Heutige Voraussetzungen der Gewissensbildung bei Annette Schavan

„Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ lautet der Untertitel der Dissertation über „Person und Gewissen“, die Annette Schavan im Alter von 25 Jahren an der Universität Düsseldorf vorgelegt hat. Abschließend erledigt war das Thema damit aber wohl nicht. Gerade die Causa Schavan bietet reichlich Material für eine Fortsetzung der Schavan’schen Studien. Eines der vorläufigen Ergebnisse: Die Voraussetzungen für die Gewissensbildung der Person sind wohl stark wechselnd.

Im Vorwort ihrer Doktorarbeit stattet Annette Schavan ihrem Doktorvater artigen Dank ab, wie es zahllose Doktorandinnen und Doktoranden vor ihr und nach ihr getan haben:

Herr Professor Dr. Gerhard Wehle hat mir die Anregung zu dieser Arbeit gegeben. Ihre Vorbereitung und Erstellung ist durch seine fachliche Betreuung wesentlich gefördert worden. Für seine Hilfe und stete Ermunterung danke ich ihm sehr. [1]

Bei gelegentlichem launigem Rückblick auf ihre Studentenzeit erzählte die Ministerin gerne davon, wie sie als 19jährige im ersten Studiensemester auf einer der Fahrten von Neuss zur Universität in Düsseldorf ihren Kleinwagen zu Schrott fuhr. „Nichts konnte Annette Schavan in ihrer Studienzeit bremsen – bis auf einen Lkw“ [2]. Sie selbst blieb unverletzt:

Zum Glück. Denn die junge Frau hatte noch viel vor. Sie ging schon während des Studiums sehr ehrgeizig ihren Weg. Mit 25 schloss sie ihre Promotion ab. Doktorvater ist der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Gerhard Wehle, der heute in Wesel lebt und bestätigt, dass sie sehr zielstrebig gewesen sei. Wehle unterstützte die Studentin nach besten Kräften, und beide halten bis heute den Kontakt.  [2]

Das waren die guten Zeiten, in denen diese dankbare Verbundenheit nicht nur angebracht erschien, sondern auch auf gefällige Weise vorzeigbar war.

Als die Zeiten kritisch wurden, zögerte der inzwischen hochbetagte Doktorvater nicht, der in Bedrängnis geratenen Ministerin zu Hilfe zu eilen. Sicher wird ihm nicht völlig verborgen geblieben sein, dass es auch um seinen Ruf und sein Ansehen ging, wenn er die Dissertation als „sehr beachtliche Leistung“ verteidigte: „Die Arbeit entsprach damals absolut dem wissenschaftlichen Standard.“ Sie habe auf „gelungene Weise die Gewissensbildung mit Methoden aus der Erziehungswissenschaft und der Moraltheologie analysiert“. [3] Dieser interdisziplinäre Ansatz, heute Alltag in der Wissenschaft, sei damals für junge Promotionsstudenten ein „Wagnis“ gewesen [3].

Doch bei dieser Eloge auf eine von ihm betreute und seinerzeit für „sehr gut“ befundene Arbeit beließ es Wehle nicht. Er wollte sich auch für die Person seiner damaligen Doktorandin verbürgen. Dass sie vorsätzlich getäuscht habe, schien ihm undenkbar:

„Wie kann man eine Arbeit über das Gewissen schreiben und dabei täuschen?“, fragt er. Er habe Schavan als „ehrlichen Menschen“ kennengelernt. [3]

Bloße Zitierfehler aber seien angesichts der damaligen Arbeitsbedingungen nicht überraschend:

Schavan habe mit einem Zettelkasten gearbeitet, Internet habe es damals nicht gegeben, selbst Fotokopien waren kaum möglich. Meist mussten sich die Doktoranden die wichtigen Passagen aus ausgeliehenen Büchern in einem Zettelkasten notieren. „Das ist natürlich fehleranfällig.“ Man könne aber nicht eine Doktorarbeit von 1980 nach den heutigen Maßstäben bewerten, kritisiert Wehle. [3]

Schavan ihrerseits wollte sich in eigener Causa offenbar nicht auf ihren Doktorvater berufen. Das mochte man für den Versuch der Schonung für den alten Herrn halten, bis am 21. Januar 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einer dieser zahllosen Heikette-Schavoll-Artikel erschien, bei denen man nicht weiß, wo die Ministerin aufhört und wo die Journalistin anfängt.

Dies war allerdings nicht einfach ein weiterer, sondern ein besonderer Schavoll-Artikel in entscheidender Stunde. Er erschien einen Tag bevor der Düsseldorfer Fakultätsrat über die Eröffnung des Hauptverfahrens beschließen sollte. Noch schien alles möglich – auch die Erledigung des Verfahrens durch sofortige Einstellung. Das hielten die Urheberinnen des FAZ-Artikels zwar nicht für wahrscheinlich, aber auch für den Fall der Eröffnung war  keineswegs alles verloren zu geben. Immerhin hatte Roland Preuß in der Süddeutschen Zeitung ja wenige Tage zuvor gestreut, dass sich eine „kleine Ehrenrettung“ für Schavan abzeichne, da selbst die Promotionskommission inzwischen nicht mehr von absichtlicher Täuschung ausgehe. Jetzt galt es also, dem Fakultätsrat entsprechende Signale zu geben, um gemeinsam einen glimpflichen Ausgang ansteuern zu können. Da war es zunächst angebracht, ausführlich auf die formidable Erklärung der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zu verweisen, um dann die beiden Optionen zu benennen, die dem Fakultätsrat blieben:

Der Fakultätsrat könnte am Dienstag ein weiteres Gutachten in Auftrag geben, er könnte aber auch eine scharfe Rüge an die ehemalige Doktorandin und den Doktorvater aussprechen. [4]

Das war also das weitestgehende Angebot zur Verständigung, das Schavoll der Universität machen wollten: Eine Rüge – aber nur, wenn zugleich auch Doktorvater Gerhard Wehle scharf gerügt wird! Und um diesen Punkt als essentiell zu unterstreichen, wurde zur Begründung ausgeführt:

Der Doktorvater Gerhard Wehle, ehemals Professor an der Pädagogischen Hochschule in Neuss und später – im Zuge der Schließung der Pädagogischen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen – an der Universität Düsseldorf, hat der Studentin der Erziehungswissenschaften und katholischen Theologie den verwegenen Vorschlag gemacht, ihr Studium mit der grundständigen Promotion abzuschließen. Geplant war eigentlich ein Staatsexamen. Sodann hat er ihr ein Thema gegeben, das sich eher für ein Kompendium eignet als für eine Dissertation einer 23jährigen Frau. Ihre Zitierfehler im zweiten, vor allem kritisierten Teil der Arbeit mit dem Forschungsbericht scheinen ihm entgangen zu sein. Die Versäumnisse des Doktorvaters können die Fehler der Doktorandin keineswegs entschuldigen – schließlich hat Frau Schavan der Universität gegenüber versichert, dass sie „keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt“ hat – aber verschwiegen werden dürfen sie auch nicht. [4]

Dass sich Annette Schavan heute kein Gewissen daraus macht, ihren alten Doktorvater hinzuhängen, wenn sie damit etwas für sich selbst zu erreichen hofft, wird durch die gefühlige Homestory womöglich noch greller beleuchtet, die inzwischen in der ZEIT zu lesen war. Hier räumt sie erstmals „Flüchtigkeitsfehler“ ein:

„Flüchtigkeitsfehler sind mir nicht peinlich.“ Sind es nicht handwerkliche Fehler? […] „Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe jetzt erst entdeckt, dass im Literaturverzeichnis eine Quelle zweimal genannt ist, eine andere dafür gar nicht. Vor 33 Jahren gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen. Man konnte nur selbst genau lesen und auf die Prüfer vertrauen.“ [5]

Da ist er wieder, der mitverantwortliche Doktorvater, auf den die junge Studentin doch so sehr vertraut hatte und der nun, wenn das alles überhaupt zu rügen sein soll, genau so gerügt werden muss wie sie selbst. Eigentlich mindestens genau so, denn sie war jung und unschuldig, und er hätte es besser wissen und sie bewahren müssen.

Angesichts dieser Verteidigungsstrategie wird jetzt womöglich manche und mancher darüber grübeln, ob zu den Voraussetzungen damaliger wie heutiger Gewissensbildung vielleicht auch so eine schwer fassbare Größe wie „Charakter“ gehört (hätte). Wie dem auch sei – wenn man sich einer solchen Strategie bedient, dann sollte man möglichst darauf achten, dass in den diversen Heikettiaden und Homestories auch immer alles hübsch zusammenpasst. Hier besteht leider Nachholbedarf. Denn wie hieß es doch in der FAZ?

Der Doktorvater Gerhard Wehle […] hat der Studentin […] den verwegenen Vorschlag gemacht, ihr Studium mit der grundständigen Promotion abzuschließen. Geplant war eigentlich ein Staatsexamen. [4]

So wurde die junge Annette durch einen verantwortungslos-tollkühnen Doktorvater von ihrem Weg der Solidität fortgelockt und unausweichlich an einen Abgrund geführt. Auch in der Homestory der ZEIT klingt deutlich an, dass bei Abschluss des Studiums eine Abkürzung zu nehmen war. Aber in dieser Version lesen sich die Zusammenhänge doch deutlich anders:

Durch Förderer an der Universität lockt eine Aufgabe am katholischen Cusanuswerk, das Begabte unterstützt. Doch vorher muss sie ihr Studium beenden, 1980, mit Mitte 20, schließt sie es mit einer Direktpromotion ab, also ohne Magisterarbeit, Titel: Person und Gewissen. [5]

Tatsächlich hat das dann auch prima funktioniert mit der Stelle. Annette Schavan hat ihre Dissertation Anfang September 1980 eingereicht. Noch im selben Jahr 1980 wurde sie als wissenschaftliche Referentin beim Cusanuswerk angestellt, also zweifellos unmittelbar nach dem Abschluss ihres offenbar zügig durchgeführten Promotionsverfahrens. Sie hatte also bislang allen Grund, dankbar zu sein dafür, dass ihr hier ein Weg geebnet wurde.

Denn wie es mit ihr seither weiterging, das wissen wir ja.

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10 Antworten zu “Heutige Voraussetzungen der Gewissensbildung bei Annette Schavan

  1. Der „Gefällt mir“-Klick ist keinesfalls als Gefallen des Berichteten misszuverstehen. Das ist vielmehr empörend. Es ist ja alles noch viel schlimmer als befürchtet!

    Am 29. Januar habe ich über die Entlastungsstrategie George Turners geschrieben, dass es nun „Manche von Schavans Verteidigern“ gebe, die dem Doktorvater am Zeug flicken wollten, um die Ministerin zu entlasten.[1] Wenn ich nun erfahre, dass eine Woche vorher Heikette Schavoll (ist Schavan nicht eigentlich gegen Genmanipulation und das Klonen von Mischwesen aus Politikern und Journalisten?) die Inspiration für genau diesen Entlastungsangriff auf den treuen Betreuer lieferte, dann macht das die Informationsflüsse und -wiederverwertungen in Schavans Nutzfreundschaftsnetzwerk natürlich überdeutlich. Warum sollte Turner auch sonst auf die Idee kommen, Wehle sei wegen seiner PH-Erfahrung als Doktorvater „überfordert“ gewesen?

    Die Krux ist nur, darauf habe ich auch Anfang der Woche hingewiesen, dass man damit vielleicht eine leichtgläubige und von schavanistischer Propaganda sorgfältig indoktrinierte Öffentlichkeit ein kleines bisschen manipulieren kann. Aber rechtlich ist es doch völlig belanglos, wer die Idee zur Direktpromotion hatte, und wie der Doktorvater hätte erkennen können, dass Schavan in ihrer Arbeit Freudstudien vortäuschte. Um im Verfahren noch etwas zu reißen, müsste Schavan nun entweder Düsseldorf zur Bonus-Exzellenz-Uni ausrufen (sagen wir mal: für fünf Jahre 500 Millionen jährlich), oder sie müsste beweisen, „dass Doktorvater Wehle […] widerrechtlich Anweisungen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten an die arme Doktorandin erteilt hätte […]. Man darf gespannt sein, wie die Schavanisten diesen Beweis führen wollen.“[1]

  2. Beweisführung mittels Gesundbetens.

  3. Frage: Hier steht, dass sie direkt nach der Direktpromotion beim Cusanuswerk angestellt wurde. Im hier verlinkten Artikel in der RP steht: „Sie aber dachte früh pragmatisch, dass sie als Frau in der katholischen Theologie schlechte Berufsperspektiven habe. Im ersten Jahr arbeitete sie noch als Lehrbeauftragte für Pädagogik an der Kunsthochschule Düsseldorf und ein weiteres Semester als Religionspädagogin an der RWTH Aachen. Schließlich wurde sie Referentin bei der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk – und hatte bald das Geld für ein neues Auto zusammen.“ (http://www.rp-online.de/wissen/bildung/die-wg-erinnerungen-der-ministerin-1.2416880).

    Wann waren denn diese Stationen als Lehrbeauftragte und als Religionspädagogin?

    Interessant finde ich auch, dass sie ein Stipendium (?) der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte.

    • In dem verlinkten Artikel wird eine klare Abfolge suggeriert:

      1.) „Im ersten Jahr“ (nach der Promotion doch wohl?) Lehrbeauftragte für Pädagogik,
      2.) ein Semester Religionspädagogin,
      3.) Referentin beim Cusanuswerk.

      So kann das aber nicht stimmen, denn Referentin beim Cusanuswerk wurde sie definitiv bereits 1980.

      Jetzt kann man spekulieren: Vielleicht war sie als „Lehrbeauftragte“ und „Religionspädagogin“ ja schon während des Studiums unterwegs. Wer weiß, was für „Lehraufträge“ damals an der Kunsthochschule Düsseldorf vergeben wurden oder was Schavan im Rückblick als „Lehrauftrag“ bezeichnet hat. Und eine Tätigkeit als „Religionspädagogin“ mag alles mögliche gewesen sein.

      Spekulation. Vielleicht wurde ihr biographischer Rückblick ja auch nicht richtig wiedergegeben. Immerhin fährt sie in diesem Artikel ja auch mit ihrem roten Renault 5 los, baut einen Unfall, und dann ist ihr Peugeot nur noch Schrott. Allzu viel darf man da nicht erwarten.

      Nicht vorstellen kann ich mir jedenfalls, dass sie selbst ihren Anfang beim Cusanuswerk nicht mehr in genauer Erinnerung hat.

  4. Auf mich wirkt es, als habe sie oder der Autor des Artikels 2008 versucht, zu suggerieren, sie habe umfangreiche Berufserfahrung gesammelt. Habe noch einmal nachgeschaut, aber diese Stationen ihres Berufslebens werden sonst nirgendwo erwähnt.

  5. Heute scheint ihre Freundin Schmoll besonders besorgt zu sein, wie man in ihrem FAZ-Artikel nachlesen kann. Vielleicht steckt da aber auch nur wieder eine Perfidie dahinter.

  6. Pingback: Suchmaschinen suchen Schavan sonstwo | Erbloggtes

  7. Den Spruch “Wie kann man eine Arbeit über das Gewissen schreiben und dabei täuschen?” von dem Doktorvater finde ich richtig putzig 😉 Schön, wenn man so eng mit seinem Forschungsthema verbunden ist.
    Aber gut, ich habe jetzt leider keine Zeit, mich näher damit zu befassen. Ich bekomme nämlich gleich Besuch von einem Freund, der eine wissenschaftliche Arbeit über das Thema „Serienmörder“ schreibt. Und der hatte mir aufgetragen, vorher noch eine Rolle Zewa Wisch & Weg zu besorgen. Also bis später dann, ich gehe mal kurz einkaufen 😉

  8. Im SoSe 1982 hat Dr. Schavan als Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen im FB Katholische Theologie ein 2-stündiges Seminar über „Freiheit und Bindung“ abgehalten, davor und danach nichts. Im Vorlesungsverzeichnis steht bei ihr eine Adresse in Bonn-Bad Godesberg angegeben. Wenn sie nach ihrer Bonner Studienzeit nicht zur Promotion nach Düsseldorf und danach wieder zurück gezogen ist, scheint sie während der Promotionsphase in Bonn gewohnt zu haben.

    • Jedenfalls war diese Tätigkeit „als Religionspädagogin“ an der RWTH wohl nur ein Lehrauftrag nebenher. Damals war sie längst beim Cusanuswerk angestellt. Naheliegend, dass sie dann auch in Bonn gewohnt hat.

      Okay. Lasst uns jetzt aber nicht anfangen, über die mutmaßliche Zahl und den Verbleib ihrer damaligen Zimmerpflanzen zu diskutieren …

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