Die eigenen Teile der Verfasserin

schnierl
Gut zwanzig Minuten Aufnahmezeit verwandte das freundliche Team vom NDR auf ein Interview mit dem Berliner Erziehungswissenschaftler Dietrich Benner. Gesendet wurden dann, am 17. Oktober 2012 im “Medienmagazin” ZAPP, nur wenige Sekunden. Wer mag, kann dieses Interview dennoch in Bild und O-Ton in voller Länge miterleben. Ansonsten tut es ja vielleicht auch eine kommentierte Kurzfassung.

Bevor wir damit loslegen, noch kurz zum Verständnis: Gemeinsam mit seinem (gleichfalls emeritierten) Berliner Fachkollegen Heinz-Elmar Tenorth hatte Benner bereits im Mai 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Stellungnahme zum Fall Schavan veröffentlicht, die sich wie ein ungebetenes Gutachten für den Düsseldorfer Promotionsausschuss las. Fazit: Festzustellen seien „Zitierfehler, aber kein Plagiat“ – ja, angesichts der besonderen „Typik“ dieser Dissertation und in Anbetracht der Fülle rezipierter Theorien wollten die beiden Nebengutachter bei Annette Schavan nachgerade „überraschend wenige Stellen“ erkannt haben, an denen unsauber zitiert worden sei.

Nun also, einige Monate später und nach den ersten Berichten über das Düsseldorfer Gutachten, trieb es Benner erneut in die Öffentlichkeit. Ein erstes Interview wurde im NDR am 15. Oktober gesendet. Damals kannte Benner das Gutachten zwar noch nicht, jedenfalls „nicht in Gänze”, hatte aber trotzdem schon eine Menge dazu zu sagen. Zwei Tage später erlebte man Benner abermals im NDR, diesmal wohl nach erster Einblicknahme in das Gutachten.

Die Mikrofone sind gleich freigeschaltet, und dann geht es los. Wir können uns in aller Ruhe und Gründlichkeit mit der Sache befassen, Herr Professor Benner. Jede Menge Zeit. Auch hinterher noch – es ist ja noch heller Tag, und ausstrahlen werden wir das Interview erst um 23:20 Uhr. Wir können also im laufenden Gespräch auch jederzeit etwas nachbessern, und hinterher werden wir auch noch schneiden und so.

Also jetzt geht es los, und der Fragesteller sagt erst mal, was das Gutachten sagt, und das Gutachten sagt, dass das ein Plagiat ist und dass es eine Täuschungsabsicht gibt, und dann fragt der Fragesteller eine Frage, nämlich er fragt den Herrn Professor Benner, was er dazu sagen will, also aus seiner Sicht jetzt. So was nennt man Fragestellung, und dafür ist er ja da. Und dann sagt Herr Professor Benner etwas.

Dietrich Benner: Also, wenn ich das Gutachten in seinen einzelnen Teilen betrachte, sagt es nicht: „Die Arbeit ist in Gänze ein Plagiat“, sondern der Gutachter glaubt, in verschiedenen Teilen der Arbeit Stellen gefunden zu haben, die den Charakter eines Plagiats haben oder dessen Eigenschaften erfüllen.

So weit, so offensichtlich richtig. Denn welche Arbeit ist schon „in Gänze ein Plagiat“? Selbst bei Karl-Theodor zu Guttenberg hatten sich ja nach letztem bekanntem Stand gerade mal 1.218 plagiierte Stellen gefunden, die sich auf lediglich 94,4% der Seiten seiner (?) Schrift verteilten. Nicht weniger als 5,6% der Seiten waren demnach plagiatsfrei – was immerhin einen glatten Sprung über manch wichtige Hürde im politischen Leben bedeutet hätte. Und dabei ergibt eine Bemessung des Plagiatsanteils nach Verteilung der Befunde über die Seiten ja stets recht willkürliche Werte: Ein längerer Abschnitt auf einer Seite wiegt da z.B. halb so schwer wie ein kurzer Satz, der zufällig über einen Seitenwechsel hinweg verläuft, sich also auf zwei Seiten niederschlägt. Will man die plagiierten Anteile einer Arbeit exakt benennen, dann muss man schon die Zeilen – besser noch: die Zeichen – zählen. Zeilengenau berechnet schmiert zu Guttenberg aber mit gerade mal 10.421 plagiierten Zeilen auf schlappe 63,8 Plagiatsprozente ab, kann also auf 36,2%-ige Plagiatsfreiheit verweisen. Das sind Werte, die dann schon fast wieder im Bereich der zuletzt erzielten Landtagswahl-Resultate der CSU (43,4%) liegen. Und wenn wir die sauberste Methode, den Königsweg der Zeichenzählung, wählen würden, dann wäre der Plagiatsanteil ohne jeden Zweifel erneut dramatisch niedriger. Maximal 25% vielleicht. Eher deutlich weniger.

Dietrich Benner allerdings will es für durchaus bemerkenswert halten, dass man von der Dissertation von Annette Schavan nicht sagen könne, sie sei von der ersten bis zur letzten Zeile plagiiert:  

Die inhaltliche Frage, ob diese Stellen – zunächst einmal vorausgesetzt, sie wären richtig interpretiert worden – insgesamt den Tatbestand eines Plagiats erfüllen, diese Frage prüft der Gutachter nicht.

Der Gutachter unterlässt es also, der „inhaltlichen“ Frage nachzugehen, ob diese Stellen nicht nur sämtlich, sondern auch insgesamt als Plagiate zu betrachten seien:

Stattdessen prüft er, ob seine Analyse dazu taugt, eine Täuschungsabsicht nachzuweisen. […] Wenn man das Gutachten liest, hat man den Eindruck, der Gutachter wollte eine Täuschungsabsicht nachweisen und hat das Gutachten so geschrieben, dass er seine vorgefasste Meinung durch sein Gutachten verifiziert. Das ist aber weder in einem solchen Verfahren noch wissenschaftlich tragfähig.

Ja, da kennt Benner sich nun wirklich aus, und recht hat er, vor solcher Gefahr ist dringend zu warnen. Gerade die Causa Schavan hat manch schlimmes Beispiel dafür erlebt, wie vorgefasste Meinungen den Blick der Wissenschaftler trüben können.

Fragesteller: Das heißt, wenn man das nochmal zusammenfasst: Wie bewerten Sie das Vorgehen des Gutachters?

Es ist gut, dass der Fragesteller das jetzt nochmal zusammenfasst. Oder dass Benner es jetzt nochmal zusammenfassen soll, oder so.

Aber damit wäre dann, nach exakt einer Minute und 31 Sekunden, eigentlich auch schon alles gefragt. Eine andere Frage als diese eine, einzige will dem Fragesteller jedenfalls in den verbleibenden zwanzig Minuten des Interviews nicht mehr einfallen zu diesem Gutachten, von dessen Inhalt die ganze Nation erfahren will und das nur Benner kennt. Weshalb der Fragesteller diese seine Frage wieder und wieder stellen wird, in geringfügig variierten Formulierungen zwar, aber doch immer gleich. Fast tut uns der arme Herr Benner ja ein wenig leid, wie er wieder und wieder erklären muss, für wie unsäglich er dieses Gutachten hält, und dabei allmählich merklich müde wird. Und womöglich sollte uns auch der Fragesteller etwas leid tun. Womöglich stellt er ja nur deshalb immer wieder diese eine, einzige Frage, weil er meint, dass doch noch eine gewisse Chance bestehen könnte auf eine knappe, deutliche Aussage. Etwas Sendefähiges vielleicht.

Allzu leid sollte uns der Herr Benner dann aber doch nicht tun. Denn wahrscheinlich hätte es ihn noch stärker angestrengt, hätte er zunächst auf eine ganz andere, eigentlich recht naheliegende Frage antworten müssen: Wie geht denn der Gutachter überhaupt vor? Was tut er denn eigentlich, und wie macht er das? 75 Seiten, die Benner ja studiert und analysiert haben will – was steht da eigentlich drin? Wie verhalten sich die Befunde und ihre Analysen zu dem, was man schon aus dem Internet kennt? Geht das Gutachten auf das Problem des zeitlichen Abstands von 32 Jahren ein? Wie äußert es sich zur Frage des „Eigenplagiats“? Zwanzig Gesprächsminuten lang wird dieses Duo nicht den leisesten Versuch unternehmen, irgendetwas halbwegs Konkretes über den Inhalt, über das „Vorgehen des Gutachters“ zu erfragen oder zu sagen – stattdessen wird weiter um die längst erledigte Frage gekreist, wie Herr Benner dieses Vorgehen denn nun eigentlich findet.

Er findet es offenbar ganz einfach unbeschreiblich.

Wie absolut unterirdisch dieses „Gutachten“ aber sein muss, wird wohl am deutlichsten an den Worten, mit denen der altersmilde Benner doch tatsächlich für eine gewisse Nachsicht plädieren will:

Man darf das Gutachten nicht in allen Teilen in Grund und Boden verdammen.

Nein, in Grund und Boden verdammen darf man das Gutachten dann doch nicht, jedenfalls nicht in allen seinen Teilen, denn immerhin sind kleinere Verdienste zu vermerken: Es wurden

einige Stellen, die bisher so nicht bekannt waren, entdeckt, in denen der Beleg und die Quelle nicht angegeben sind.

Das ist nicht eben viel und vielleicht eher unter „Hülsenfrüchte“ abzulegen, aber immerhin, Benner will das nicht unterschlagen. Doch leider versteht es der Gutachter nicht, seine Funde richtig einzuordnen. Er hat nämlich doch tatsächlich vollkommen übersehen, dass die Dissertation der Annette Schavan aus mehreren Teilen besteht:

Diese Stellen befinden sich aber in dem Teil, in dem Frau Schavan zwanzig bis dreißig verschiedene Positionen zur Theorie des Gewissens darstellt, und der Gutachter unterstellt, dieser Teil sei der eigene Teil der Verfasserin. Nein: es ist der darstellende Teil, die eigenen Teile der Verfasserin sind der erste und letzte Teil.

Haaaalt.

An dieser Stelle müssen wir unterbrechen. Weil: Verständnisproblem. Frau Schavan stellt dar – aber die Darstellung der Frau Schavan ist kein eigener Teil der Verfasserin?

Bislang dachte man ja, Frau Schavan und die Verfasserin seien ein und dieselbe Person. Ist Frau Schavan an dieser Dissertation also nur mit einem darstellenden Teil beteiligt? Das war ja bislang überhaupt gar nicht bekannt! Niemandem! Selbst Heike Schmoll nicht! Und ich finde schon, dass der Herr Benner diesen Umstand etwas deutlicher hätte herausstellen dürfen. Ist ja eine völlig andere Sachlage!

Fragesteller! Fragesteller!! – Der wird da jetzt doch nachfragen, sich investigativ ins Zeug legen?

Nein. Offenbar haben wieder mal nur wir nicht mitgekriegt, was alle anderen selbstverständlich längst gerafft haben: Dass nämlich auf der Dissertation von Frau Schavan zwar außen drauf „Annette Schavan“ steht, aber innen drin stellt die nur etwas dar, und das sind dann aber nicht die eigenen Teile der Verfasserin, sondern nur die der Darstellerin. Und dabei geht es doch grundsätzlich und überhaupt nur um die Verfasserin und um deren eigene Teile. Und zwar in der Arbeit in Gänze. Ja, das kann dann aber doch wirklich nicht das Problem der Frau Schavan sein!

Und wirklich hat es der Herr Professor Benner ja auch in einem Tonfall gesagt, und mit einem Gesichtsausdruck, richtig lebhaft: „Nein [!]: es ist der darstellende [!!] Teil“, dass man schon sehr dämlich sein muss, um nicht zu wissen: Das haben wir jetzt aber verstanden.

Hm.

Ja?

Ehrlich gesagt: So ganz immer noch nicht. Denn das haut ja nicht hin: Diese üblen Stellen – zunächst einmal vorausgesetzt, sie wären richtig interpretiert worden – finden sich ja gerade im darstellenden Teil der Darstellerin, und das ist ja Frau Schavan, und nicht im verfassten Teil der Verfasserin. Also ist die Verfasserin ja vielleicht doch eher auch Frau Schavan, denn dann ist es ja wohl eher günstiger für Frau Schavan, auch die Verfasserin und nicht nur Frau Schavan zu sein. Und günstig, das haben wir inzwischen begriffen, günstig findet der Herr Benner gut. 

Also was Wichtiges gelernt:

In erziehungswissenschaftlichen Dissertationen des mittleren wissenschaftlichen Neolithikums (also so vor 32 bis 38.000 Jahren etwa) stellten junge Menschen ihre Qualifikationsschriften grundsätzlich in Teilen her, und das hätte dem Gutachter natürlich bekannt sein müssen. Und während bestimmte dieser Teile verfasst wurden und deshalb eigene Teile waren, wurden andere Teile dargestellt und waren deshalb nicht eigene Teile. Und in diesen nicht eigenen Teilen konnten die Darsteller dann natürlich machen, was sie wollten. Und das wussten damals alle, und daran konnte man sich auch halten. Und wahrscheinlich waren auch deshalb die jungen Menschen bei der Herstellung ihrer Qualifikationsschriften damals längst nicht so verwirrt wie heute.

Also, hat doch bis hierhin schon ganz schön viel gebracht, dieses Interview mit Benner. Und das schon nach gerade mal zwei Minuten und 15 Sekunden Laufzeit.

Jetzt brauchen wir unbedingt eine Pause, bevor wir weitermachen.

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