Schavan: Wie sie zitieren musste – warum sie zittern muss

Gar manch hübsches Märlein und manch possierliche Schnurre haben sie uns erzählt aus grauer Urväter-Zeit, da in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen noch alles mögliche herrschte, nur eben keine Disziplin. Und das galt, so kündeten sie wie aus einem Munde, zumal in der Erziehungswissenschaft, dem Promotionsfach der Ministerin. Gebannt saßen wir zu ihren Füßen im Scheine der blakenden Funzel, lauschten staunend und ehrfurchtsvoll, wie sie von Frau Gattung, dem Hasen und der Typik und von den siebenhundertfünfunddreißig tapferen Zitierfehlerlein fabulierten. Keiner wagte es, sich zu rühren. Nur Heike zupfte manchmal versonnen am Spinnrocken.

Heute ist die Spinnstube verwaist, und Heike dreht am Rad. Dietrich Benner, Heinz-Elmar Tenorth und Ludger Honnefelder sind unerwartet unpässlich, und Wolfgang Frühwald, Käpt’n Blaubär oder irgend ein anderer Bevollmächtigter der wissenschaftlichen Sauberkeitsstandarten-Allianz (SAUSTALL) war wohl so kurzfristig nicht verfügbar. Das haben ein paar dahergelaufene, nichtswürdige Wichte ausgenutzt, um flugs ihre Ungezogenheiten unter das Volk zu bringen. Und die Journaille ist sich nicht zu schade, das auch noch zu verbreiten.

absatz

Der Berliner „Tagesspiegel“ hat von einigen Erziehungswissenschaftlern wissen wollen, ob die Zitierstandards in ihrem Fach damals tatsächlich so anders und besonders gewesen sind, wie es Benner, Tenorth und andere Verteidiger der Ministerin behaupten. Die Antworten fielen (überraschend?) deutlich aus.

„Das ist völlig absurd“, meint etwa Hans Brügelmann, der 1980 – im Jahr der Dissertation der Annette Schavan – als Professor für Grundschulpädagogik an die Universität Bremen berufen worden ist und später an der Universität Siegen lehrte:

Die Zitierregeln in der Erziehungswissenschaft waren damals die gleichen wie heute auch und nicht anders als in anderen Fächern […]. Darum braucht man auch keine Erziehungswissenschaftler, um zu beurteilen, ob die Zitierregeln in einer Dissertation von 1980 eingehalten wurden oder nicht. Wie zitiert wurde, hing damals auch nicht vom Gattungstyp einer Dissertation ab, also davon, ob es eine empirische oder eine literaturbasierte Arbeit war. Die Regeln galten immer. Auch wenn es häufig passiert, dass jemand ein paar Mal beim Zitieren schludert. [1]

Klaus-Jürgen Tillmann, der von 1979 bis 1991 an der Universität Hamburg und von 1992 bis zu seiner Emeritierung in Bielefeld eine Professur für Pädagogik innehatte, weist auch das Argument zurück, die Eigenheiten der Doktorarbeit oder eine laxe Kontrolle und Beurteilung könnten auf die Ursprünge der Düsseldorfer Erziehungswissenschaft in der Pädagogischen Hochschule Neuss zurückzuführen sein:

Auch in den siebziger Jahren war es selbstverständlich und nicht strittig, dass die Texte anderer Leute adäquat bearbeitet und angegeben werden mussten. Wer Interpretationen aus der Sekundärliteratur referierte, musste diese Sekundärliteratur auch angeben. […] Das Argument, PH-Professoren könnten mit universitären Standards nicht vertraut gewesen sein, halte ich nicht nur deshalb für wenig stichhaltig. Die Professoren, die damals an den PHs lehrten, hatten doch auch alle selber an einer Universität studiert.  [1]

Renate Valtin, von 1975 bis 2006 als Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule, der Freien Universität und der Humboldt-Universität in Berlin tätig, äußert sich

entsetzt, dass die wissenschaftlichen Standards meines Faches so gering eingeschätzt werden. Ich habe meine Dissertation 1968 an der Universität Hamburg bei den Erziehungswissenschaftlern eingereicht – und schon damals galten die Gesetze des Zitierens. Das haben wir schon in den Proseminaren gelernt. [1]

Michael Winkler, Leiter des Instituts für Bildung und Kultur an der Universität Jena, hat seine Doktorarbeit im Fach Pädagogik 1979 vorgelegt und

kann darum in aller Deutlichkeit versichern, dass zu diesem Zeitpunkt in der wissenschaftlichen Pädagogik selbstverständlich die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens in aller Strenge gegolten haben; es gab keine Unterschiede zu anderen Fächern. […] Wer sagt, dass bei Doktorarbeiten in der Erziehungswissenschaft aus den siebziger Jahren nachlässig mit den Standards wissenschaftlichen Arbeitens umgegangen worden ist, begeht Rufmord an dem Fach. Das ist ungehörig und unanständig – und: Es ist schlicht falsch. [1]

Nach all dem ist durchaus zu befürchten, dass die Unpässlichkeit der Herren Benner, Tenorth und Honnefelder noch eine Weile anhält.

absatz

Können die empört klingenden Äußerungen altgedienter Vertreter des Fachs überraschen? Hat wirklich irgend jemand ernsthaft glauben können, dass die Erziehungswissenschaft zu Zeiten der Doktorandin Schavan eine Art Notstandsgebiet eigenen akademischen Rechts gewesen sei? Ein Spielparadies der unbekümmerten Regellosigkeit auf Treu und Glauben?

Vielleicht musste dieses Garn ja gerade deshalb, weil es so erkennbar dünn war, dann auch noch in einen größeren wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang eingewoben werden. Michael Stürmer war zuverlässig zur Stelle, um uns zu erklären, dass letzten Endes „die Irrungen und Wirrungen des Jahres 1968“ ursächlich seien für das Missgeschick der jungen Studentin und Doktorandin. Damals sei die Hochschullandschaft in eine wahrhaft schwindelerregende Bewegung geraten:

Es traf, im Guten wie im Bösen, vor allem die pädagogischen Hochschulen, wo seit langem brave Aufsteiger zu Volksschullehrern – mehrheitlich vor allem Lehrerinnen – ausgebildet wurden. […] Die Pädagogen erlebten eine wundersame Anhebung ihres Status. Waren die meisten Hochschullehrer an pädagogischen Hochschulen bis dato hauptsächlich aufgrund ihrer besonderen pädagogischen Fähigkeiten praxisnah berufen worden, so wurde jetzt alles wie durch Handauflegen akademisiert. Hatten die PHs bis dahin ziemlich folgenlos über Gott und die Welt räsonieren können, so wuchs nunmehr die Versuchung, nach höher hängenden akademischen Früchten zu greifen. [2]

Und so wurde „die damals 23-jährige Studentin […] mit einem Megathema auf den Weg geschickt, das kein vernünftiger Doktorvater einer Novizin jemals hätte anvertrauen dürfen.“[2]

Natürlich ist Stürmers Kritik nicht völlig von der Hand zu weisen. Das Thema der Doktorarbeit ist wahrhaftig von konturloser Großartigkeit – aber dass dies nun sehr viel mit den „Irrungen und Wirrungen des Jahres 1968“ zu tun hat oder unmittelbar auf den Zustand der Pädagogik in dieser Zeit verweist, wäre erst noch zu zeigen. Die Kandidatin hat jedenfalls seither immer vorzugsweise in genau dieser Art geistiger Münze gezahlt und tut das bis heute: Kein Thema war ihr je zu groß.

Auf den schlichten Nenner „Die Uni ist schuld“ bringt es dann George Turner, der es tatsächlich für den einzigen Fehler der Doktorandin halten will, „dass sie Annette Schavan heißt und Bundesbildungsministerin ist.“[3] Sehe man es kritisch,

dann wird in Düsseldorf der Geburtsfehler der Wissenschaftsaufblähung in den sechziger und siebziger Jahren einer Mittzwanzigerin in die Schuhe geschoben. [3]

Diese Aufblähung des früheren Berliner Wissenschaftssenators setzt sich dann auch sogleich an anderer Stelle fort – nämlich als Forderung, den Fall Schavan zu entpolitisieren. Wie das geht, führt Turner erst einmal vor, indem er die Äußerungen des Deutschen Hochschulverbandes als „gewerkschaftliche Reflexe“ abtut. Da Düsseldorf die Ministerin nach seiner Einsicht aber nur deshalb verfolgt, weil sie „Annette Schavan heißt und Bundesbildungsministerin ist“, wird man bei ordentlicher Entpolitisierung wohl nicht umhin können, der Universität das Verfahren zu entziehen. Wenn wir Glück haben, steht Sohn Sebastian Turner als Vorsitzender der zu schaffenden unabhängigen Entscheidungsinstanz zur Verfügung.

absatz

Das universitäre Fach Pädagogik der 1970er war wohl doch etwas mehr als nur eine Flatulenz der Wissenschaft. Und es galten sogar Zitierregeln, dieselben nämlich, wie in anderen Fächern auch. Selbstverständlich.

Es ist das ganz besondere Pech solcher Geschichtenerzähler wie Benner und Tenorth, dass sich dieser naheliegende Umstand nun ausgerechnet am Beispiel der Düsseldorfer Erziehungswissenschaft genau nachweisen lässt. Zitieren wir einfach aus einem Leitfaden für die Anfertigung von Seminararbeiten, der dort 1978 bereits in 8. Auflage den Studierenden bereit gestellt wurde. Mitherausgeber der Reihe „Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft“, als deren erster Band der Leitfaden damals gedruckt wurde, war übrigens Schavans Doktorvater Gerhard Wehle.

1. Zitierpflicht
Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Er ist ein Verstoß gegen die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens und Denkens und hat – aufgedeckt – schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so. Denn wer gegen die Zitierpflicht verstößt, verletzt nicht nur das Gebot der intellektuellen Redlichkeit, sondern auch seine Pflicht, den Leser zutreffend und genau über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu informieren. Es ist deshalb selbstverständlich, daß man […] alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen hat. [4]

Es folgt eine minutiöse und ebenso klare wie brauchbare Auflistung aller geltenden Regeln. Zwei Punkte dürften in der Causa Schavan von besonderem Interesse sein:

6. Wiedergabe sinngemäßer Zitate
Wenn man längere Ausführungen eines Autors zusammenfassend wiedergeben will, kommt an Stelle eines wörtlichen nur ein sinngemäßes Zitat, das man in eigene Worte fassen muß, in Frage. Jedes sinngemäße Zitat muß genauso wie ein wörtliches Zitat mit einer genauen Quellenangabe versehen werden.

9. Quellenangaben bei Zitaten aus erster und aus zweiter Hand
Zitiert wird grundsätzlich der Originaltext, nicht die Sekundärschrift, aus der u.U. das Zitat entnommen ist. Kann der Originaltext nicht eingesehen werden, so schreibt man bei Verwendung des MLA-Zitiersystems: „…“ (Goffman 1959, S. 145 f.; zit. nach Cicourel 1974, S. 98 f.); entsprechend verfährt man auch bei Quellenangaben in Fußnoten oder Anmerkungen. […]

Auch für das wiederholte Zitieren eines Autors sieht der Düsseldorfer Leitfaden eine Regelung vor: Nach dem ersten Zitatnachweis dürfen die weiteren Nachweise dann jeweils verkürzt werden. Mit anderen Worten: Ein Nachweis erfolgt in jedem einzelnen Fall.

All das war in Düsseldorf geregelt, und es war den Studierenden bekannt. Von einer Technik der Eisberg-Zitate weiß der Leitfaden nichts, Typik und Gattung der jeweiligen Arbeit (literaturbasiert? interpretatorisch? basisch? phasisch-tonisch?) finden keine Erwähnung. Regel ist Regel. Benner und Tenorth werden sich wundern, wenn sie aus ihrer kleinen Unpässlichkeit zurückkehren.

Ob sich allerdings Annette Schavan über all diese Neuigkeiten wundern kann, wollen wir offen lassen.

Advertisements

4 Antworten zu “Schavan: Wie sie zitieren musste – warum sie zittern muss

  1. Um das mal in aller Offenheit festzuhalten: Das offizielle Akronym der wissenschaftlichen Sauberkeitsstandarten-Allianz lautet SauSt-All. Das hat mir Hein-Schmöke Pufogel vorgestern bei einem Schoppen Wein auseinandergesetzt, und sich nach seinem dritten Schoppen darüber beklagt, dass skrupellose Leute im Internet einfach die Schreibweise verhohnepipeln. Selbst wenn er Leserbriefe verfasse, seien „die Setzer in diesem Internet“, wie er sich ausdrückte, so frech, typographische Spielchen mit ihm zu treiben.

    Dass er die anschließenden Drohungen in die Tat umsetzt, bezweifle ich jedoch, ich weiß auch gar nicht, ob er sich am nächsten Morgen noch an sie erinnern konnte.

    Ich halte Schavan und ihre wissenschaftlichen Hilfstruppen nicht für so blöd, dass sie sich über diese „Neuigkeiten“ wundern. Ich bin einigermaßen überzeugt, dass die ganze Angelegenheit für sie nur ein Propagandaspiel ist: Wie viele Menschen können wir mit einem gut funktionierenden Expertennetzwerk für wie blöd verkaufen?

    Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Schavan entdoktort werden muss.

  2. Pingback: Suchmaschinen suchen Schavan sonstwo | Erbloggtes

  3. Dr. Werner Schneider

    Einige folgen ja weiterhin ungeprüft dieser seltsam unsinnigen Apologetik, vor 30 Jahren seien die „wissenschaftlichen Anforderungen noch nicht so hoch“ gewesen (Student in einer Kurzbefragung zum Fall Schavan). Dem liegt m.E. eine entlarvende Fehlwahrnehmung zugrunde:

    Durch den medientechnischen Fortschritt der vergangenen 30 Jahre – weitgehende Textdigitalisierung, Internet, Suchmaschinen, sogar spezielle Plagiats-Software – ist die Entlarvung von Zitiersünden um Größenordnungen erleichtert und praktisch für jedermann belegbar geworden. Vor 30 Jahren konnte man viel sicherer sein, nicht erwischt zu werden, und so wurde – gerade seitens der Prestige-Doktoranden – auch mehr gesündigt. Gerade unter Politik-Karrieristen wird man da fast immer mehr oder weniger fündig werden … da gibt es viele Apologeten mit ganz demselben Dreck am Stecken.

    Entlarvend ist hier die einschlägige Ganoven-Selbstwahrnehmung „Du kannst es mir nicht nachweisen = ich bin unschuldig“. Daher dieser notorische Brustton verfolgter Unschuld, der mir (wie bei weiland Guttenberg) besonders auf die Nerven geht. Es klingt allerdings zunehmend schriller aus der Ecke, es wird immer schwerer zu verdrängen, wenn der innere „Trickster“ (=Ganoven-Ersatz fürs Gewissen) die mögliche Entlarvung auf sich zukommen sieht …

    PS: Eigentlich passt auch Frau Merkel perfekt ins Polit-Karrieristen-Profil; ich habe mir mal ihre Promotion runtergeladen und werde sie mir genau anschauen. (Ich bin selber promovierter Physiker.)

    • Das ist natürlich die Frage: Ob jetzt systematisch die Qualifikationsarbeiten bestimmter Personen unter Verdacht gestellt werden sollen, weil uns das persönliche Profil oder das Profil einer Gruppe, zu der sie gehören, missfällt. Da kann man sich dann wirklich fragen, was das „wissenschaftsethisch“ bedeuten würde. Worum ginge es dabei dann in erster Linie? Um die Wissenschaft oder darum, was man mit Wissenschaft sonst noch so anstellen kann?

      Es reicht doch eigentlich, was Leute wie Schavan mit Wissenschaft sonst noch so anstellen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s