Hausbesuch bei Humboldt-Uni-Präsi Olbertz: “Tauscht endlich diese Leuchte aus!”

Schon im Oktober 2012 haben aufmerksame Blogger darauf hingewiesen, dass namhafte Wissenschaftler, die Annette Schavan in ihrer Bedrängnis zu Hilfe kamen, mit der Ministerin eng verbunden und als Angehörige eines Interessennetzwerks befangen sind [1, 2].

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Wollen nicht in die Neonröhre gucken:
Annette Schavan und Jan-Hendrik Olbertz, Februar 2011

Es lohnt sich, diesen Faden noch einmal aufzugreifen. Denn womöglich geht es in der Causa Schavan um mehr als nur um die Frage, ob ein Plagiat immer ein Plagiat ist, oder ob es sich bei Plagiaten in höheren Kreisen grundsätzlich nur um Verflüchtigungsfehler handelt.

Zu denen, die sich seit Bekanntwerden des für Schavan verheerenden Düsseldorfer Gutachtens immer wieder besonders lautstark zu Wort gemeldet haben, zählt Jan-Hendrik Olbertz, der Präsident der Berliner Humboldt-Universität. Nicht nur die Frequenz, sondern auch die Schneidigkeit seiner Äußerungen ist auffallend. Obwohl the hobo and the gypsy sich gerade schon intensiv mit Olbertz beschäftigt haben, werde ich daher meine kleine Reihe von Hausbesuchen bei ihm beginnen.

Olbertz äußert sich erstmals am 17. Oktober 2012 gegenüber der “Berliner Morgenpost”:

Die Vorwürfe gegen Annette Schavan sind von großer Tragweite – aber das Verfahren, mit dem sie untersucht werden sollen, ist in seiner Beiläufigkeit schlicht unsäglich. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das Gutachten fahrlässigerweise in einer Pizzeria liegen geblieben ist, was aber noch die freundlichste Annahme wäre [3].

Woher der Präsident der Berliner Humboldt-Uni wissen will, wie das Verfahren an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf geführt worden ist, verrät er nicht. Er erklärt dieses Verfahren einfach für “in seiner Beiläufigkeit schlicht unsäglich” und unterstellt, dass die am Verfahren Beteiligten zumindest grob fahrlässig gehandelt haben. Man könne

einen Fall von solcher Tragweite doch nicht genauso behandeln wie eine Gremienentscheidung, ob im Foyer eine neue Neonröhre angebracht werden soll [3].

Wahrscheinlicher als Fahrlässigkeit sei ohnehin, dass das Gutachten “absichtlich an die Öffentlichkeit lanciert wurde, also ein politisches Interesse besteht”[3]. Das mag wohl so sein. Doch falls das so ist: Wie und von wem wurde das Gutachten absichtlich an die Öffentlichkeit lanciert? Bei wem besteht ein politisches Interesse? Olbertz lässt das im Unklaren. Wie wenig unschuldig das in seiner Beiläufigkeit ist, wie wenig für die Annahme spricht, dass er seine Worte nur grob fahrlässig wählt, zeigt sich in seinen Schlussfolgerungen:

Da das Prozedere bisher nicht der Wahrheitsfindung, sondern anderen Interessen gedient habe, zweifle er an, dass damit bereits die Wahrheit gefunden wurde. “Die Universität sollte im Interesse der Sache und in Anbetracht des bereits entstandenen Schadens das Verfahren in andere, externe Hände abgeben. Ich empfehle ein Gremium unabhängiger Kollegen aus der Wissenschaft. Hierzu könnten die Ombudsleute der großen Forschungseinrichtungen angesprochen werden”, sagte Olbertz [3].

Das Prozedere – das ist das Verfahren. Der Präsident der Berliner Humboldt-Universität gestattet es sich also auf der Grundlage von – was eigentlich? -, den Verantwortlichen der Uni Düsseldorf mal eben “andere Interessen” als die Wahrheitsfindung zu unterstellen. Damit unterstellt er nebenbei auch, dass es für das Verfahren Verantwortliche waren, die das Gutachten an die Öffentlichkeit lanciert, also eine politisch motivierte Straftat begangen haben. Das berechtigt ihn dann zu der Forderung, die Universität Düsseldorf solle “das Verfahren in andere, externe Hände abgeben.” Man kann nun rätseln, wessen Hände das nach Auffassung des Erziehungswissenschaftlers Olbertz wohl sein sollten. Man kann auch rätseln, wie sich der Berliner Uni-Präsident wohl die juristische Grundlage einer solchen Verfahrensweise vorgestellt hat. Oder ob ihn solcher Kram wie eine juristische Grundlage überhaupt interessiert.

Wie wir wissen, ist Olbertz mit dieser Forderung nicht durchgedrungen.

Nachdem inzwischen in Düsseldorf das förmliche Verfahren zur Entziehung des Doktortitels eröffnet worden ist, wollte Olbertz behaupten, ein zweites Gutachten sei jetzt “zwingend”[4]. Er fand es nicht nötig, das näher zu begründen.

* * *

Jan-Hendrik Olbertz, geb. 1954 in Berlin, war von 1992 bis 2010 Professor für Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 2002 bis 2010 amtierte er als (parteiloser) Kultusminister in der CDU-geführten Landesregierung von Sachsen-Anhalt. 2010 wechselte er auf eine Professur an der Humboldt-Universität Berlin, deren Präsident er im Oktober 2010 wurde.

Nach seiner Wahl zum Präsidenten der Humboldt-Uni sah sich Olbertz mit Vorwürfen konfrontiert, seine 1981 an der Universität Halle-Wittenberg vorgelegte Dissertation und die 1989 ebenfalls in Halle-Wittenberg eingereichte Habilitation seien Propagandaschriften im Sinne der SED-Herrschaft. Der bereits sattsam bekannte Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth verteidigte ihn damals mit der Forderung, statt Systemschelte müsse Textanalyse betrieben werden.

Im Februar 2011 traten Bundesforschungsministerin Annette Schavan und Jan-Hendrik Olbertz in einer offenbar abgestimmten Aktion für die Einrichtung von Bundesuniversitäten ein: Nach dem Auslaufen der milliardenschweren Exzellenzinitiative im Jahr 2017 sollten leistungsstarke deutsche Universitäten mit hohem Finanzbedarf in die Zuständigkeit des Bundes wechseln, um durch beste Ausstattung ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zu sichern. Bereits im Vorfeld der Exzellenzinitiative waren Überlegungen angestellt worden, die Humboldt-Universität nach dem Vorbild der ETH Zürich in eine Bundesuniversität umzuwandeln. Nun erklärte Schavan:

Jedem ist klar, dass die Exzellenzinitiative nach der dritten Runde beendet ist. Trotzdem wird danach sofort die Debatte einsetzen, wer das dauerhaft finanziert, um exzellente Strukturen zu erhalten. Spätestens dann wird sich die Frage nach Standorten von Bundesuniversitäten stellen[5].

Olbertz meinte:

Die Spielräume für reiche und arme Länder sind inzwischen so unterschiedlich geworden, dass der nationale Anspruch, Wissenschaft und Lehre überall auf hohem Niveau zu garantieren, in Frage steht. Dann müssen wir über eine Bundesuniversität nachdenken[5].

Das gemeinsame Nachdenken über die “Frage nach Standorten von Bundesuniversitäten”, aus dem flugs das Nachdenken “über eine Bundesuniversität” geworden war, versetzte die Ministerin und den Präsidenten der Humboldt-Uni in die oben abgebildete beste Laune.

Die Laune war schon vorher nicht ganz schlecht. Am 12. Januar 2011 hatten Annette Schavan und Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler in der Berliner Charité das neue “Gesundheitsforschungsrahmenprogramm” vorgestellt. Als Herzstück des Programms bezeichnete Schavan die Nationalen Zentren für Gesundheitsforschung, für die allein 475 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Für das Programm sollen innerhalb von vier Jahren 5,5 Milliarden Euro bereit stehen.[6] Am 6. November 2012 wurde dann in Berlin die Zusammenführung der Charité und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in einem “Berliner Institut für Gesundheitsforschung” angekündigt. Dem „Berliner Institut für Gesundheitsforschung” sollten für die Jahre 2013 bis 2018 insgesamt mehr als 300 Millionen Euro zur Verfügung stehen, davon 90% aus Bundesmitteln. Die bestehende Grundfinanzierung von Charité und MDC bleibe davon unberührt.[7, 8] Da es sich bei der Charité um eine Einrichtung der Humboldt-Uni (und der FU Berlin) handelt, muss Olbertz daran gelegen sein, dass diese Pläne tatsächlich zum Tragen kommen. In trockenen Tüchern ist das alles noch keineswegs. So soll das “Errichtungsgesetz” für das neue Großinstitut erst 2014 durch das Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet werden.

Sicher nicht weniger stark als bei Olbertz ist das Interesse an dieser Entwicklung bei Karl Max Einhäupl, dem Leiter der Charité. Auch er fiel mehrfach durch heftige Ausfälle gegen das Verfahren der Uni Düsseldorf auf. Einhäupl

nannte das Verfahren „akademisch unwürdig“. Er sagte weiter, ihm dränge sich der Verdacht auf, für die Universität stehe „eine politische Mission“ im Vordergrund, und „nicht das Motiv der wissenschaftlichen Redlichkeit“. [9]

Sicherlich war es die wissenschaftliche Redlichkeit, die ihm gebot, einen derart schwerwiegenden, durch keinerlei konkrete Indizien gestützten “Verdacht” gegen eine ganze Universität ohne Weiteres in die Öffentlichkeit zu tragen.

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4 Antworten zu “Hausbesuch bei Humboldt-Uni-Präsi Olbertz: “Tauscht endlich diese Leuchte aus!”

  1. Pingback: Jan-Hendrik Olbertz – the definitive account | Erbloggtes

  2. Vielen Dank für diese erhellende Analyse. So langsam ist es wohl an der Zeit, das Netzwerk der von Schavan ausgehaltenen Wasserträger in einem Diagramm zu dokumentieren. Sozusagen mit einem Schavan.net Wiki. Damit würde das Versorgungsnetz der Energiesparlampen im Dienste der Bundesministerin für jeden Bürger sichtbar, samt der Quellenlage, im doppelten Sinne. Denn wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, um noch ein Motiv dieses sehr guten Blogbeitrags zu reflektieren. Wer anders als die tief religiöse Schawan sollte das besser wissen (sollen)? Aber vielleicht ist Schavan.net ja auch das bessere Kreuz.net der Wissenschaft?

    PS: die Idee mit dem Foto ist sehr, sehr gut! Vielen Dank dafür.

  3. Guter Bericht, nur eine Kleinigkeit: “Man kann nun rätseln, wessen Hände das nach Auffassung des Erziehungswissenschaftlers Olbertz wohl sein sollten.” Das sagt er doch ganz offen und wird hier sogar zitiert: “Ich empfehle ein Gremium unabhängiger Kollegen aus der Wissenschaft. Hierzu könnten die Ombudsleute der großen Forschungseinrichtungen angesprochen werden”. Damit bringt er gerade die von Schavan abhängigen Wissenschaftseinrichtungen ins Spiel, die ihr explizit zur Seite stehen und alles andere als unabhängig sind. Das ist bestimmt kein Zufall und ich bin für den noch bestehenden Bildungsföderalismus dankbar.

    • Ich hatte mir das so vorgestellt: Die ständig beschworenen Fachwissenschaftler, also Benner und Tenorth aus dem Hause Olbertz, und vielleicht noch Fend aus Zürich obendrauf, dann ist es sogar international. Die müssen in der Sitzung nur noch ihre schon bekannten Papierchen aus der Zeitung vorlesen. Als weitere Experten vielleicht noch Ludger Honnefelder für die höheren Weihen und George Turner zum Entpolitisieren, der hat es ja auch nicht weit bis zur Humboldt-Uni. (Die bietet sich als neutraler Sitzungsort natürlich an.) Die Ombudsleute bringen das dann zum garantiert guten Ende. Wenn das geschafft ist, müssen wir den Bildungsföderalismus aber dringend abschaffen.

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