Kaum zu (be)schaffen

schnierl
Anfang Mai 2012 begann in Düsseldorf die Überprüfung der Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Doch es ist längst nicht ausgemacht, dass dieses Prüfverfahren auch zu einem klärenden Ergebnis führen wird. In der Bloggerszene ist die Einschätzung der Sache etwas gemischt, die Prognose zum erwartbaren Ausgang dagegen recht einheitlich: Einige meinen zu wissen, dass die Causa Schavan alles andere als ein klarer Fall sei, sondern höchstens ein klarer Grenzfall. Meist sind wir allerdings überzeugt, dass es sich sehr wohl um einen Plagiatsverdachtsfall handelt, den die zuständige Universität aufzuklären hat und aus dem sie dann auch Konsequenzen ziehen muss. Doch ob sie das auch kann und will?

Viele würden wohl unterschreiben, was der Plagiatsforscher Stefan Weber am 13. Mai über die fortlaufenden Recherchen bei schavanplag äußerte:

Ein interessantes Spiel wäre nun, alle weiteren neuen Fragmente nicht zu veröffentlichen und zu schauen, was die Universität “finden” wird. Dann müsste auf sie Druck gemacht werden, dass sie ihre “Funde” publiziert. Ich gehe jede Wette ein, dass da nichts über das bereits Publizierte hinaus dabei wäre!

Und die Universiät scheint sich mächtig anzustrengen, um das in sie gesetzte Misstrauen zu rechtfertigen. Seit Monaten ist nun schon aus Düsseldorf kaum etwas zu hören, und nichts, was wirklich Nachrichtenwert hätte. Keine Information über den Stand des Verfahrens, von Zwischenergebnissen gar nicht zu reden. Derweil wächst die Beweislast bei schavanplag weiter und weiter an.

Was also hat sich in all der Zeit in Düsseldorf getan? Zunächst hatte es ja durchaus den Anschein, als solle an der Universität zügig aufgeklärt und entschieden werden. Am 3. Mai verkündete ein Sprecher,

die zuständige Promotionskommission werde in der kommenden Woche die Arbeit aufnehmen, deren Vorsitzender sei bereits informiert […].

Eine Woche später klang das schon etwas weniger schwungvoll, eher nach ewig zeitraubender Mühsal:

Das Gremium der Philosophischen Fakultät sei dabei, sich die dafür nötigen Materialien zu beschaffen […]. „Wann ein Ergebnis vorliegt, ist noch völlig offen.“

Diese völlige Offenheit bestätigte sich dann in den folgenden Wochen und Monaten. Und in der Notwendigkeit, sich erst einmal die nötigen Materialien zu beschaffen, zeigte sich bereits die erste und schier unüberwindliche Hürde, die einer raschen Klärung entgegenstand. Mochte schavanplag das Material auch längst beschafft, gesichtet und für jedermann bereitgestellt haben – in Düsseldorf wollte man an der gewaltigen Aufgabe schier verzweifeln.

Ende Mai verlautete aus Düsseldorf:

Die Arbeit der Kommission wird voraussichtlich Wochen oder sogar Monate in Anspruch nehmen. Nach Angaben der Uni müssen sich die Mitglieder des Gremiums nun sämtliche Literatur beschaffen, die Schavan damals für die Dissertation genutzt hat. Möglicherweise seien einige Bücher auch gar nicht in den örtlichen Bibliotheken verfügbar und müssten erst per Fernleihe beschafft werden.

Möglicherweise! Genau wusste man das in Düsseldorf an jenem 30. Mai natürlich noch nicht zu sagen, doch zu befürchten war: So manches Buch steht möglicherweise gar nicht in der örtlichen Bibliothek! Auf die zuständige Promotionskommission und ihren bereits informierten Vorsitzenden musste sich eine solche Ungewissheit natürlich lähmend auswirken. So gingen dann Monate ins Land, ehe erneut von Düsseldorfer Tätigkeit zu hören war. Der Juni verging ohne jede Nachricht, und auch der Juli verstrich. Eingeweihte wussten: Semesterferien!

Gar nicht hoch genug ist da zu loben, dass mitten in solcher Zeit des akademischen Halbdämmerschlafes, am 15. August, Journalisten auf ihre erneute Nachfrage von der Universität tatsächlich eine Antwort erhielten, und zwar diese: Die Überprüfung durch den Promotionsausschuss werde

vermutlich noch Monate dauern. […] die Überprüfung sei aufwendig, da die Arbeit vor relativ langer Zeit eingereicht wurde. Die Quellen seien schwieriger zu beschaffen, als bei einer kürzlich eingereichten Arbeit.

Auch einen Monat später war auf die hemmende Kraft der Düsseldorfer Beschaffungsprobleme Verlass. Am 11. September hieß es:

Um zu einem Ergebnis zu kommen, das „einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten kann“, brauche die Uni noch mehr Zeit, sagte ein Sprecher. Es sei aufwendig, die von Schavan zitierten Quellen zu beschaffen.

Freilich, der Aufwand, der mit der Beschaffung der zitierten Quellen verbunden ist, muss ganz enorm sein. Denn es geht ja nicht einfach nur darum, einige Bücher per Fernleihe nach Düsseldorf zu bestellen. Nein, wir haben hierbei auch zu bedenken, vor wie relativ ungeheuer langer Zeit die Dissertation eingereicht worden ist. Wer in unseren heutigen Zeiten eines effizient und rasch funktionierenden Fernleihsystems nur mit kürzlich eingereichten Arbeiten zu tun hat, der wird die Schwierigkeiten wohl kaum ermessen können, mit denen sich der Promotionsausschuss konfrontiert sieht. Die Dissertation der Annette Schavan nämlich ist nicht weniger als 32 Jahre alt. Völlig andere Verhältnisse! Die Epoche des berüchtigten roten Leihscheins, eine Bestellung per Fernleihe in etwa so aussichtsreich wie Flaschenpost in den Weiten der Salzwüste …

Da stehen nun also die Düsseldorfer Kommissionsmitglieder an den Ufern des Rheins und winken ihrer Flaschenpost hinterher. Ein wenig verzagt wirken sie ja in der Rückenansicht, aber sie sind doch auch tapfer entschlossen, bis zum Rücklauf der Fehlanzeigen und vielleicht sogar des einen oder anderen Werks aus fremdem Bibliotheksbesitz auszuharren und die Untersuchung der verdächtigten Dissertation alsdann tatsächlich in Angriff zu nehmen.

Vielleicht ist es ja der leise Wellenschlag am Rhein, der uns ins Grübeln bringt. Nicht Monate, sondern eher Jahre werden wohl vergehen, bis sich in der Düsseldorfer Angelegenheit wirklich etwas tut. Und – ja sicher, so sind wir früher auch vorgegangen: Erst die Fernleihbestellungen auf den Weg gebracht, wegen der enorm langen Bearbeitungszeiten. Doch wie wäre es denn, wenn man ausnahmsweise zuerst – ?

Wie sie da so am Ufer stehen, kommen uns diese Ausschüssler doch recht verloren vor. Und wir sind ja gern gefällig. Gestern erst haben wir dieser älteren Dame über die Fürstenrieder geholfen, da wo die Fürstenrieder am ekelhaftesten ist. Warum also nicht auch hier ein wenig behilflich sein?

Gehen wir also das Verzeichnis der von Schavan zitierten Quellen, vulgo Literaturverzeichnis, systematisch durch. Vielleicht ist ja doch das eine oder andere Werk in den kargen Beständen der örtlichen Bibliotheken nachgewiesen … Anders als der Ausschuss schreiben wir das Jahr 2012 und können den Online-Katalog benutzen. Und – oh Überraschung! – wir verzeichnen einen Treffer nach dem anderen: 

00: psy/c1373   51: dn/0341   00: psy/c4249   00: psy/b3361 02: antd19042.g461   25: phim804.a761   00: rel/b2288   rel z k 080   00: erz/c4199   00: erz/c7076   25: phig67704.b283   phim240.b348   00: erz/c4405   03: phid49118.b393   00: erz/c4323   erz/c2777    03: phid41204.b587   erz/c4359   morb100.b658   00: erz/c4441   relg820.b669   rel z c 800   soz/b0036   relm46852.u56   00: STW13574   00: psy/c0699   00: PUR3356   03: erza600.b848(7)   03: phid13802.d536   53: da/2166   rell70566.b932   00: psy/c1859   phim810.c329   …

Wir sind inzwischen bis zum Buchstaben „C“ gelangt und haben auf dieser Teilstrecke ganze zwei (2) Ausfälle zu verzeichnen, für die wir auf die Fernleihe zurückgreifen müssten. Alles andere: In Düsseldorf vorhanden. Es ist aber doch recht unwahrscheinlich, dass sich die Verhältnisse im Bereich von, sagen wir mal, „R“ bis „U“ ganz anders darstellen, oder dass „G“ regalpräsenzmäßig vollkommen versagt. Wir haben nur keine Lust mehr, das jetzt noch weiter nachzuprüfen, und behaupten einfach: Annähernd 95% der zitierten Quellen sind vor Ort jederzeit einzusehen.

Seit Anfang Mai wird uns nun erzählt, wie ungeheuer schwer es dem Düsseldorfer Ausschuss fallen muss, diese ganzen uralten, entlegenen Werke zu beschaffen. Ja in der Tat, es muss schwer sein. Vielleicht aussichtslos. Ohnehin sind die Aussichten vor Ort wohl zumindest stark eingeschränkt.

Nach einem Erkundungs-Tiefflug mit GoogleEarth über den Düsseldorfer Campus halten wir den hässlichen Klotz, der jeden Ausblick aus den Fenstern der Philosophischen Fakultät versperrt, übrigens für – das Bibliotheksgebäude.

campus

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