Nur Sekundäres aus dem Tertiär

schnierl
Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Heike schmollt“ nennen. Aber das wäre unter Niveau gewesen, und gestimmt hätte es auch nicht: Denn Heike schmollt ja nicht, sondern sie tobt und wütet und läuft völlig aus dem Ruder und beißt beiseite, was ihr im Wege steht und sich etwa auch äußern wollte zur Causa Schavan. Und wenn man im Büro in ihrer Reichweite sitzt und zum Beispiel Jürgen Kaube heißt, dann hebt man in diesen Tagen den Kopf besser gar nicht erst über Papierkorbhöhe oder bleibt gleich ganz daheim. Eh wurscht, denn man kriegt ja im eigenen Blatt ohnehin keine Zeile mehr veröffentlicht.Heike dagegen, Heike ist mächtig in Schwung, und sie breitet sich aus über die Seiten, dass es nur so seine Art hat. Gleich am Montag ging’s los. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2012 eröffnet auf der Titelseite mit einem großen Leitartikel über das Düsseldorfer Gutachten: „Schwere Plagiatsvorwürfe gegen Schavan„, der geht auch noch auf der zweiten Seite weiter und ist von Heike Schmoll. Ein sachlicher Text ist das, der bei dem Versuch, die erhobenen Vorwürfe zu benennen und in ihrer Tragweite zu schildern, allerdings eher abzuwinken scheint:

Es handelt sich also um das in den Geisteswissenschaften durchaus übliche paraphrasierende Verfahren eines Forschungsberichts […]

Und wenig später noch einmal:

Im Wesentlichen handelt es sich also um bekannte Praktiken: Es gibt Passagen, in denen Teile des Gedankengangs in Anlehnung an andere Literatur entwickelt wurden, ohne kenntlich zu machen, dass die Referenzen nicht nur für die Einzelzitate, sondern auch für weitere Paraphrasen des Textes genutzt wurden.

Das sind also bekannte Praktiken, und wenngleich der sachliche Leitartikel diese Frage nicht ausdrücklich stellt, so ist doch zu fragen, was man von diesem Gutachten am Ende halten soll.

Inzwischen sind wir nämlich am Ende des Leitartikels angelangt, auf der Seite 2, und da fällt uns auf der Seite 3 ein weiterer Artikel zur Sache auf: „Wie aus einem früheren Leben„, der ist auch von Heike Schmoll und bringt zunächst etwas menschlichen Hintergrund. Da begegnen wir der Bundesbildungsministerin: 

zurückhaltend, auf leise Töne setzend, sachorientiert, ein Kind des Bildungsaufstiegs. Sie war die erste in ihrer Familie, die studierte.

Ein wenig überfordert war sie wohl auch, damals, denn das Thema ihrer Dissertation  

ist vermutlich zu weit gefasst, birgt Gefährdungen in sich, denen die damals 25 Jahre alte Studentin wohl erlegen ist: der Kompilation einer großen Menge von Sekundärtexten mit Zettelkästen, Exzerpten und Sekundärzitaten.

Man weiß jetzt nicht so recht, wie sich das verhält mit diesen Sekundärtexten und den Sekundärzitaten – aus den Sekundärtexten? Wären das dann nicht schon Tertiärzitate? Primär geht es jedenfalls darum, dass die blutjunge Annette Schavan sich zwar irgendwie schon auch an den allgemeinen Regeln messen lassen muss, aber bloß sekundär, und dass sich seit dem mittleren Tertiär doch gewaltig was getan hat in der Wissenschaft. Und in der Erziehungswissenschaft erst recht! Das kann man glatt vermuten. Und also

vermuten Professoren und Vertreter von Wissenschaftsorganisationen, dass die paraphrasierenden Teile von etwa 70 Prozent der geisteswissenschaftlichen Dissertationen den heutigen, weitaus strengeren Zitierregeln nicht mehr standhielten. Das gilt erst recht für die Dissertationen in der Erziehungswissenschaft.

In der Erziehungswissenschaft, in der seit jeher ganz fabelhaft besondere Verhältnisse zu vermuten sind, gilt das nicht nur für etwa 70%, sondern erst recht für etwa 70%. Wir müssen diese recht präzise Schätzung von etwa 70% also noch mal mit dem Faktor „erst recht“ multiplizieren, und das dürfte für die Erziehungswissenschaft des mittleren Tertiärs dann einen Gültigkeitswert von annähernd 79% ergeben, oder auch von etwa 97%, je nachdem was wir vermuten. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn unter solchen Umständen ausgerechnet die Dissertation der Ministerin ihre Gültigkeit verlieren würde.

Was steht sonst noch in der FAZ an diesem Montagmorgen? Wir blättern wieder zurück zur Titelseite – und da erst springt sie uns ins Auge: Die Glosse zum Leitartikel von Heike Schmoll. Sie heißt „Ohne Anhörung“ und ist ebenfalls von Heike Schmoll.

Bevor wir uns diesem starken Stück Qualitätsjournalismus zuwenden, sei erst einmal gesagt: Respekt! Der Leitartikel und der Hintergrundbericht und die Glosse – also, Reeeeeeespekt! Unsereins kaut halbe Tage lang am Griffel, aber die Heike! Haut einen Artikel nach dem anderen ’naus, als wär’s nix.

Das Thema liegt ihr aber auch wirklich am Herzen, das merkt man. Sie muss an diesen Artikeln das ganze Wochenende –

Halt! So viel Zeit hatte sie gar nicht. Tatsächlich war sie am Sonntag deutlich vor Redaktionsschluss mit allem fertig. In der Online-Ausgabe steht der Hintergrundbericht nämlich mit dem Datums- und Zeitstempel 14.10.12 17:28, für die Glosse ist 14.10.12 15:35 vermerkt, und für den Leitartikel sogar 14.10.12 10:04.

Wie hat sie das geschafft?

Nun, wahrscheinlich wussten Journalisten nicht erst seit Sonntagfrüh, was da beim SPIEGEL im Gange war. Und unter Kollegen ist man einander auch schon mal behilflich. Jedenfalls lag Heike Schmoll der Artikel über das Gutachten, der erst anderntags in der Print-Ausgabe des SPIEGEL erschien,  am Sonntagmorgen bereits vor. Das lassen mehrere Zitate und prägnante Formulierungen ihres Leitartikels erkennen, die diesem SPIEGEL-Artikel exakt entsprechen. Und Heike nennt ja auch ausdrücklich die Quelle ihrer Informationen über das

Gutachten, das durch eine Indiskretion vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte. Wie die Zeitschrift „Spiegel“ berichtet, stammt das Gutachten von dem Düsseldorfer Judaisten Stefan Rohrbacher, der als Prodekan dem Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät vorsitzt.

Aber –

schon wieder: Haaalt! Irgendwas ist da merkwürdig. Das schauen wir uns lieber noch einmal genauer an.

Der SPIEGEL lässt uns Einblick zumindest in einzelne Stellen des Gutachtens nehmen. Zu Seite 63 der Dissertation urteilt der Gutachter demnach, sie

bestehe „in ihrem ersten Drittel vollständig aus wörtlich übernommenen oder (ohne erkennbaren sprachlichen oder inhaltlichen Gewinn) abgewandelten Fragmenten“ eines Textes von Niklas Luhmann, die jedoch nur vereinzelt als solche kenntlich gemacht würden.

Im Leitartikel der Heike Schmoll – der ja auf den SPIEGEL-Artikel als Quelle zurückgreift – heißt es ganz entsprechend: Der Gutachter schreibe zu dieser Seite, sie

setze sich „in ihrem ersten Drittel vollständig aus wörtlich übernommenen oder (ohne erkennbaren sprachlichen oder inhaltlichen Gewinn) abgewandelten Fragmenten“ eines Textes von Niklas Luhmann zusammen, die jedoch nur vereinzelt als solche kenntlich gemacht würden.

Eine eindeutige Sache: Schmoll kennt den SPIEGEL-Artikel und bezieht aus ihm ihre Kenntnis des Gutachtens.

Im SPIEGEL-Artikel heißt es weiter:

Der Gutachter scheint manchmal erschrocken zu sein, als er die Doktorarbeit auseinandernahm, einmal schreibt er: „Die flüchtig angewandte Collage-Technik führt mehrfach zu sprachlichen, sprachlogischen und inhaltlichen Problemen.“

Hoppala! Im FAZ-Leitartikel – wie kann es sein? – liest man hier unvermutet Genaueres:

An anderer Stelle heißt es, der Textausschnitt „erweist sich als Collage von Versatzstücken aus einer Arbeit von Helmut Fend. Als Zitat ausgewiesen sei jedoch nur ein Halbsatz. Die flüchtig angewandte Collage-Technik führe mehrfach zu sprachlichen, sprachlogischen und inhaltlichen Problemen.

Die Heike! Ja da schau her!

Wir wollen jetzt nicht über die vergessenen Schlusszeichen für das Zitat rechten. Schon deshalb nicht, weil es dieses Zitat aus dem SPIEGEL, der aus dem Gutachten zitiert, ja gar nicht geben kann. Weil nämlich im SPIEGEL-Artikel nirgendwo davon die Rede ist, das sich etwas als etwas „erweist“, und auch von einer Collage von Versatzstücken nicht, und auch nicht von Helmut Fend. Also kann Heike Schmoll das gar nicht als Zitat niedergeschrieben haben. Nicht als Sekundärzitat, und schon gar nicht als Primärzitat, denn dann hätte sie ja direkt aus dem Düsseldorfer Gutachten zitiert. Und woher und von wem hätte sie das denn, bitt‘ schön, haben sollen, an diesem Sonntag, dem 14. Oktober 2012, vor 10:04 Uhr?

Von den Kollegen vom SPIEGEL sicher nicht. Denn wir dürfen mit froher Gewissheit ausschließen, dass die Kollegen vom SPIEGEL zu einem journalistischen Potlatch-System tendieren.

Also können wir davon ausgehen, dass Heike das vertrauliche Gutachten aus Düsseldorf an diesem Sonntag, dem 14. Oktober 2012, so gegen 10:04 Uhr, keinesfalls in der Hand gehabt hat. Soviel wissen wir nun: Sie hat es nicht gehabt. Wir wissen nur noch nicht, von wem sie es nicht gehabt hat. Am Sonntag, dem 14. Oktober 2012, spätestens um 10:04 Uhr. Aber das finden wir auch noch raus.

Ja und, wos is jetz nachad mit dera Gloss’n?

Des kriag ma scho no. Späta.

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