzulande noch geht und was hierzulande nicht mehr geht. Also bewahrt sie ihren Hörer und Leser davor, dass ihm vom spitzen Kopf der Hut fliegt, und sich selbst bewahrt sie davor, dass ihr die Sache um die Ohren fliegt.

Bettina Marx hatte nämlich noch einen weiteren, schlagenden Grund gesehen, aus dem Annette Schavan nicht mehr glaubwürdig die Freiheit der Wissenschaften vertreten konnte. Das allerdings bekamen die Hörer und Leser der deutschen Deutschen Welle nicht zu hören und zu lesen. Dieser brisanteste Halbsatz wurde gestrichen. In der Redaktion der nichtdeutschen Deutschen Welle dagegen sah man für einen solchen Eingriff bezeichnenderweise keinen Anlass. Und so erfahren wir dank mangelhafter Abstimmung zwischen den beiden Redaktionen dann doch noch, wie Bettina Marx das Verhalten der bisherigen Wissenschaftsministerin in Wahrheit kommentiert hat. In der englischen Fassung ihres Beitrags heißt es nämlich:

The Federal Republic of Germany is not a banana republic. Education standards apply to everyone, including young students who are ambitious enough to attempt a doctoral thesis on an overly complex topic at the age of 24. An education minister who is at odds with her university, who contests her professors‘ decision and who mobilizes the research establishment for private reasons cannot credibly represent educational freedom. [2]

Daran, dass Annette Schavan das Wissenschaftsestablishment für ihre persönlichen Zwecke mobilisiert, den Wissenschaftsbetrieb also für sich persönlich instrumentalisiert und so ihr Amt massiv missbraucht hat, kann in der Tat kaum noch ein ernsthafter Zweifel bestehen. [3, 4, 5, 6] Kein anderer Aspekt der Causa Schavan muss für den mündigen Bürger von so entscheidendem Interesse sein wie gerade dieser – ganz gleich, ob man sich ansonsten für Zitate, Plagiate, Doktorate und Dekanate interessiert oder nicht.

Doch warum soll sich der mündige Bürger dafür interessieren, wie mit Ämtern, mit Verantwortung und Macht umgegangen wird, wenn sich schon die Qualitätsmedien kaum mit dieser Frage befassen mögen? Bei der deutschen Deutschen Welle gab es da wenigstens einen Halbsatz zu streichen. Woanders wurden solche Halbsätze offenbar gar nicht erst geschrieben.

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