Ausgezeichnet: Blauer Engel für Philologenverband

professorunratNachdem die Universität Düsseldorf  Annette Schavan am 5. Februar den Doktortitel aberkannt hatte, regte sich erneut heftige Kritik. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, war schon zuvor als wortgewaltiger und selbstloser Verteidiger Schavans aufgefallen. Nun meldete er sich aus Südafrika zu Wort, wo er mit anderen Wissenschaftsbetriebsspitzen gerade den üblichen Reisetross der Ministerin bildete. Olbertz meinte, die Düsseldorfer Entscheidung sei „vom Verfahren her“ anzuzweifeln: „Die Bewertung der fraglichen Textpassagen hatte nicht die nötige Tiefe“. [1] Diese Bewertung des fraglichen Verfahrens schien uns vom Kap der Guten Hoffnung her allerdings nicht die nötige Tiefe zu haben. Sie war zudem deutlich weniger originell als das, was Reisebegleiter Helmut Schwarz zuwege brachte: Der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, der wie Olbertz zu den streitbarsten Mitgliedern der wissenschaftlichen Sauberkeitsstandarten-Allianz (SAUSTALL) zählt, sah den Makel des Plagiats durch das Primat der Politik erledigt. „Eine Ministerin muss man nach ihrer Kompetenz und Leistung beurteilen. In dieser Hinsicht gibt es keinen Grund zum Rücktritt“, [1] urteilte Schwarz. In dieser Hinsicht gab es vermutlich auch gar keinen Grund für ein Plagiatsverfahren.

Soweit die Stimmen vom Kap. In der Heimat zeigte sich George Turner, ehemals Berliner Wissenschaftssenator, von der Düsseldorfer Entscheidung „verblüfft“. Nach seiner Überzeugung hätte die Universität unbedingt weitere Gutachten einholen müssen, um „sich selbst als untadelig und als unvoreingenommen gegenüber Frau Schavan darzustellen“ [2]. Nur wenn auf diese Weise der im Rohrbacher-Gutachten erhobene Vorwurf der Täuschungsabsicht bestätigt worden wäre, „hätte die Universität fleckenlos dagestanden. Nun aber lenkt sie alle Speere auf sich.“ [2] Diese Metapher ist nicht ganz uninteressant, lenkt sie doch unsere Gedanken zunächst auf das Schicksal des Heiligen Sebastian und dann auf jenen gleichnamigen Turner-Sohnemann und seine engen politischen und geschäftlichen Verquickungen mit der bisherigen Ministerin.

Und Volker Kauder konnte natürlich zu diesem Verfahren und seinem für Schavan katastrophalen Ergebnis nicht schweigen. Zu sagen wusste er jedoch auch nichts, und so verfiel der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Bundestag wenigstens auf die Möglichkeit irgendwie vielsagender Körpersprache: „Als Jurist schüttle ich bei einem solchen Verfahren nur den Kopf“ [3]. Über Schavans Zukunft als Bildungsministerin wollte er sich nicht äußern. Dieses Großereignis versah die Redaktion der WELT mit der Überschrift

Uni Düsseldorf in der Kritik
Kauder: Kopfschütteln über Schavan-Verfahren

und machte daraus einen ganzen Artikel.

Das Kopfschütteln des Rechtsgelehrten Volker Kauder war nicht das einzige Großereignis der Tage nach der Aberkennung des Doktorgrades. Unvermittelt betrat auch eine Vereinigung von Wissenschaftlern den Schauplatz, die bis dahin in der Sache noch nicht hervorgetreten war: „Vertreter der Wissenschaft rügen Entzug von Schavans Doktortitel“, war etwa in der WAZ zu lesen. Das Schwäbische Tagblatt wusste die Situation in ihrer ganzen Tragweite da schon eher richtig einzuschätzen, titelte „Fall Schavan spaltet die Wissenschaft“ und ließ sodann „führende Wissenschaftsvertreter“ mit ihren schweren Vorwürfen gegen die Düsseldorfer Universität zu Wort kommen. Der Vertreter dieser führenden Vertreter der Wissenschaft, Heinz-Peter Meidinger, fand in der Tat überaus deutliche Worte. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes stellte fest, dass bei dem Überprüfungsverfahren der Universität Düsseldorf

unentschuldbare, ja katastrophale Fehler gemacht wurden. Dazu zählt, dass weder die Vertraulichkeit gewahrt wurde, noch externe Gutachter zugezogen wurden, noch die Verantwortlichkeit der Universität selbst für Themenstellung und Begutachtung der Arbeit auch nur ansatzweise erörtert und öffentlich zugegeben wurde [4],

und kam dann recht umstandslos zu sehr weitreichenden Forderungen:

Es ist höchste Zeit, dass die Überprüfung von Examen und Promotionen den einzelnen Universitäten entzogen und an ein zentrales und unabhängiges Gremium delegiert wird. Nur so kann verhindert werden, dass Verfahrensfehler, diffuse und auseinanderdriftende Bewertungsmaßstäbe und politische Einflussnahmen die Objektivität des Überprüfungsverfahrens gefährden […] [4].

Doch nicht nur solchen Gefährdungen galt es zu entgehen. Die Behandlung von Plagiatsverdachtsfällen durch die Universitäten verbiete sich grundsätzlich. Meidinger

erinnerte daran, dass die jeweilige Universität immer befangen sei, da es in jedem Einzelfall auch um das mögliche Versagen der für Examen und Promotionen zuständigen Gremien gehe. [4]

Diese doch recht freizügige Definition von Befangenheit offenbart ein erfrischend unkonventionelles Rechtsverständnis. Umso lebhafter ist es zu bedauern, dass die Kritik und die Forderungen des Vertreters führender Wissenschaftsvertreter bei den Universitäten wohl kaum positive Aufnahme finden werden. Das ist natürlich purer Standesdünkel. Denn der Deutsche Philologenverband, dem zu präsidieren der Deggendorfer Gymnasialdirektor Meidinger die Ehre hat, ist ein Verein honoriger Oberlehrer, wie sie an Gymnasien und anderen weiterführenden Schulen allerlei Sprachen unterrichten. Falls Professoren unter ihnen zu finden sein sollten, wird es sich also allenfalls um Kollegen von weiland Professor Unrat handeln. Nach eigener Auskunft vertritt der Verein „die bildungs- und berufspolitischen Interessen seiner Mitglieder“.

Es soll keiner sagen, dass man nicht auch als Gymnasiallehrer in Deggendorf jede Menge Phantasie haben kann.

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Eine Antwort zu “Ausgezeichnet: Blauer Engel für Philologenverband

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