Einmal Glosse krass, bitte!

schnierl
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2012 in Sachen Annette Schavan – das ist Qualitätsjournalismus pur. Dafür steht Heike Schmoll. Und niemand sonst. Sie eröffnet auf den Seiten 1 und 2 mit einem großen Leitartikel und betont dann auf der Seite 3 in einem weiteren Beitrag eher das Menschliche. Heftig engagiert ist sie in dieser Angelegenheit, und mächtig in Fahrt, und man kommt ihr jetzt besser nicht in die Quere, wie sie da tobt und wütet und völlig aus dem Ruder läuft.

Nun muss ein Leitartikel in der FAZ einigermaßen manierlich abgefasst sein, das weiß auch Heike. Und auch auf Seite 3 kann man nicht einfach schreiben, wie man mag. Doch es gibt ja noch die Glosse, auf der Titelseite, direkt neben diesem Leitartikel, der ja leider so butterweich formuliert werden musste. Und in ihrem schier unbändigen Schaffensdrang übernimmt Heike nun auch noch gleich die Glosse, hier schafft sie sich ordentlich Luft. Es ist klar: Diese Glosse wird heute das wichtigste sein in dieser FAZ. Ein richtiger Reißer.

Ohne Anhörung“ soll diese Glosse heißen, denn das ist die größte Gemeinheit, wenn man einmal von der Gemeinheit des Plagiatsvorwurfs als solchem absieht: Dass Annette Schavan noch nicht einmal angehört worden ist vom Promotionsausschuss in Düsseldorf, bevor das Gutachten an die Öffentlichkeit gegeben wurde. Eine Anhörung hätte unbedingt sein müssen. In jedem Fall.

Das Düsseldorfer Gutachten ist vorzeitig bekannt geworden. Das ist schlimm, gar keine Frage. So etwas ist in jedem Fall schlimm. Heike Schmoll aber weiß, dass es im Fall einer Ministerin ganz besonders schlimm sein kann, denn:

Dem niedersächsischen Kultusminister Althusmann (CDU) hatte es einst den Kopf gerettet, dass die Potsdamer Universität bei aller sonstigen Unbeholfenheit wenigstens darauf geachtet hatte, das Gutachten unter Verschluss zu halten. Das ist der Heinrich-Heine-Universität nicht gelungen.

Nein, der Heinrich-Heine-Universität ist es nicht gelungen, das Gutachten unter Verschluss zu halten. Sie hätte der Bundesbildungsministerin damit den Kopf retten können, bei aller sonstigen Unbeholfenheit – und allerlei Unbeholfenheiten mögen im Potsdamer Fall ja durchaus vorgekommen sein: Aber das ist alles verzeihlich, Schnee von gestern, denn den Kopf haben sie dem Minister dann ja doch gerettet, damals in Potsdam. Ob das der Universität in Düsseldorf nun noch gelingen wird, erscheint fraglich.

Wird hier ein politisch brisantes Verfahren nur in Unbeholfenheit verstolpert? Nein. Man muss es leider, leider sagen: In Düsseldorf tut sich ein Abgrund auf.

Das Gutachten wurde aus dem Promotionsausschuss einer Zeitschrift zugespielt, womöglich verkauft. Wie korrupt muss man als Wissenschaftler eigentlich sein, um derlei Indiskretionen zu begehen?

Und wieder freuen wir uns ganz besonders, dass wir das Abonnement der Frankfurter Allgemeinen Zeitung immer noch nicht gekündigt haben. Nur ein zertifiziertes Organ des Qualitätsjournalismus nämlich kann und wird sich auch in diesen Zeiten noch den Luxus einer eigenen, kostenträchtigen, aber eben durch und durch professionellen Abteilung für investigative Qualitätsrecherche im Hause leisten. Und so dürfen wir mit wohligem Erschrecken nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass das Gutachten einer Zeitschrift zugespielt wurde – nein, wir erfahren: Das Gutachten wurde

  1. aus dem Promotionsausschuss
  2. womöglich gegen eine Geldzahlung
  3. von einem Wissenschaftler

an eine Zeitschrift weitergegeben. Wobei es sich bei (2) um eine Möglichkeit handelt, und bei (1) und (3) um Fakten. Da wird sorgfältig unterschieden bei der FAZ, und dafür steht Heike Schmoll. Ja, Qualitätspresse lesen! Schon über’m Frühstückskaffee ist man deutlich besser informiert als das G’schwerl in der Nachbarschaft.

Aber die Vorgänge in Düsseldorf, wo die Unbeholfenheit der Wissenschaftler im Promotionsausschuss nur noch von ihrer Korruptheit übertroffen wird, diese skandalösen Vorgänge lassen nicht nur milde auf das zwar nicht ganz mustergültige, aber ministerkopfwahrend zum Abschluss gebrachte Verfahren in Potsdam zurückblicken. Im Nachhinein lassen die Düsseldorfer Merkwürdigkeiten sogar

die konzentrierte Arbeit der Universität Bayreuth an der Dissertation des Karl-Theodor zu Guttenberg als geradezu untadelig erscheinen

Es ist ja aber auch wahr: Der Promotionsausschuss hätte die Ministerin unbedingt anhören müssen, bevor ein korrupter Wissenschaftler das Gutachten (womöglich gegen Geldzahlung) aus dem Promotionsausschuss einer Zeitschrift zugespielt hat. Die Anhörung ist der Heike Schmoll ganz wichtig, deshalb steht sie ja schon in der Überschrift.  

Doch die Universität hat Frau Schavan bisher keine Gelegenheit dazu gegeben. Zuweilen wird das Gewicht der Argumente eben auch aus der Popularität der angegriffenen Person bezogen. Das lässt die Plagiatsvorwürfe gegen Politiker, so berechtigt sie sein mögen, so abgeschmackt erscheinen.

Jetzt gerad‘ ist mir das Düsseldorfer Verfahren nicht ganz so klar. Was is des mit dem G’wicht der Argumente? Es ist halt so bei einer solchenen Glosse, da ham’s wenig Platz und da ist dann manches vielleicht ein wenig verkürzt, was mehr erklärt werden könnte. Die Frau Schmoll hat ja das mit dem korrupten Wissenschaftler noch unterbringen müssen und die ganzen anderen Fakten, die ihr wichtig sind, da ist das hier gegen Ende halt ein wenig eng. Aber verstehen kann man’s schon, was sie sagen will:

In Düsseldorf wollte man Annette Schavan nicht anhören, weil sie – eine Politikerin ist, und zwar eine sehr, sehr populäre, und dieses ganz besondere Popularitätsgewicht der angegriffenen Person war der Universität Grund genug für ein Verfahren ohne Anhörung. Bei einer Anhörung nämlich wäre das ganze Kartenhaus aus abgeschmackten Plagiatsvorwürfen gegen die Politikerin unter dem popularitätsbedingten Gewicht ihrer Argumente unweigerlich in sich zusammengebrochen, und der dabei entstehende Krater – man steht in dieser Universität ohnehin schon nah am Abgrund. Also keine Anhörung der gefährlich Argumentsgewichtigen.

Ganz anders ehedem in Bayreuth. Und auch in einem weiteren Punkt drängt sich ein Vergleich mit der Alma Mater des einstigen Verteidigungsministers auf, und wieder schneidet Düsseldorf im Vergleich ganz grausig schlecht ab:  Methode, Kriterien und Zielrichtung des Düsseldorfer Prüfverfahrens sind völlig untauglich, denn es wird

die Überprüfung der Vorwürfe in dem Gutachten systematisch mit der Überprüfung der Täuschungsabsicht vermischt. Genau das hatte die Universität Bayreuth im Fall Guttenberg bewusst vermieden.

Eine solche systematische Vermischung der Überprüfung der Vorwürfe mit der Überprüfung der Täuschungsabsicht ist selbstverständlich nicht statthaft. Das hätte nie passieren dürfen, und man muss sich schon sehr wundern über den Gutachter. Denn schließlich ist die Täuschungsabsicht kein Vorwurf, sondern eine Absicht und gehört deshalb hier gar nicht geprüft.

In Bayreuth war man da umsichtiger. Bewusst vermieden hat man es dort, die Überprüfung der Vorwürfe mit der Überprüfung irgendwelcher Absichten zu vermischen, weil es nämlich solche Absichten wohl gar nicht gab. Man kann das hier nachlesen:

Da Herr zu Guttenberg den Täuschungsvorsatz bestreitet, hätte eine Aberkennung wegen Täuschung […] vorausgesetzt, ihm zunächst die Möglichkeit einer Anhörung einzuräumen und sich mit seinen Einlassungen auseinanderzusetzen. Dies hätte die Aberkennung des Titels zeitlich stark verzögert. Im Interesse der Wissenschaft musste jedoch zeitnah gehandelt werden.

Da also in Bayreuth nicht die Absicht bestand, die Zeit der Kommissionsmitglieder zu vergeuden, konnte man sich dort natürlich auch nicht mit irgendwelchen Absichten des Ministers befassen, sofern das eine zeitraubende Anhörung nötig gemacht hätte. Ein Verfahren mit klaren Prioritäten, und rasch ging es auch: Nach sieben Tagen war man in der Promotionskommission fertig mit Karl-Theodor zu Guttenberg.

Heike Schmoll findet diese Vorgehensweise, diese konzentrierte Arbeit, im Rückblick geradezu untadelig. Deshalb heißt ihre Glosse ja auch Ohne Anhörung„: Weil dieses Verfahren nachgerade modellhaft ist. Und so mahnt sie die Düsseldorfer dann auch nachdrücklich:  

Nach dieser Vorgeschichte wäre der Fakultätsrat gut beraten, ein weiteres, externes Gutachten einzuholen, um sein Urteil auf eine breitere Grundlage zu stellen, auch wenn sich das Verfahren dadurch noch mehr in die Länge zöge.

Diesem plausiblen Rat zum Schluß wollen wir uns gerne anschließen. Ein weiteres, externes Gutachten kann leicht alles wieder ins Lot bringen. Und wir wollen für die Düsseldorfer hoffen, dass Heike Schmoll dann eines Tages mit jener milden Nachsicht auf das Düsseldorfer Loch schauen kann, die wir heute in ihrem Blick auf Potsdam gefunden haben.

Fast möcht‘ ich drauf wetten.

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