Causa Schavan: Das Knochenorakel

„Angesichts des Medienzirkus, den wir in den vergangenen Tagen hatten“, herrsche in der Causa Schavan im politischen Berlin „eine wirklich erstaunliche Ruhe“, fand die gut orientierte Bildungsjournalistin Lioba Werrelmann schon am 18. Oktober in einem hörenswerten Interview. Am Abend zuvor war in Düsseldorf der Promotionsausschuss zusammengetreten. Anschließend hatte Rektor Hans Michael Piper erklärt, dass die Uni ohne Zustimmung der Ministerin und ihrer Anwälte nichts mehr zum Verfahren sagen darf. Mittlerweile könnte man fast glauben, dass nicht nur die Politik, sondern auch die Medien den Fall schon abgelegt haben.

Nach den Schockwellen, die mit der Veröffentlichung des Gutachtens über die Uni hereingebrochen sind, erscheint das Düsseldorfer Prüfungsverfahren wie tiefgefroren. Merkwürdig ist, dass auch die Medien kaum noch daran interessiert zu sein scheinen, wie es weitergeht. Nachdem Piper verkündet hatte, dass er nichts Inhaltliches sagen würde, war die Aufmerksamkeit sofort erlahmt. Niemand schien sich mehr zu fragen, was der Promotionsausschuss in seiner Sitzung wohl beraten und beschlossen hat. Dabei hatten dieselben Medien doch immer wieder die entscheidende Bedeutung dieser Sitzung hervorgehoben. Wie würde sich das Gremium zu dem Rohrbacher-Gutachten verhalten? Würde es die Hauptvorwürfe des Gutachters übernehmen oder seine Bewertung verwerfen? Weitere Gutachten einholen? Schavan zur Stellungnahme auffordern? Das alles war plötzlich nicht mehr wichtig. Stattdessen sprach und schrieb jetzt alles über den „Maulkorb“, den Schavans Anwälte der Uni verpasst hätten. Dabei ist dieser angebliche „Maulkorb“ eigentlich nicht der Rede wert.

Seit der Sitzung des Promotionsausschusses am 17. Oktober sind jetzt exakt zwei Monate vergangen, und wir stehen noch immer völlig im Dunkeln. Oder doch nicht völlig? Ich meine, dass die Berichterstattung in den Medien in diesen acht Wochen immerhin drei abgenagte Knochen abgeworfen hat, mit denen wir ein wenig orakeln können.

Erster Knochen: Die Stellungnahme

Am 10. November berichteten die Medien, dass Schavan bei der Universität eine umfangreiche Stellungnahme eingereicht habe. Die Rheinische Post hatte die Neuigkeit „aus dem Umfeld der Ministerin“. Sie wusste auch, dass sich die Ministerin dazu „angeblich“ den Rat von Wissenschaftlern und Juristen eingeholt habe. Wenn das Verfahren überhaupt noch einen einigermaßen geordneten Verlauf hat, dann lässt dieser Vorgang folgenden Schluss zu:

Der Promotionsausschuss hat das Rohrbacher-Gutachten nicht verworfen, sondern im Wesentlichen übernommen und die Ministerin hierzu um ihre Stellungnahme gebeten. Denn das Gutachten ist zwar möglicherweise nicht von Rohrbacher allein verfasst worden, aber soweit wir wissen, hat sich der Ausschuss in der Sitzung am 17. Oktober erstmals gemeinsam mit dem 75-Seiten-Papier beschäftigt. Er ist dabei ganz offensichtlich nicht zu dem theoretisch möglichen Schluss gekommen, dass das Verfahren an diesem Punkt eingestellt werden soll, denn dann hätte sich eine Stellungnahme Schavans erübrigt. Es wird aber auch kaum größere Abweichungen von dem Inhalt und der Tendenz des Gutachtens gegeben haben. Sonst wären nämlich wohl noch weitere Sitzungstermine nötig gewesen, um die Position des Ausschusses festzulegen und sie so zu formulieren, dass eine Stellungnahme dazu von Schavan eingeholt werden konnte. Der Zeitablauf spricht deutlich dagegen, dass es zu solchen Verzögerungen noch gekommen ist: Zwischen der Sitzung und der Vorlage der Stellungnahme sind höchstens drei Wochen vergangen. Auch ohne weitere Verzögerung, ja selbst wenn man annehmen würde, dass der Schriftwechsel zwischen der Uni und der Ministerin per Fax oder email stattgefunden hat, ist das nicht viel Zeit.

Das ist sogar ausgesprochen wenig Zeit, wenn man bedenkt, dass Juristen und Wissenschaftler einbezogen worden sind. Aber vielleicht waren einige dieser Wissenschaftler ja auch schon längst auf ihre Aufgabe vorbereitet.

Zweiter Knochen: Das Interview

In einem bemerkenswerten Interview mit der Rheinischen Post hat der Rektor der Uni am 1. Dezember die Vorwürfe gegen das Düsseldorfer Verfahren erneut zurückgewiesen. Darin stellte sich Piper ausdrücklich hinter den Gutachter. So beantwortete er den Vorwurf, dass Rohrbacher die Zeitumstände der vor 32 Jahren geschriebenen Doktorarbeit nicht zur Grundlage seiner Analyse gemacht habe und „ein Wortklauber“ sei:

Herr Rohrbacher arbeitet wissenschaftlich redlich und berücksichtigt die auch zum Erstellungszeitpunkt gültigen Regeln. Dies ist ein zentrales Element in seiner Analyse. Und wenn es Wortklauberei ist, dass man Texte sorgfältig auf ihre Urheberschaft analysiert, dann ist Wortklauberei eben gute wissenschaftliche Praxis. Es ist völlig klar, dass vor 30 Jahren in allen wissenschaftlichen Disziplinen der akademischen Welt galt, dass man Texte anderer nicht als eigene ausgeben kann.

Und weiter:

Es geht um eine einfache Frage: Stammen die Texte von der Autorin selbst? Oder stammen sie von anderen, sind aber nicht ausreichend gekennzeichnet? Man muss im Übrigen kein Erziehungswissenschaftler sein, um das zu erkennen, und alle ernsthaften Plagiatsforscher bewundern ja die Sorgfalt, mit der Professor Rohrbacher in Abstimmung mit den anderen Professoren in der Kommission gearbeitet hat.

Die Merkwürdigkeiten dieser Äußerung sind schon von ERBLOGGTES aufgespießt worden. Deutlich ist aber, dass der Düsseldorfer Uni-Rektor damit kein Zurückrudern vorbereitet hat. Er ging davon aus, dass die Fakultät das Verfahren weiterführen und zum Abschluss bringen wird. Er rechnete offenbar auch nicht damit, sich in Zukunft von dem Gutachten distanzieren zu müssen.

Übrigens betonte Piper auch, dass das Verfahren mit Sorgfalt geführt wird. Unser erster Knochen bleibt also im Orakel-Spiel:

Einen bleibenden Schaden [für die Uni] sähe ich […] nur dann, wenn die Universität dieses Verfahren nicht sorgfältig durchführte. Wenn man den verschiedenen öffentlich geäußerten Vorschlägen von Außenstehenden folgte, würde es genau darauf hinauslaufen, dass man dieses Verfahren nicht mit Ernst und Sorgfalt durchführt. Eine Lex Schavan wird es in diesem Fall nicht geben. Wir können doch nicht die Regeln ändern, nur weil es sich um eine sehr verdiente Ministerin handelt. Es bleibt dabei: Die Universität fühlt sich allein den Maximen der guten wissenschaftlichen Praxis verpflichtet!

Dritter Knochen: Margarita

Am 6. Dezember 2012 scheiterte Margarita Mathiopoulos vor dem Kölner Verwaltungsgericht mit ihrer Klage gegen die Uni Bonn, die ihr im April den Doktorgrad aberkannt hatte. Die Dissertation der ehemaligen FDP-Beraterin stammt von 1986, ist also ähnlich „alt“ wie die von Schavan. 1990/91 war die Arbeit von der zuständigen Kommission der Uni bereits überprüft worden, aber man hatte es damals bei der Feststellung von handwerklichen Mängeln belassen. Erst nach Hinweisen auf VroniPlag war die Sache 2011 wieder ins Rollen gekommen.

Die Argumentation des Anwalts der Klägerin zielte unter anderem darauf ab, zwischen dem handwerklichen Bestandteil einer Dissertation und der „originellen Idee“ zu unterscheiden, einen Plagiatsvorwurf also nur für den Fall des Ideenklaus gelten zu lassen. Das Gericht ließ sich darauf ebenso wenig ein wie auf eine Verjährungslösung. Zu dieser Forderung des Mathiopoulos-Anwalts angesichts von Arbeiten, die vor 25 Jahren und mehr geschrieben wurden, sagte Klaus Ferdinand Gärditz, Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Jura und Anwalt der Bonner Universität, am Rande des Prozesses:

„Das Problem wird sich in Zukunft häufiger stellen“ […]. Der Grund: Die Untersuchungsmöglichkeiten werden immer feiner. Außerdem dauere es manchmal eine Weile, bis man sich eine Dissertation zur Prüfung vornehme. Gäbe es jetzt schon eine Verjährungsregelung, wären alle prominenten Plagiatsfälle – bis auf die Causa Guttenberg – ohne Konsequenzen geblieben.

Wenn uns unser Knochenorakel nicht im Stich lässt, dann wissen wir jetzt auch schon, in welchem prominenten Plagiatsfall sich das Problem demnächst wieder stellt.

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